Für die beiden Organisatorinnen ist es der stressige Höhepunkt des Jahres: der Sonntagsumzug des Karnevals. Ein Arbeitsprotokoll.von Philipp Stachelsky
Über 700.000 ZuschauerInnen kamen am Pfingstsonntag zum großen Karnevalsumzug. An dem nahmen in diesem Jahr 97 Gruppen mit 4.700 TeilnehmerInnen aus rund 80 Nationen teil. Auch der Kinderkarnevalsumzug am Samstag brachte viele auf die Straße: Gut tausend kleine und große Menschen feierten mit Musik und phantasievollen Kostümen das diesjährige Mottotier, den Eisvogel. Insgesamt schätzen die Veranstalter die BesucherInnenzahl des diesjährigen Karnevals der Kulturen auf 1,3 Millionen. Sieger des Wettbewerbs sind die Gruppen "Comparsa Chamanes", Grupo Peru" und "Sapucaiu no Samba". Preise für die Wagen bekamen "Hura Echt Street Puppets" und "Serenata Lubola". Der Kinderpreis ging an "Kids 44" und die "Berliner Großfiguren".
9.04 Uhr: Die Kreuzung an der Urbanstraße Ecke Hermannstraße ist wie ausgestorben. Hier, wo in ein paar Stunden die Massen feiern werden, unterhalten sich zwei Frauen übers Wetter. "Hab mit der Feuerwehr telefoniert: Es soll keinen Regen geben", beruhigt Nadja Mau ihre Kollegin Stefanie Schatte. Die 40-jährige Mau ist seit 6 Uhr auf den Beinen. Studiert hat sie Germanistik und Psychologie. Gerade letzteres wird ihr in den nächsten 16 Stunden zu Gute kommen. Gemeinsam mit der 36-jährigen Schatte organisiert sie Berlins größtes Straßenfest, den Karneval der Kulturen.
9.22 Uhr: "Hallo Steffi, hörst du mich?", ruft Nadja Mau in ihr Funkgerät. Stefanie kann Nadja hören. Am Stand der Werkstatt der Kulturen ist Mirko Klitscher eingetroffen und mit ihm das Hauptarbeitsgerät des Tages: die Funkausrüstung. Klitscher ist Technischer Leiter der Veranstaltung. Er hat Erfahrungen mit Großveranstaltungen, zuletzt war er bei der 60-Jahre-Grundgesetzfeier im Einsatz. "Aber der Karneval ist etwas besonderes." Allein seine Organisation wartet für den Sonntagsumzug mit 35 Mitarbeitern auf. Dazu kommen weit über 100 Ordner und Zugbegleiter auf der Strecke, zählt man noch Polizei und Rettungsdienste dazu, werden rund 600 Menschen für einen reibungslosen Ablauf des Festes sorgen. Geplant wurde es von zwei Frauen.
9:55 Uhr: Nadja Mau und Stefanie Schatte begutachten die bereits eingetroffenen Wagen im Aufstellungsbereich in der Urbanstraße. Zwölf Seiten stark sind die Sicherheitsbestimmungen, die jede der 97 teilnehmenden Gruppen beachten muss. Mau und Schatte kommen nicht schnell voran, obwohl Mau sogar mit einem kleinen City-Roller unterwegs ist. Immer wieder ein kurzer Stopp bei alten Bekannten, mit der Kreuzberger Formation "San Rafael del Sur" wird schon mal das nächste Jahr besprochen. Vor dem Karneval ist vor dem nächsten Karneval. Zwischendurch besorgen die beiden Frauen noch ein paar Einparkgenehmigungen per Funkgerät. Zwei Lationos flüstern sich am Straßenrand zu: "Mira, las madres del carnaval." Schau mal, die Muttis des Karnevals.
10.30 Uhr: Der Wagen von Radio Eins meldet "alles tutti". Die kroatische Gemeinde dagegen scheint nicht so ganz mit den Sicherheitsbestimmungen vertraut zu sein. Die Landesflaggen an den Wagenseiten sehen zwar Klasse aus. "Aber sind die nicht brennbar?" fragt Mau. Sie sind, wie Maus Schnelltest mit dem Feuerzeug offenbart. Bei Radio Eins ist nichts mehr tutti. Verfrühter Soundcheck. "Hey", mahnt Mau, "erst ab 11 Uhr dürft ihr proben!" Die Funkzentrale meldet: "An alle: Noch zwei Stunden bis zum Karneval der Kulturen 2009."
11.35 Uhr: Die deutsch-brasilianische Gruppe Afoxé Loni trommelt sich warm. Traditionell wird sie den Umzug eröffnen und anführen. "Ich kriege immer noch eine Gänsehaut, wenn es losgeht", schwärmt Mau, die im fünften Jahr das Fest mitorganisiert, und eilt mit schnellen Fußstößen auf dem Miniroller davon. Vom stimmungsvollen Auftakt wird sie wie ihre Kollegin Schatte nichts mehr mitkriegen. Innerhalb der nächsten Stunde müssen zwei Wagen mit Material versorgt, ein Radiointerview gegeben und Sponsoren, Medienpartner und Juroren empfangen werden.
