Die Klimakonferenz in Durban geht in die Verlängerung - statt durchzuverhandeln, gönnen sich die Verhandler eine Nachtpause. Doch mit einem Kompromiss tun sie sich schwer.von Bernhard Pötter

Brauchen offensichtlich eine Pause: Müde Delegierte in Durban. Bild: dpa
DURBAN taz | Immerhin eine überraschende Weltneuheit gibt es auf der Klimakonferenz von Durban: Zum ersten Mal in der Geschichte der Klimaverhandlungen wurde in der letzten Nacht nicht brutal durchverhandelt, bis alle Anwesenden vor Müdigkeit vom Stuhl kippen, um im Morgengrauen eine Entscheidung zu verkünden. Freitagabend wurden Beobachter und Journalisten nach Hause geschickt. Manche Beamten arbeiteten weiter an den Papieren, andere durften schlafen gehen, um Samstag früh für einen zusätzlichen Tag frisch ans Werk zu gehen.
Genutzt hat das nicht viel. Denn die erhofften Konsenspapiere liegen auch am Samstagmittag immer noch nicht auf dem Tisch. Ratlos wälzen Journalisten und Beobachter eine Vielzahl von Dokumenten, die mal offiziell freigeben, dann wieder zurückgezogen werden. Pressekonferenzen und Hintergrundbriefings der Delegationen sind ausgesetzt. Eine kleine Gruppe von Ländern tagt nach der südafrikanischen „Indaba“-Methode, um in einem kleineren Rahmen Kompromisse im Voraus zu klären, die dann im Plenum angenommen werden sollen.
Doch erkennbaren Fortschritt gibt es kaum. Die vorliegenden Entwürfe sind zwischen den Gruppen noch umstritten. In einer Zusammenfassung der südafrikanischen Präsidentschaft von Freitagnacht wird ein Kompromiss vorgeschlagen: Demnach soll noch ein Jahr weiter verhandelt werden, um ein „Protokoll oder ein anderes juristisches Instrument“ zu erreichen – wie weit das von dem „völkerrechtlich verbindlichen Abkommen“ entfernt ist, das die EU fordert, ist unklar.
Freitag Abend hatte die EU-Klimakommissarin Connie Hedegaard noch erklärt, die EU wolle hart bleiben: Ohne rechtliche Verpflichtung von allen Seiten keine zweite Kioto-Periode. Und auch die deutschen Verhandler hatten betont, die Papiere „bräuchten noch Zähne“.
In dem Vorschlag der Präsidentschaft steht weiter, die Staaten sollten sich zu höheren Reduktionen beim CO2-Ausstoß verpflichten – aber ohne genaue Daten. Dafür könnten sich die EU und ihre Partner zu einer zweiten Verpflichtungsperiode des Kioto-Protokolls durchringen und zwischen 2013 und 2017 eine Verringerung um 20 bis 30 Prozent in Aussicht stellen.
Andere Papiere dagegen sprechen davon, die Reduktionsverpflichtungen für die Industriestaaten aus Kopenhagen und Cancún festzuschreiben und gleichzeitig anzuerkennen, dass sie nicht ausreichen. Auch sollen die Entwicklungsländer mehr finanzielle Hilfe beim Klimaschutz, besseren Zugang zu grünen Technologien und Hilfen zur „nachhaltigen Entwicklung“ bekommen. Für Aufsehen auf den Fluren sorgte dann kurzfristig die Erwähnung eines Vorschlags, dass die Industriestaaten genau so viel Geld für den Klimaschutz zur Verfügung stellen sollten, wie sie für „Verteidigung, Sicherheit und Kriegsführung“ ausgeben – ein sicherer Killer für jede Art von Abkommen im Plenum, wie es hieß.
Unstrittig ist dagegen offenbar die Einrichtung des „Grünen Klimafonds“. In einer eigenen Vorlage wird diese Finanzierung von Klimaschutzmaßnahmen in den armen Ländern begrüßt und eine solche Struktur geplant. Doch da gibt es zwei Probleme: Erstens sind bislang außer den 40 Millionen Euro der Deutschen und der 15 Millionen der Dänen keine Mittel versprochen. Und zweitens muss auch der Klimafonds vom Plenum beschlossen werden. Dazu braucht es ein geordnetes Ende der Konferenz und zumindest einen Minimalkonsens. Und darum wird derzeit noch gerungen.
Die Arbeit der UN zu Umwelt und Nachhaltigkeit soll mehr Raum bekommen – das fordern fast alle Staaten und Aktivisten. Doch nationale Interessen verhindern vieles. von Andreas Zumach

