Kabarettist Georg Schramm über Politik

„Mein Zorn ist echt“

Kabarettist Georg Schramm erkundet den Aufstand. Ein Gespräch über politischen Amok, den richtigen Selbstmord und die Veränderungen aus der Mitte des Bürgertums.

„Protest anzuführen ist unheimlich“ – Georg Schramm.   Bild: imago / manfred siebinger

sonntaz: Herr Schramm, Sie sind einer der letzten großen Kabarettisten alter Schule. Stehen Sie morgens mit dem linken Fuß auf und schütteln als Erstes den Kopf?

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Georg Schramm: Ja.

Und dann sind Sie zornig?

Ja.

Und dann fressen Sie den Zorn in sich rein?

Ja.

Und abends auf der Bühne kotzen Sie sich aus?

Ja. Aber ich muss mich disziplinieren.

Wieso?

Ich kann mich nicht endlos auskotzen. So viel Ärger verträgt meine Dramaturgie nicht. Schauen Sie sich das alles an: Merkel, Steinbrück, der Umgang mit der Finanzkrise – und was die Privatarmee Frontex an den Grenzen Europas macht. Das ist zu viel für einen unterhaltsamen Abend.

Es fällt auf: Je radikaler Ihre Pointen sind, desto lauter lachen die Leute. Warum freut es die Menschen, wenn Sie im Programm erwägen, Josef Ackermann zu erschießen?

Es ist kein Zufall, dass eine bestimmte Figur von mir diesen Satz sagt: der alte Sozialdemokrat. Er meint, man müsste mal einem wie dem Ackermann die Rübe runtermachen – stellvertretend für die ganzen anderen. Diese Figur ist eine Stimme aus dem Volk, die authentisch ist. Ich wette mit Ihnen, dass unzählige Leute abends in der Kneipe diesen Satz schon mal genau so gesagt haben. Das ist eine Sehnsucht. Es geht nicht darum, Ackermann zu erschießen. Es geht um die Sehnsucht, sich aus der Ohnmacht zu befreien.

Snowdenleaks könnte für Internetaktivisten sein, was Tschernobyl für die Atomkraftgegner war. Aber schafft es die Netzbewegung, diese Chance zu nutzen? Die große Geschichte „Was tun! Aber was?“ lesen Sie in der taz.am wochenende vom 17./18. August 2013. Darin außerdem: Ein Gespräch mit dem politischen Kabarettisten Georg Schramm, eine Reportage über Frauen im Kosovo, die nach dem Krieg neues Selbstbewusstsein entwickeln. Und der sonntaz-Streit zur Frage: Macht Taschengeld Kinder zu Materialisten? Am Kiosk, eKiosk oder gleich im praktischen Wochenendabo.

Glauben Sie auch daran?

Nein, das ist doch völliger Quatsch.

Haben Sie denn eine Sehnsucht nach Radikalität?

Logisch. Es ist ja nicht zufällig Teil meines Programms. Mein Zorn ist echt, und ich bemerke, dass er großen Widerhall findet.

Ihr Programm spielt mit Revolutionsromantik. Sie feiern zum Beispiel Rentner, die 2009 einen Anlageberater entführt haben, der sie geprellt haben soll. Den Fall gab es wirklich.

Ich habe von dem Fall der vier geprellten Rentner gelesen und war begeistert. Ich bin es heute noch. Weil es so ein konsequentes, aber letztlich friedliches Zeichen der Selbstermächtigung ist.

Ist das nicht komisch? Sie spielen den Zorn vor Leuten in Abendgarderobe in gepolsterten Sesseln.

Klar, ich muss unterhalten. Wenn ich Kurse in der Volkshochschule geben würde, würde niemand dafür bezahlen. Die Mehrzahl der Menschen, die abends vor mir sitzen, gehen so schnell nicht auf die Straße. Aber ich spüre durchaus eine Offenheit für Radikalität. An Abenden, wo es gelingt, sage ich dann: „Ein Hauch von Sportpalast-Atmosphäre kann uns nicht schaden.“

Im Berliner Sportpalast rief Joseph Goebbels 1943 „Wollt ihr den totalen Krieg?“ Die Menge johlte.

Sehen Sie: So groß ist meine Verzweiflung. Und darin steckt mein eigener Zwiespalt. Diese Ruhe in Deutschland ist doch beängstigend, oder nicht? Aber das Gegenteil, die Aufwallung, ist es auch. Ich habe große Angst davor. Aber es soll den Leuten ruhig schauern.

Nehmen wir die Blockupy-Proteste in Frankfurt. Es gibt linke Strömungen, die versuchen, ihren Protest in die Breite zu tragen. Braucht es einen linken Populismus?