13.18 Uhr: Am Südstern wird der Platz vor der Jury-Tribüne abgesperrt. Neben dem VIP-Bereich sichert sich das gemeine Volk die besten Plätze hinter den Absperrungen. Im Ü-Wagen des RBB haben die Techniker alle Hände voll zu tun, um 14 Uhr soll die Live-Übertragung beginnen. Auch Stefanie Schatte ist voll auf Sendung: Das Funkgerät macht keine Pause, ständig laufen Anfragen ein. Was denn für Anfragen? "Alles. Aber jetzt keine Zeit zum Erklären", ruft sie lächelnd.
13.52 Uhr: Nadja Mau eilt zur Kommentatorenkabine. Die nächsten drei Stunden wird sie die Künstlerperformance vor der Jury-Tribüne im Fersehen kommentieren. "Geht's euch gut?!" fragt die Sängerin von Afoxé Loni vom hohen Wagen herab. Einer der Ordner sieht nicht so aus. Immer wieder gehen besorgte Blicke gen Himmel, der ein mächtiges Unwetter ankündigt.
14.21 Uhr: Klaus Wowereit steht unter einem Sommenschirm im VIP-Bereich und mit ihm ein Polizeitrupp. Während der Regierende Bürgermeister routiniert ins Radiomikrofon über die Bedeutung des Karnevals für Berlin referiert, betrachten die Beamten gebannt den Karneval. Ganz ohne Begleitpersonal trifft derweil Hans-Christian Ströbele (Grüne) ein. Gekonnt hievt er das Fahrrad einen Meter in die Höhe, um es an einem Geländer anzuschließen.
15.40 Uhr: Der Zug stoppt kurz vor dem Jury-Bereich, die ausgelassene Stimmung ist jäh beendet. In der Parade kommt es vor dem Wagen der uruguayischen Gruppe Serenata Lubola zu tumultartigen Szenen. Stefanie Schatte stürmt zum Ort des Geschehens, mit ihr ein Tross Fotografen. Gewaltsam reißen cirka 20 Polizisten die Karnevalisten aus dem Zug, erst nach einer Stunde und einigen Diskussionen dürfen sie ihres Weges gehen.
17.10 Uhr: Die Sendezeit des RBB ist vorbei. Nadja Mau darf aus der Sprecherkabine. "Ich muss mir erstmal ein Update besorgen." Vom Kommentatorenplatz musste sie den Polizeieinsatz tatenlos mit ansehen. Lagebesprechung mit Stefanie Schatte und Philippa Eboné, der Geschäftsführerin der Werkstatt der Kulturen. "Alles unter Kontrolle", zeigt sich Mau erleichtert. Auch Petrus hat mitgefeiert. Das Unwetter ist vorerst ausgeblieben.
18.53 Uhr: In der Funkzentrale in der Körtestraße hat Zugkoordinator Markus Mechelhoff ein ungewöhnliches Problem: Der Zug ist eine Stunde zu schnell. Die Zugbegleiter sollen den Vormarsch verzögern. Mit den letzten Wagen verschwindet auch das Publikum und die für die Finanzierung der Veranstaltung lebenswichtigen Catering-Firmen würden nicht auf ihre Kosten kommen.
19.20 Uhr: An der Hasenheide haben die Sondereinsatzkommandos der Stadtreinigung bereits ganze Arbeit geleistet. Die Straße ist sauberer denn je, nur noch ein paar Versprengte säumen den Straßenrand. Ein paar hundert Meter weiter in der Gneisenaustraße von Auflösungserscheinungen keine Spur. Nadja Mau und Stefanie Schatte wollen von der Jury-Tribüne zur Yorckstraße, um zu überprüfen, ob am Ende der Strecke die Auflösung reibungslos funktioniert. Auf dem Weg durch die dicht gedrängten Massen ist den Müttern des Karnevals bei der Betrachtung ihres Ziehkindes anzusehen, warum sich der ganze Stress lohnt. Mit leuchtenden Augen begeistern sie sich immer wieder am großen Ganzen und den kleinen Details innerhalb der Menge: Drei Jungs hängen an einer Ampel und haben den besten Blick auf die letzten Wagen. Ein Mann hilft einem anderen, sein Fahrrad über die Absperrung zu hieven. Mau stößt versehentlich einem Passanten die teure Sonnenbrille runter. "Verzeihung", ruft sie. "No Problem", lächelt der Mann zurück. "Genau das ist der Karneval", sagt Mau glücklich.
20.42 Uhr: In der Yorckstraße entlädt sich mit aller Macht das so lange aufgeschobene Gewitter auf die letzten Wagen der Kolonne. Mau und Schatte können dennoch relativ beruhigt sein. Die Feuerwehr meldet: Heftiger Regen, aber kein Sturm. Mehr als nur ein paar Hartgesottene halten derweil auf der Straße aus und tanzen ungestört weiter.
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Es ist ein echtes großes Drama, das sich da in Griechenland abspielt. Ein Drama über die Demokratie, die Unregierbarkeit. Dieses Wort muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Und das Drama genießen.

Leserkommentare
22.05.2010 23:36 | Philipp Sacher
Wie bunt ist der Karneval der Kulturen? ...
03.06.2009 10:35 | touriaushtown
Eine ungewöhnliche Perspektive. Spannend, nicht nur für Leute aus Kulturmanagement etc. ...