Interview mit Uygar Onder Şimşek

„Man muss höllisch aufpassen“

Uygar Onder Şimşek hat als Fotojournalist im Irak gearbeitet. Das kann lebensgefährlich sein.

Uygar Onder Şimşek nutzt das Refugium und seine Zeit in Deutschland, um sich weiterzubilden und sein Netzwerk auszubauen Bild: Barbara Dietl

taz: Herr Şimşek, wo waren Sie, bevor Sie nach Berlin kamen?

Uygar Onder Şimşek: Ich kam aus dem Irak, davor hatte ich in Nordsyrien fotografiert. Ich war bei den Kämpfen gegen den IS dabei, vier Monate in Rakka, davor in Mossul.

Wie dicht kamen Sie an die Kämpfe heran?

Sehr dicht. In Rakka zog ich zeitweise mit der YPG mit …

• taz.refugium ist ein Auszeit-Programm für Journalisten und Journalistinnen aus Krisengebieten. Es wird wird organisiert und finanziert von der taz Panter Stiftung und der Nichtregierungsorganisation Reporter ohne Grenzen.

• Das Programm richtet sich an JournalistInnen, die aus Krisengebieten berichten oder die selbst bedroht werden. Sie erhalten die Möglichkeit, nach Berlin zu kommen, um Kraft zu tanken, Abstand zu gewinnen, die Gedanken zu sammeln.

… eine linke kurdische Miliz, die Teil der Demokratischen Kräfte Syriens ist.War das nicht gefährlich?

Manchmal schon. Man muss höllisch aufpassen. Wenn du in ein Haus kommst, darfst du nichts berühren, nichts öffnen, keine Schränke, kein nichts. Der IS hat die Häuser vermint. Man sollte auch wissen, wie man einem Scharfschützen ausweicht.

Wie haben Sie das gelernt?

Von erfahrenen Kollegen. Eine Besonderheit dieses Krieges sind die Drohnen, mit denen der IS seine Gegner ortet und dann beschießt.

Haben Sie mal daran gedacht, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein?

Das war vor zwei Jahren in der Türkei. Ich begleitete kurdische Guerillakämpfer. Wir waren zu zweit auf einem Dach: ein Scharfschütze und ich – keine gute Idee. Denn die türkischen Soldaten entdeckten uns, wir konnten uns im Kugelhagel keinen Millimeter bewegen. Alle Wände und Mauern um uns herum flogen in Stücke. Wir hatten Glück.

Wie verhielten sich die kurdischen Soldaten?

Niemand mag Journalisten in Kriegsgebieten. Kämpfer, die lange in Extremsituationen sind, werden paranoid. Sie denken, du könntest ein Spion sein. Und: Die gehen schon mal nicht sehr zimperlich mit Zivilisten oder Gefangenen um, da will keiner Zeugen haben. Man darf aber nicht vergessen, dass die Kurden die Arbeit mit den Medien beherrschen. Sie haben Zeitungen, TV-Stationen, Pressesprecher.

Wo haben Sie geschlafen, wie bekamen Sie etwas zu essen?

Die Lage in Mossul war völlig anders als in Rakka. Ausgangspunkt für uns Journalisten war dort die Stadt Erbil, dort findest du Dolmetscher und Fahrer. Von der Front kehrst du am Abend zurück ins zivilisierte Leben.

Andreas Lorenz und Uygar Onder Şimşek im Gespräch Bild: Barbara Dietl

Wie war das in Syrien?

Die kurdischen Kämpfer hatten ein Pressezentrum, das sich mit ihnen langsam voran bewegte. Wenn die ein Gebäude erobert haben, konnte man dort schlafen. Da findet man irgendwo Matratzen. Ich blieb immer rund zehn Tage, dann fuhr ich für einige Tage nach Kobane an die türkische Grenze.

Sie sind selbst Kurde. War das der Grund, warum die YPG Sie mitnahm?