Ja, natürlich.

Was soll das sein?

Beginnen wir mal am Wortgebilde. Populismus ist so etwas wie die Stimme des Volkes. Vox populi. Das ist per se nichts Schlimmes, finde ich. Die Stimme des Volkes zu sein halte ich für etwas Positives. Es fängt an, einen schlechten Geschmack zu kriegen, wenn dieses Volk in eine bestimmte Richtung gelenkt werden soll. Wir haben eine so grauenhafte Erfahrung in Deutschland mit einem rechtsradikalen Populismus, dass Populismus dauerhaft mit etwas Grauenhaftem verbunden ist. Aber ich halte weder Polemik noch Populismus per se für etwas Schlechtes. Ich bin als meine Hauptfigur Dombrowski, das ist ein alter, kriegsversehrter Rentner, gern populistisch.

Als Georg Schramm auch?

Das gelingt mir nicht so oft. Ich habe zu viele Wenns und Abers im Kopf. Dann werden die Sätze so kompliziert.

In Ihrer Rolle sind Sie ein talentierter Demagoge. Haben Sie schon mal Angst vor der Wirkung Ihrer eigenen Reden bekommen?

Ja. Ich habe einmal bei einer Montagsdemo gegen Stuttgart 21 geredet. Da standen über 20.000 Leute vor mir. Das ist ein Eindruck, der mich dauerhaft begleitet, heute noch. Ich habe schnell gemerkt, dass ich da nicht normal reden konnte.

Wieso?

Das hatte zunächst akustische Gründe. Der Hall auf dem Platz war so groß, dass ich keine komplizierten Sätze bilden konnte. Sonst hätten mich die Leute hinten nicht verstanden. Ich musste mit sehr einfachen Sätzen und einer robusten Grammatik sprechen und auf Nebensätze verzichten. Das ist mir so überraschend gut gelungen, dass die Leute schier Kopf standen. Später fragten mich Freunde, ob ich gemerkt hätte, was da los war. Natürlich habe ich das bemerkt. Es war berauschend. Wenn ich damals gesagt hätte, in zehn Minuten stehen wir alle nicht vor, sondern hinter dem Bauzaun, hätte die Polizei wieder Wasserwerfer holen müssen.

Kam Ihnen das schon während Ihrer Rede in den Sinn?

Ja, und mir war ganz schlecht dabei.

Viele Menschen würden sich wünschen, einmal einen Protest anzuführen.

Es ist ein geiles Gefühl, aber mit Vorsicht zu genießen. Ich habe immer im Kopf, dass diese Fähigkeit, die ich da plötzlich gespürt habe, nicht einzigartig ist. Die haben andere auch. Die Rechten könnten womöglich ganz andere Mengen zum Laufen bringen. Ich korrigiere also: Protest anzuführen ist doch nicht geil. Es ist unheimlich.

Sie redeten vor Occupy-Demonstranten in Frankfurt, Sie agitieren auf Bühnen und im Fernsehen. Was war das Radikalste, das Sie abseits des Redens gemacht haben?

Nicht wirklich viel. Ich habe erst einmal im Leben auf der Straße gelegen. Das war kurz nach Fukushima am französischen Atomkraftwerk Fessenheim. Wir wohnen Luftlinie sechs Kilometer von dem Meiler entfernt, auf der deutschen Seite. Da waren wir mit 12.000 Leuten. Bei uns in der Region wird noch an die alte Tradition der Anti-Atomkraft-Bewegung von Wyhl angeknüpft.

Und sonst?

Ich sage Ihnen, dass das das Äußerste war, damit Sie sehen, dass da nicht viel ist. Und jetzt sage ich Ihnen, warum es mir auch persönlich so geht wie vielen anderen: In meinem Innersten, in meinem Herzen, bin ich ein kleiner, ängstlicher Sozialdemokrat, der Angst davor hat, dass man mir vorwirft, ein vaterlandsloser Geselle zu sein. Ich mache es wie ein Dackel im Wald. Ich belle ganz laut, damit keiner merkt, dass ich ein kleiner, ängstlicher Köter bin. Aber ich arbeite gegen meine Ängstlichkeit an.

In Ihrem Bühnenprogramm zünden Sie zum Abschluss eine Bombe.

Der Sozialdemokrat August zündet die Bombe. Er hat die Rolle des Clowns: Er ist ein ganz einfacher Sozialdemokrat mit seiner eigenen Sicht auf die Welt. Die ist nicht falsch, die ist nur einfach. August will es mal krachen lassen. Er geht mit einer Theaterbombe ab. Aber da passiert ja nicht wirklich etwas. Es macht Peng und es ist Rauch.

