Investoren-Macht vs. Mitglieder-Demokratie

Wem gehört der Fußball?

Der Präsident von Hannover 96 hält die Aktienmehrheit an der Profiabteilung seines Vereins – nun will er dort auch das Sagen haben.

Präsident von Hannover 96: der Unternehmer Martin Kind. Foto: Nigel Treblin/dpa

HANNOVER taz | Im Fall Hannover 96 geht es um die Macht im Klub. Wer darf über den Profifußball in der Stadt bestimmen und wer nicht? Auf diese Frage muss die Deutsche Fußball-Liga (DFL) eine Antwort finden. Über den Fall hinaus zeigt das Beispiel Hannover, dass der deutsche Fußball sich entscheiden muss: Will man eher der Breite gerecht werden – oder fördert man ein System, mit dem die Wahrscheinlichkeit auf internationale Spitzenergebnisse steigt?

Fest jedenfalls steht: So wie sich auch die gesamtgesellschaftlichen Strukturen zu wandeln scheinen, steckt auch die Kickerbranche in einem Prozess der Veränderung. Wo Bindungen an Parteien und Konfessionen abnehmen, bleibt das Vereinswesen nicht unberührt. Amateurklubs, vor allem in ländlichen Gebieten, spüren das längst. Die Lust aufs Ehrenamt, essenzielle Quelle für die Basis, hat abgenommen. Individualität verträgt sich nicht unbedingt mit dem Gemeinschaftssport Fußball. Dem Volkssport läuft das Volk davon.

Und im Profibereich? Da sterben die Fans, da stirbt der leidenschaftliche Kuttenträger aus. Wer in Hamburg geboren wird, könnte dem HSV anhängen, genauso gut aber auch Bayern München, Manchester United oder Real Madrid. Das treue Mitglied wird zum Kunden, ein Trend, der nicht neu ist, sich aber verstärkt. Und dennoch boomt die Branche, weil die Kundschaft (noch) Schlange steht. Sie wird aber wählerischer. Spitzenklasse statt Mittelklasse ist gefragt, nur wenige Ausnahmen – siehe FC St. Pauli – bestätigen die Regel.

Spitzenklasse, zumal internationale, kostet Geld. Weil die bekannten Quellen – Eintrittsgelder, TV-Gelder, Sponsoren, Fanartikel-Verkäufe – endlich sind, hat die Suche nach neuem Kapital längst begonnen. Als scheinbar lukrative Lösung bieten sich Investoren an. Klubs, die Anteile ihrer Profifußball-Abteilung verkaufen, können derzeit hohe Erlöse erzielen. In Hannover ist dies schon zu 100 Prozent geschehen. Für vergleichsweise eher bescheidene 13 Millionen Euro halten vier Hannoveraner Geschäftsmänner, darunter Vereinschef Martin Kind und Drogeriemarkt-König Dirk Roßmann, alle Kapitalanteile an der Profifußballabteilung der Hannover 96 GmbH & Co. KGaA (Kommanditgesellschaft auf Aktien). Nur die Stimm­anteile liegen noch zu 100 Prozent beim Mutterverein, dem Hannoverschen Sport-Verein von 1896 e. V. – wegen der 50+1-Regel.

50+1-Befürworter, allen voran Andreas Rettig, Geschäftsführer des FC St. Pauli, sagen: 50+1 ist das Erfolgsgeheimnis des deutschen Fußballs. Ganz praktisch heißt 50+1: Der gemeinnützige Mutterverein (e. V.) muss über mindestens 51 Prozent der Stimmen am ausgegliederten Profibetrieb verfügen – die Investoren dürfen nur maximal 49 Prozent halten. So ist garantiert, dass der e. V. die vollständige Entscheidungsmacht hat, theoretisch jedenfalls.

Deutscher Fußball gilt als investorenfeindlich

In Deutschland bestimmen also nicht unbedingt diejenigen, die das meiste Geld geben; sondern – zumindest in der Theorie – die einfachen Mitglieder, wie sich ihr Klub aufstellen soll. Sie wählen Vorstände und Aufsichtsräte, können ihr Misstrauen wirksam kundtun – und satzungsgemäße Initiativen anschieben. Auch dann, wenn Investoren im Klub mit eingebunden sind. Der deutsche Fußballmarkt gilt deshalb als investorenfeindlich.

Die Kundschaft im Fußball wird wählerischer. Spitzenklasse statt Mittelklasse ist gefragt

Die DFL muss abwägen: 50+1 schwächen – dann erhält der deutsche Markt viel frisches Kapital, während im Gegenzug die Mitglieder ihr Stimmrecht über den Profifußball verlieren. Oder: 50+1 beibehalten – dann droht die Zweitklassigkeit im europäischen Vergleich. In Paris, Manchester oder Mailand herrscht längst die globale Finanz­elite, die für einen Spieler wie Neymar 222 Millionen Euro ausgibt.

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