Nein, ich spreche nicht kurdisch. Wir Journalisten müssen einen Berg Misstrauen überwinden. Sie fragen dich sofort: Warum kämpfst du nicht mit uns, was soll diese Fotografiererei?

Aber Kurde zu sein, ist in dieser Situation immer noch besser als Türke. Wir haben die Bewohner auf Sie reagiert?

Zuweilen wollten sie nicht fotografiert werden. Ich kann das verstehen: Sie sind Opfer, sie wollen nicht in irgendeiner Zeitung erscheinen. Diese Situationen sind auch für uns Fotografen schwer. Wie weit kann man gehen, ohne die Würde der Menschen zu verletzen? Zuweilen entscheide ich mich, Verletzte und Tote zu fotografieren. Aber stellen Sie sich vor: Da sind Menschen schwer verwundet, sie sterben, und du suchst nach einem guten Blickwinkel, du versuchst ein Bild zu komponieren. Für die Menschen ist das pervers: Wir sterben hier und du sorgst dich um dein Foto und verdienst auch noch Geld damit?

Warum riskieren Sie Ihr Leben? Sie könnten Ihr Geld mit weniger gefährlichen Aufträgen verdienen.

Es geht mir auf jeden Fall nicht um Geld. Das Risiko, sein Leben zu verlieren, ist zu hoch, das kann nicht mit Geld aufgewogen werden. Ich bin kein Adrenalin-Junkie, aber vielleicht ein Abenteurer. Ich mag es, Probleme und Konflikte abzubilden und die Menschen mit meinen Fotos vor dem Vergessen zu bewahren. Vielleicht kann ich ein kleines Stück dazu beitragen, dass sich die Dinge ändern. Ich fürchte allerdings: Im Nahen Osten wird es niemals Frieden geben.

Der IS ist fast geschlagen, was passiert nun?

Im Irak haben die Kurden zahlreiche Orte erobert, die früher vorher von irakischen Truppen kontrolliert worden waren. Dann rief der Kurden- Chef Masoud Barzani das Unabhängigkeitsreferendum aus, die irakische Armee rückte wieder vor, die Situation bleibt angespannt. In Syrien scheint Präsident Assad vorerst der Sieger zu sein. Er paktierte mit den Russen, die Kurden mit den Amerikanern.

Haben Sie Amerikaner gesehen?

Nur ein paar. Die Kurden erhielten von ihnen allerdings mehr als 1.000 Lastwagen und Humvees, Antipanzerwaffen und teure Gewehre. Ich habe eine Menge amerikanische Freiwillige getroffen, die regulären Soldaten waren hinter der Front, um Bombenangriffe zu koordinieren.

Die Türkei stuft die YPD als Terrororganisation ein. Hat das Einfluss auf Ihre Arbeit?

Ich veröffentliche Fotos zum Teil unter Pseudonym.

Andreas Lorenz, er hat viele Jahre für den Spiegel und zahlreiche Tageszeitungen als Auslandskorrespondent berichtet. Seit 2011 engagiert er sich bei der taz Panter Stiftung als Kuratoriumsmitglied für die Ausbildung von JournalistInnen.

Wie nutzen Sie Ihre Auszeit in Berlin?

Die ersten Wochen habe ich mich erholt, ich bin herumgelaufen, habe Freunde getroffen. Ich habe plötzlich gemerkt, wie sehr ich Ruhe und Erholung brauchte. Vorher war mir das gar nicht so klar. Ich habe in Berlin Gelegenheit, über Dinge nachzudenken, die Welt sieht plötzlich anders aus. Die Menschen in Berlin wirken sehr entspannt, sehr freundlich. Ich werde die Gelegenheit nutzen, um meine Fotos zu sortieren. Ich plane ein Buch über Kurdistan.

Was werden Sie nach Ihrem Berlin-Aufenthalt machen?

Das ist mir noch nicht klar. Vielleicht fahre ich zunächst nach Istanbul, um erst mal mit Werbefotografie Geld zu verdienen. Womöglich mache ich mich danach in den Jemen oder in den Süd- Sudan auf. Da passiert eine Menge.

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