Es ist eben eine Theaterbombe.

Ich habe da mit meinem Regisseur lange drüber diskutiert. Er sagte: Genau das ist doch das, was wir hier machen. Wir zünden Theaterbomben. Das ist für einen Sozialdemokraten schon viel. Sie können das mit der Theaterbombe symbolisch nehmen. So ist die Stimmung in Deutschland.

Was spüren Sie denn hier in Deutschland?

Ich spüre gar nichts. Ich kann mich erinnern, dass viele Menschen meiner Generation vor 20 Jahren diskutiert haben, dass ein Drittel der Bevölkerung in Deutschland abgehängt wird, wenn wir nicht aufpassen. Heute haben wir das. Ich habe das Gefühl, die Zweidrittelgesellschaft ist schon da.

Wenn sich auf Plätzen in Kairo, Madrid, in Istanbul und São Paulo die Empörten versammeln – was macht das mit Ihnen?

Das bewegt mich sehr, wenn junge und alte Menschen nebeneinanderstehen. Nehmen Sie Istanbul, wo die Menschen plötzlich wirklich einfach nur gestanden haben. Mit welcher Klugheit und mit welchem Witz die Leute diesen großmäuligen Satz von Erdogan aufgenommen haben, dass alle ruhig sein sollen. Ich bin mir sicher: Wenn ich Türke wäre, ich wäre auf dem Platz. Und wenn es bei uns eines Tages zu Unruhen kommt, aus welchen Gründen auch immer: Ich hoffe, dass ich dann auf dem Platz bin. Alles andere würde ich mir persönlich übelnehmen.

Sie sind offenbar zornig und predigen den Widerstand – und doch gibt es eine letzte Schwelle, selbst auf die Straße zu gehen?

Vielleicht hat das auch mit meiner Geschichte zu tun. Ich bin Jahrgang 1949. Bei den großen Straßendemonstrationen 1968 wäre ich in dem Alter gewesen, dabei zu sein. Da war ich nicht auf der Straße, sondern bei der Bundeswehr. Wir haben dort diskutiert, ob die Bundeswehr laut Notstandsgesetz bei inneren Unruhen eingesetzt werden darf oder nicht. Meine Haltung dazu hat mir meine erste negative Bewertung eingebracht.

Warum?

Ich musste eine Unterrichtseinheit in Innerer Führung vorbereiten. Dazu hatte ich mir Gewerkschaftsmaterial besorgt und erklärt, dass der Einsatz der Bundeswehr im Innern verfassungswidrig sei. Aber das war der Unterschied: Die anderen waren auf der Straße – ich habe harmlos DGB-Material referiert.

Wo waren Sie, als die RAF in Deutschland unterwegs war?

Ich war damals Psychologe in einer Reha-Klinik am Bodensee und habe das aus großer Distanz, aber gleichzeitig mit klammheimlicher Freude miterlebt. Ich kann bis heute nicht verhehlen, dass ich immer das Gefühl hatte, beim Schleyer haben sie nicht den Falschen getroffen. Ich habe es in meinem Programm mal thematisiert. Das war immer ganz heikel.

Heute ist die Empörung groß, wenn bei einer Demonstration mal etwas kaputtgeht.

Ich habe da auch eine große Abneigung. Ich war in meinem Leben noch nie in eine Schlägerei verwickelt. Und ich sage Ihnen jetzt etwas, das ich ganz schlimm finde. In den letzten Jahren mehrt sich in mir das Gefühl, dass die kleinen Veränderungen zum Guten, die den Veränderungen zum Schlechten überhaupt nicht standhalten können, dass diese Veränderungen zum Guten gerade aus der Mitte des Bürgertums kommen. Ich habe das Gefühl, dass die Impulse gar nicht aus der linken Ecke kommen. Die Impulse kommen von Leuten wie dem baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann.

Was ist daran schlimm?

Ich finde das irgendwie furchtbar. Aber ich bete jeden zweiten Tag, dass der Mann lange gesund bleibt. In einem Land, das 60 Jahre lang der CDU gehört hat, wird einer mit einer Vergangenheit im Kommunistischen Bund heute Ministerpräsident. Wenn ich katholisch wäre, würde ich Kerzen anzünden. Der Fortschritt ist eine solche Schnecke.

Was finden Sie so schlimm am Bürgertum?

Ich lebe da jetzt, und ich lebe da gut, vielleicht zu gut. Aber ich komme da nicht her. Ich stamme aus einer armen Familie, aus sehr einfachen Verhältnissen. Ich habe es mithilfe der Sozialdemokratie aufs Gymnasium geschafft. Ich habe von einer gewissen Durchlässigkeit des deutschen Bildungssystems profitiert, die es genau zu diesem Zeitpunkt einmal kurz gab. Ich war zufällig in dem Alter durchzukommen. Heute würde ich nicht mehr durchkommen. Und deshalb fühle ich mich den kleinen Leuten verpflichtet, zu denen ich heute kaum noch Kontakt habe, weil meine meisten Freunde gut situiert und abgesichert sind. Vielleicht empört es mich deswegen so sehr. Wir dürfen doch nicht nur, weil wir etwas haben, sagen: Es muss alles so bleiben, wie es ist. Das ist falsch.

Sie haben es weit geschafft. 2012 waren Sie kurzzeitig als Gegenkandidat für die Wahl des Bundespräsidenten im Gespräch.

Es ist gut, dass mir das erspart geblieben ist. Ich glaube, ich bin als Kabarettist deutlich besser. Ich habe auch gleich gesagt: Ich will gar nicht der Präsident aller Deutschen sein. Ich würde erst mal ein paar Leute ins Schloss Bellevue einladen und ihnen vorschlagen, in ein anderes Land zu ziehen.

Wenn Sie noch mal gefragt würden, was wäre die Antwort?

Ich habe mich dummerweise festgelegt: Wenn das Volk eines Tages den Bundespräsidenten selbst wählen darf, dann würde ich antreten. Wahrscheinlich würde die Bild-Zeitung Günther Jauch nominieren. Gegen den hätte ich keine Schnitte.

Sie sind nun 64 und derzeit mit Ihrem letzten Soloprogramm unterwegs. Was kommt für Sie noch?

Eines der wenigen Zukunftsprojekte, das ich noch habe, ist mein Wunsch, einen Abend nur über Amok zu machen. Amok hat ja eine große Tradition. Damit zu spielen reizt mich sehr.

Was ist denn die positive Tradition des Amok?

Positiv habe ich nicht gesagt. Ich sagte: große Tradition. Die Idee des Amok stammt begriffsgeschichtlich aus Indonesien. Amok ist die pure Verzweiflungstat, gegen etwas anzurennen, gegen das man nur verlieren kann.

Lässt sich das positiv deuten?

Ich weiß es noch nicht, aber es treibt mich um.

Selbstmord als politisches Programm ist ja in vielen Ländern gar kein Witz.

Sie sagen es. Nehmen Sie Griechenland. Das ist traditionell ein Land mit niedriger Selbstmordrate – derzeit steigt sie rasant an, weil die europäischen Hilfen vor allem für die Banken gedacht waren. Die Leute gehen nachts ins Meer. Sie sagen, sie gehen dorthin zurück, wo sie hergekommen sind. Das ist der Rest ihrer Würde. Ich sage in meinem Programm mittlerweile jeden Abend: Das ist doch kein politisches Zeichen, wenn Tausende allein ins Meer gehen. Wenn einer von denen einen Reeder ertränken würde, bevor er sich selbst ertränkt – das wäre ein politisches Zeichen.

Wen würden Sie denn mitnehmen, um heroisch abzutreten?

Ich beschäftige mich wirklich damit, wie ich abtreten kann. Aber weniger heroisch. Ich möchte mir mein Leben nehmen können, bevor ich zum Beispiel dement werde und die Krankheit meine Persönlichkeit ruiniert. Ich habe bei meiner Mutter erlebt, wie grausam der Zerfall der Person durch die Demenz ist. Die Vorstellung, dass meine Kinder und meine Frau jemanden pflegen müssen, der sie nicht mehr kennt, der nur noch den Namen trägt, finde ich furchtbar. Das kann Menschen ruinieren, und das ist es nicht wert, finde ich. Der Freitod ist etwas sehr Wertvolles und Positives.

Wissen Sie schon, wie Ihr Rentner Dombrowski abnippelt?

Wenn Amok nicht geht, muss ich mir noch etwas einfallen lassen. Im aktuellen Programm macht er bereits einen radikalen Abgang. Sein letzter Satz ist ein Satz von Eckart von Hirschhausen. Etwas Schlimmeres kann man ja eigentlich nicht machen.

Und Sie?

Wenn mein Dombrowski tot ist, wird es den Georg Schramm noch geben. Ich werde Gelegenheitskabarettist. Vielleicht rede ich auf Demonstrationen oder mal hier und da. Vielleicht radikalisiert mich auch das Rentenalter. Dann sage ich öfters mal zu meinen Nachbarn: „Stellt euch nicht so an. Wir backen Kuchen, ich nehme meinen Flachmann mit, und dann gehen wir einfach mal zur Demo.“

 

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