Integrationsdebatte und Pegida

Kein Ort zum Verlieben

Unser Autor ist entgegen seinen Vorsätzen nun doch nach Dresden gefahren, um mit Pegida zu diskutieren. Es hat nicht funktioniert.

Es sind Bilder wie dieses, in denen unser Autor „sein Deutschland“ nicht erkennt. Bild: Imago/Robert Michael

An der Laterne in Dresden steht ein älterer Mann, alleine. „Können Sie mir sagen, warum Sie hier sind – und warum Sie bei Pegida mitmachen?“, frage ich ihn. Um die siebzig dürfte er sein – graue Uschanka, schwarzer Schal, schwarze Jacke, schwarze Schuhe, graue Stoffhose. In der Hand hält er eine Deutschland-Flagge, in der anderen einen Regenschirm. Hinter seiner Brille presst der kalte Wind zwei Tränen aus seinen hellgrünen Augen.

In denselben Augen sehe ich Freude und einen Hauch von Stolz, als der Pegida-Hauptorganisator Lutz Bachmann auf der Bühne weit vor uns in das Mikrofon schreit: „Wir sind heute 40.000!“ Eine Zahl, der die „Lügenpresse“ am nächsten Morgen widerspricht: „Nur“ 25.000 Demonstranten sollen an diesem letzten Montag bei der Pegida-Kundgebung mitmarschiert sein. Mich, meine beiden Berliner Journalisten-Freunde und den Uschanka-Mann eingeschlossen.

Vor zwei Wochen hatte ich an dieser Stelle geschrieben, dass ich eigentlich nicht über Pegida diskutieren möchte – weil dies eine Angelegenheit derjenigen ist, von denen niemand behauptet, dass sie Ausländer seien. Das Pegida-Problem sollen eigentlich die lösen, die über Jahre Angst vor den Fremden, vor dem Islam, vor ausländischen „Sozialschmarotzern“ geschürt haben.

Und auch die, die ein „buntes Deutschland“ fordern, sich für die Verteidigung von Ausländern, Menschen mit Migrationshintergrund zuständig fühlen, und dabei immer wieder – bewusst oder unbewusst – den Hintergrund von Bürgern „mit Migrationshintergrund“ in den Vordergrund rücken.

Es gibt nur ein Deutschland

Die „Integrationsdebatte“ habe ich immer als diffus empfunden. Wo, wie und wer sich integrieren muss, habe ich nie richtig verstanden. Ebenso wenig, was eine „Multikultigesellschaft“ sein soll. Sind wir drei, die an diesem Montag nach Dresden gefahren sind, „Multikulti“? Ein Schwuler aus Berlin-Neukölln. Einer mit „jugoslawischen Wurzeln“ aus Prenzlauer Berg und ich aus Berlin-Mitte mit marokkanischen „Wurzeln“. Wurzeln – sind wir drei Bäume auf Tournee?

Auf jeden Fall sind wir nun hier. Und meine Freunde sagen, dass Pegida schon ziemlich eindeutig einen ostdeutschen Drall hat. Aber auch dieser Aspekt hat mich bislang weniger interessiert, Ost/West. Für mich gibt es immer nur ein Deutschland. Die „kulturellen“ Unterschiede beschränken sich für mich darin, dass ich, je nachdem, wo ich mich gerade befinde, Waschtasche statt Kulturbeutel, Kaufhalle statt Supermarkt oder Quark- statt Käsekuchen sagen muss.

Doch nie hatte ich ein Integrationsproblem dabei. Nur das mit dem Käsekuchen hat mich massiv verärgert, als ich letztens feststellen musste, dass der Käsekuchen, den ich in Bonn kennen und lieben gelernt habe, in Halle Quarkkuchen heißt und eigentlich aus Quark gemacht wird – eine Speise, die ich überhaupt nicht mag. Aber hey, Quarkkuchen zu essen, ohne zu wissen, dass der aus Quark besteht, hat mir eben die Augen geöffnet – meine Vorurteile gegenüber dem Quark abgebaut.

Und wie ist es nun um Pegida bestellt? Eine Leserbriefschreiberin hatte mir mitgeteilt, dass es sehr wohl meine Angelegenheit sei, mich darum zu kümmern. Als deutscher Staatsbürger. Nun bin ich hier. Ich wollte mir das aus der Nähe anschauen, mit den Menschen reden, die zur „Mitte der Gesellschaft“ gehören, so wie der Mann mit der Uschanka. Obwohl wir doch aus der „Lügenpresse“ längst wussten, wie es hier ist in Dresden, an einem Montagabend.

