Synästhesie bezeichnet eine außergewöhnliche Fähigkeit: verschiedene Sinne zu verknüpfen. Wie ist das, wenn man farbig hört oder Musik schmeckt?von JULIA LANGENSIEPEN

Verwirrend: Normalos denken beim Wort "Apfel" an die Frucht. Für Synästhetiker ist es möglicherweise einfach blau Bild: ap
Ihre Bauchschmerzen quietschen ganz eklig, und sie liebt reine Quinten. Ist sie verliebt, dann klingt das wie ein Orgelspiel in der Osternacht, hochbrausend aus dem Nichts. Katja Krüger ist Synästhetikerin und hört Farben, Schmerzen, Bewegungen oder auch Gefühle.
Das neurologische Phänomen Synästhesie ist zumindest sprachlich schnell erklärt: Das altgriechische syn steht für "zusammen", áisthêsis für "Empfinden". Es handelt sich also um miteinander verknüpfte Sinneswahrnehmungen. Am häufigsten ist das "Farbenhören", wobei Laute mit Farbwahrnehmungen einhergehen, man etwa blaue A oder gelbe I sieht. Oder es werden Schmerzen farbig empfunden, das Wort "Blume" kann einen fleischigen Beigeschmack haben, ein Musikstück nach Apfelkuchen riechen.
Wo genau im Gehirn synästhetische Wahrnehmung entsteht, ist bis heute unbekannt. Es gibt allerdings verschiedene Ansätze, die zwei Hirnregionen in Betracht ziehen. Zum einen das limbische System, das unser Verhalten, unsere Erinnerung und unsere Gefühle regelt. Zum anderen die Großhirnrinde, der Entstehungsort unseres logischen und rationalen Denkens.
Der amerikanische Neurologen Richard Cytowic sieht die Ursache im limbischen System. Stimmt seine These, würde das bedeuten, dass jeder Mensch synästhetisch empfinden könnte, die meisten sich darüber aber nicht bewusst sind. Seine Theorie stützt sich auf folgenden Versuch: Der Wissenschaftler ließ einen Synästhetiker schwach radioaktives Xenongas einatmen, um den Weg des Bluts durch das Gehirn verfolgen zu können. Er konnte beobachten, dass der Stoffwechsel in der Großhirnrinde sank. Cytowic folgerte, dass nur das limbische System als Entstehungsort in Frage käme.
Simon Baron-Cohen ist Psychologe und sieht das ganz anders. Der Brite hat Synästhetikern Töne vorgespielt und sie währenddessen mit bildgebenden Verfahren untersucht. Das Resultat: In den Regionen der Großhirnrinde, wo visuelle Reize verarbeitet werden, stellte er verstärkte Aktivität fest. Laut Baron-Cohen wird fast jeder Mensch als Synästhetiker geboren, verlieren aber die meisten diese spezielle Fähigkeit in den ersten Monaten des Lebens.
In Deutschland befindet sich die wichtigste Institution für Synästhesieforschung an der Medizinischen Hochschule in Hannover. Die These des Teams um den Psychiater Hinderk Emrich bildet eine Art Mittelweg zwischen Cytowic und Baron-Cohens Theorien: Das limbische System könnte als Brücke fungieren, die aktive Regionen im Hirn verbindet und etwa bei farbig Hörenden den Hörkomplex mit der visuellen Region koppelt.
Nicht nur die Hypothesen über den Entstehungsort von Synästhesie unterscheiden sich. Uneinig sind sich die Experten auch darüber, wie viele Synästhetiker und Synästhetikerinnen es gibt. Die Zahlen variieren zwischen einem von 300 und einem von 2.000 Menschen. Rund 80 Prozent aller Synästhetiker sind Frauen, Grund genug für eine weitere Vermutung unter den Wissenschaftlern: Gibt es vielleicht ein Gen für Synästhesie? Und wenn ja, liegt es auf dem X-Chromosom? Bewiesen ist bislang nichts.
Eigenschaften der Synästhesie kennt man aber. Sie ist eine Art Einbahnstraße: Ist das Wort "Apfel" für einen Synästhetiker blau, bedeutet "Blau" für ihn deshalb nicht umgekehrt "Apfel". Außerdem: "Jede Synästhesie ist von der eines anderen Menschen recht verschieden", wie Emrich erklärt. Die Wahrnehmung ist nicht steuerbar. Sie gehört zum Leben von Synästhetikern wie Hunger- und Durstgefühl. Dass ihre Wahrnehmung aber etwas Besonderes ist, wissen viele überhaupt nicht.
Auch bei Katja war das so. Erst vor wenigen Jahren las sie im Spiegel einen Artikel über Synästhesie, da "bekam das Kind einen Namen". Die 42-Jährige arbeitet als Musikerin in Henstedt-Ulzburg, etwa 30 Kilometer nördlich von Hamburg. Wie sich Stille anhört, weiß sie nicht. Ihre Wahrnehmung beschreibt sie so: "Es ist immer eine Vermischung vieler Klänge, aus der heraus ich mich in einzelne hineinhören kann." Es sei wie auf einer Party, auf der man viele Stimmen als Hintergrundgemurmel hört, es sei denn, man konzentriere sich auf eine spezielle Unterhaltung.
In einem Internetforum für Synästhetiker hat Katja ein kurzes Musikstück hochgeladen. Es spielen Kontrabass, Cello und Querflöte. Das Stück ist ihre Interpretation des Bildes "Schwarzes Quadrat" von Kasimir Malewitsch. "Schwarz brummt, in Richtung Grau fängt es immer mehr an zu rauschen, je heller es wird. Weißbeimischungen dämpfen Lautstärken ab", sagt Katja. Für sie ist der Bass schwarz, sind die Klänge der Querflöte weiß, Cellotöne bedrohlich dunkel.
Auch die freie Schriftstellerin Andrea Geiser hat in dem Forum etwas veröffentlicht. Das selbst gemalte Bild zeigt ein ungutes Gefühl, Unruhe und Unsicherheit - "Vorahnung" nennt sie es.
Andrea Greiser empfindet Schmerzen farbig. Wenn ihr der Bauch wehtut, dann quietscht das nicht wie bei Katja - die Schmerzen sind hellblau. Besonders gemein sei Liebeskummer, sagt sie: "Er hüllt mich für einen langen Zeitraum in eine silbergraue Wolke ein." Sie entdeckt gerade erst ihre Synästhesie, dachte anfangs nur, ein "Schmerzsynnie" zu sein. Aber auch Vokale und einige Begriffe haben für Andrea Farben und Formen. Ein A ist schwarz, das E gelblich-braun, I ist weiß, O ist rot und U violett-orange. "Das Wort ,Buch' ist ein dunkel mattrotes Dreieck", erzählt die 35-Jährige.
Was sie als "Synnie" empfindet, lasse sich aber nicht immer leicht erklären. Andrea versucht es trotzdem: "Kopfschmerzen nach einer Nacht vor dem Computer sind wie lange gelbe Fäden, die von einer Rolle Zwirn abgeschnitten werden." Schwindel dagegen stelle sich als knallbunte, ineinander verschlungene Spiralen dar, die sich unruhig schnell drehen.
Andrea spricht nicht mit jedem "darüber", denn die Reaktionen auf ihre Erklärungen seien oftmals unangemessen, reichen von betretenem Schweigen bis hin zum Spott.
Synästhesie wurde lange als Krankheit, als Wahrnehmungsstörung abgestempelt. Man verglich sie mit Halluzinationen, hervorgerufen durch Drogen wie LSD. "Daran ziehen sich viele Leute geradezu lächerlich hoch", findet Andrea. Auch Katja hat solche Erfahrungen gemacht: "Ich halte es für wichtig, Synästhesie aus der verrückten Schmuddelecke zu holen."
Da gehört Synästhesie auch nach Meinung der Experten nicht hin. "Ein gesundes Phänomen", sagen die Wissenschaftler aus Hannover. Denn auch Otto Normal ist fähig, verschiedene Hirnregionen miteinander zu verkoppeln - im Gehirn der Synästhetiker geschieht das nur sehr viel intensiver. Hinderk Emrich bringt es auf den Punkt: Synästhesie, das ist für ihn ein "wissenschaftlicher Glücksfall".
Kapitalismuskritiker protestieren auf der Hauptversammlung des größten deutschen Bankhauses gegen den neuen Chef Jain. Sie rufen zum Bankenwechsel auf. von Hermannus Pfeiffer

Echte Stars, begeisterte Fans, prima Shopping-Tipps - wir freuen uns auf die Fußball-Europameisterschaft.

Starre Rituale, öde Debatten, ein Haus der Langeweile? Nicht in der Ukraine! Hier werden Parlamentsdebatten noch mit Leidenschaft, Herzblut und handfesten Argumenten geführt!

Weltraumtouristen, Satelliten und Versorgungsflüge zur ISS – die Raumfahrt wird privatisiert und kommerzialisiert.

Es ist ein echtes großes Drama, das sich da in Griechenland abspielt. Ein Drama über die Demokratie, die Unregierbarkeit. Dieses Wort muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Und das Drama genießen.

Leserkommentare