Vor allem in den Entwicklungsländern könnten durch „Green Economy“ bis zu 60 Millionen neue Jobs entstehen, sagen UN-Experten. Sie plädieren für Milliarden-Investitionen.

Die Welt befindet sich derzeit mitten in einem großtechnischem Experiment mit ungewissem Ausgang: Die intensive Freisetzung von Treibhausgasen, vor allem dem Kohlendioxid (CO2) aus der Verbrennung fossiler Brennstoffe wie Kohle, Öl und Gas, verändert die Atmosphäre des Planeten in einer erdgeschichtlich einmaligen Geschwindigkeit. Der Anteil von CO2 in der Atmopshäre ist so hoch wie seit Jahrtausenden nicht und die Emissionen haben 2010 einen historischen Rekordstand erreicht. Bislang ist die globale Mitteltemperatur der Erde gegenüber dem vorindustriellen Zeitraum um etwa 0,8 Grad Celsius gestiegen. Setzen sich die bisherigen Trends fort, wird die Erde bis 2100 im Schnitt etwa vier Grad Celsius wärmer sein. In manchen Gegenden wie den Polgebieten wird der Anstieg noch deutlich größer sein.
Ursache für die Freisetzung der Treibhausgase ist zum größten Teil die Energiewirtschaft. Aber auch die industrielle Land- und Viehwirtschaft, die Zerstörung des tropischen Regenwalds und der Verkehr tragen große Mengen zum menschengemachten ("anthropogenen") Klimawandel bei, der die natürlichen Schwankungen (etwa durch Sonnenaktivitäten oder geologische Phänomene) inzwischen deutlich überdeckt. Der UN-"Klimarat" IPCCC hat mit einer überwältigenden Mehrheit der zuständigen Wissenschaftler in bislang vier Sachstandsberichten klargestellt, dass der Klimawandel real ist, schneller als gedacht abläuft und zum großen Teil von menschlicher Aktivität verursacht wird. Der aktuelle Bericht des IPCC datiert von 2007, der fünfte Bericht wird für 2014 erwartet.
Fast alle Fachleute (mit Ausnahme einiger weniger oftmals unqualifizierter und politisch motivierter "Klimaskeptiker") gehen davon aus, dass eine solche Veränderung des Klimas massive Folgen nach sich zieht: Die Meeresspiegel könnten bis zu einem Meter steigen, die Gletscher in vielen Gebirgen abschmelzen und die Wasserversorgung gefährden; Vegetationszonen verschieben sich bereits, Tiere und Pflanzenarten geraten unter zusätzlichen Druck, die Ernährung der Bevölkerung ist bedroht. In vielen Regionen nehmen die Wetterextreme zu und bisher gewohnte Muster wie der Monsun in Indien beginnen sich zu verändern. Ab einem bestimmten Punkt befürchten Wissenschaftler einen "Rückkopplungseffekt", an dem sich die Klmaerwärmung von selbst verstärkt: Schmilzt etwa das Eis an den Polen absorbiert das dunklere Wasser mehr Sonnenenergie, erwärmt sich und schmilzt darauf wiederum mehr Eis. Als solche "Kipppunkte", an denen das Weltklima eine rasche Erwärmung erfahren könnte, wenn eine Schwelle überschritten ist, gelten zum Beispiel die Polkappen, der "Golfstrom", der Amazonas-Regenwald oder die auftauenden Permafrostböden vor allem in Sibirien.
Die Menschheit hat das Problem bereits relativ früh erkannt, aber bislang nur sehr zögerlich reagiert. 1992 schlossen die meisten UN-Staaten die "Klimarahmenkonvention" UNFCCC, die zum Ziel hat, eine "gefährliche menschengemachte Veränderung des Weltklimas" zu verhindern. 1997 folgte daraus das Kioto-Protokoll, in dem sich die Industrieländer, die historisch für einen Großteil der Emissionen verantwortlich sind, zu einer Reduzierung ihrer Emissionen um ingesamt 5,2 Prozent bis 2012 gegenüber 1990 verpflichteten. Obwohl sich die USA als damals größter Verschmutzer aus dem Abkommen zurückzogen, wurden die Quoten erreicht - doch die weltweiten Emissionen stiegen und steigen weiter steil an. Vor allem die wirtschaftliche Entwicklung der "Schwellenländer" wie China, Indien, Brasilien oder Südafrika, die unter dem Kioto-Protokoll zu keiner Reduktion verpflichtet sind, heizt inzwischen das Klima stark auf. Nach einem gescheiterten Versuch, auf dem Klimagipfel 2009 in Kopenhagen einen völkerrechtlich verbindlichen Vertrag zu schließen, der alle Länder umfasst, gibt es nun eine solche Perspektive für 2020: Bis zu diesem Zeitpunkt, so haben die Staaten einstimmig bei der Klimakonferenz 2011 im südafrikanischen Durban beschlossen, soll ein allgemeines internationales Abkommen den globalen Klimaschutz regeln.
Trotz aller Versprechungen sind die aktuellen Anstrengungen zum Klimaschutz aus Sicht der Wissenschaft bei weitem nicht ausreichend. Eine Studie des UN-Umweltprogramms UNEP vom Herbst 2011 kommt zu dem Schluss, dass bisher nur etwa 60 Prozent der nötigen Anstrengungen unternommen werden, um den Klimawandel auf zwei Grad Celsius bis 2100 zu beschränken - diese Schwelle gilt bei vielen Wissenschaftlern als die Obergrenze, bis zu der die Folgen des Klimawandels noch beherrschbar sind. Um dies zu erreichen, müsste der weltweite Ausstoß von CO2 etwa 2015 seinen Höhepunkt erreichen und dann rasch absinken. Die bisherigen Trends lassen eine solche Entwicklung allerdings sehr fraglich erscheinen. Viele Wissenschaftler gehen deshalb inzwischen davon aus, dass das 2-Grad-Ziel nicht mehr zu erreichen ist.
Echte Stars, begeisterte Fans, prima Shopping-Tipps - wir freuen uns auf die Fußball-Europameisterschaft.

Starre Rituale, öde Debatten, ein Haus der Langeweile? Nicht in der Ukraine! Hier werden Parlamentsdebatten noch mit Leidenschaft, Herzblut und handfesten Argumenten geführt!

Weltraumtouristen, Satelliten und Versorgungsflüge zur ISS – die Raumfahrt wird privatisiert und kommerzialisiert.

Es ist ein echtes großes Drama, das sich da in Griechenland abspielt. Ein Drama über die Demokratie, die Unregierbarkeit. Dieses Wort muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Und das Drama genießen.

Leserkommentare
11.12.2011 09:44 | oha
Eine Billion für den Euro und 40 Millionen für´s Klima - das muss nicht weiter kommentiert werden.
11.12.2011 06:59 | lars willen
man kann einen neuen elektro roller bei ebay für 300euro kaufen,darf aber laut stvo nicht am verkehr teilnehmen-und die lab ...
10.12.2011 17:25 | vic
Inzwischen wäre man shon zufrieden, man könnte einen "Fahrplan" ausarbeiten, füe ein Wiedersehen 2015. Den man dann evtl. b ...