Ein Gefühl der Ablehnung

Anfangs war es noch ganz lustig. Als wir das Auto weit weg von der Kundgebung parken mussten und die Polizisten fragen, wo denn bitte Pegida sei. In dem Moment kam mir die Frage vor, als würden wir nach einer lokalen Prominenten fragen, die „Pegida“ heißt. Aber das war es denn auch schon mit der Belustigung. Stattdessen waren wir mit einem Flaggenmeer konfrontiert – nur von eingeborenen Deutschen getragen.

Ein Bild, das für mich als Bürger, dessen „Wurzeln“ geografisch woanders liegen, befremdlich war, beängstigend. Ich fühlte mich vom ersten Augenblick an abgelehnt, ausgeschlossen. Ich habe zu keinem Zeitpunkt einen lächelnden Blick in meine Richtung gesehen, der mich zu einem Smalltalk eingeladen hätte. Das bin ich in meinem Deutschland nicht gewohnt. Über eine Stunde sind wir mitmarschiert und trotzdem habe ich es nicht geschafft, jemanden anzusprechen.

Ernste Gesichter, in sich geschlossene Gruppen, überwiegend männliche Teilnehmer – viele von ihnen mit einer Körperhaltung, die Gewaltbereitschaft vermuten lässt und mir Angst einjagte. Bei Pegida bin ich der Angstbürger. Dabei wollte ich die Teilnehmer nur nach ihren Beweggründen fragen – warum gehen sie an einem kalten Montag auf die Straße? Was wissen sie über den Islam? Weshalb fühlen sie sich von der Politik vernachlässigt? Was bedeutet das Transparent, „Lügenpresse, Ihr seid nicht Charlie“? Warum fühlen sich viele der Teilnehmer verbunden mit den Anschlägen von Paris?

Stattdessen musste ich immer wieder bösen Blicke ausweichen. Freundlich war nur eine Werbetafel auf der Strecke. „Alle 11 Minuten verliebt sich ein Single“ stand dort zu lesen. „Bestimmt nicht hier. Bestimmt nicht jetzt“, dachte ich mir. Ab und zu standen andere Gruppen am Rande des Marsches und haben die Pegida-Leute beschimpft, ausgepfiffen und den Stinkefinger gezeigt. Dresdner wie sie. „Wie gespalten muss die Stadt sein“, stellt einer meiner Begleiter fest.

Begegnung in Jerusalem

„Ich rede nicht mit Ihnen“, antwortete der Mann mit der Uschanka auf meine Frage. Ich hatte mich als Journalist vorgestellt. Ob es daran gelegen hat oder an meinem „südländisch“ anmutenden Aussehen, werde ich nie erfahren.

Der Mann hat mich auf jeden Fall an eine Begegnung erinnert. Es war vor ungefähr vier Jahren in Jerusalem. Dort hatte ich einen Berliner getroffen, der Mitte der dreißiger Jahre mit Mitte zwanzig und allein Deutschland verlassen musste. Dass er als Jude damals überhaupt noch einen Pass bekommen konnte, hatte er einem Polizisten zu verdanken. Und so hat er überlebt, während seiner ganzen Familie in Dachau das Leben geraubt wurde.

Dieser Mann hat mich in unserer dreistündigen Unterhaltung kein einziges Mal gefragt, woher ich „ursprünglich“ komme. Für ihn war der Hinweis vollkommen ausreichend, dass ich aus Berlin komme, um mir von seiner alten Heimat zu erzählen. Er gab alte Berliner Witze zum Besten und fragte mich nach Gebäuden, die nicht mehr stehen. Er sang die „Internationale“. Damals verriet er mir, dass es ihm leidtue, dass eine Mauer ihn von seinen arabischen Nachbarn, mit denen er früher zusammen Fußball gespielt hatte, trennt.

Und heute, an diesem dunklen Montagabend in Dresden, kann ich mir nun vorstellen, wie es damals angefangen haben muss. Mit geschürten Ängsten und Märschen gegen den unbekannte Fremden. Den Mann mit der Uschanka hätte ich gerne gefragt, ob er das nicht auch so empfindet. Stattdessen fordert er mich auf, „wegzugehen“. Auf eine unhöfliche Art, wie ich sie noch nie in Deutschland erfahren habe.

Aber wo soll ich hingehen, wollte ich den Mann fragen. Doch bevor ich diesen Satz aussprechen konnte, war er schon gegangen. Er hatte mich stehenlassen im kalten Wind an der Laterne. Doch ich lasse mich nicht unterkriegen. Zumindest diesen Kampf – um die Laterne –, den habe ich gewonnen. Und das in Dresden.

.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben