Immer mehr Kinder und Jugendliche fliehen nach Bremen

Minderjährig, geflohen, geparkt

Mehr als drei Mal so viele unbegleitete minderjährige Flüchtlinge wie in den Vorjahren leben derzeit in Bremen. Sowohl Heime als auch Schulen sind überfüllt.

2012 kamen allein aus Afghanistan 26 Kinder und Jugendliche nach Bremen.  Bild: DPA

In weite Ferne gerückt ist das vor drei Jahren von der rot-grünen Koalition postulierte Ziel, die Lebensbedingungen von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen zu verbessern. „Auf den Jugendschutz wird keine Rücksicht genommen“, sagt Brigitte Böning-Konz vom Verein Fluchtraum, der junge Flüchtlinge begleitet. Zwar klagt ihre Organisation schon seit Jahren, dass Bremen für diese Gruppe mehr tun könnte. Aber derzeit ist die Situation besonders schlecht, weil das Hilfesystem mehr als ausgelastet ist, wie ein aktueller Bericht des Senats zeigt.

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Danach lebten vergangenes Jahr 147 minderjährige Flüchtlinge in Bremen – so viele wie nie zuvor. Zum Vergleich: 2011 wurden 41 alleine geflohene Minderjährige vom Jugendamt in Obhut genommen, 39 waren es 2010. Ein großer Teil kommt wie in den Vorjahren aus westafrikanischen Ländern. Die zweitgrößte Gruppe bilden nach Kindern und Jugendlichen aus Guinea die minderjährigen Flüchtlinge aus Afghanistan: 26 fanden den Weg nach Bremen – wo sie bleiben dürfen. Anders als Erwachsene werden sie nicht über ganz Deutschland verteilt.

„Es sind so viele, dass Bremen sie gar nicht mehr alle unterbringen kann“, sagt Marc Millies vom Flüchtlingsrat Bremen. Für besonders problematisch hält er, dass wegen der Überfüllung der spezialisierten Einrichtungen die Kinder und Jugendlichen jetzt zunächst in die Zentrale Aufnahmestelle für Flüchtlinge (Zast) gebracht werden, wo sie mit Erwachsenen zusammen leben und nicht sozialpädagogisch betreut werden.

Eigentlich sollen sie dort nur maximal drei Tage bleiben, sagt der Sprecher der Sozialsenatorin, Bernd Schneider. Wegen des Platzmangels in den Jugendhilfeeinrichtungen könne dies derzeit nicht eingehalten werden. „Das ist für alle unbefriedigend“, sagt Schneider, kurzfristig aber nicht anders zu lösen. Böning-Konz und Millies halten dies für ein großes Problem, weil viele Betroffene traumatische Erlebnisse hinter sich haben. Laut Schneider arbeitet die Behörde an einem sozialpädagogischen Betreuungskonzept für die Zast.

Besonders schlimm sei es für die Mädchen. „Die sind vor sexuellen Übergriffen geflohen und hier klopfen dann nachts Männer an die Tür, ob sie einen Freund haben wollen“, sagt Böning-Konz. Millies kritisiert, dass in der Zast nur ein Mann das Alter der Jugendlichen nach Augenschein einschätze und es gegebenenfalls nach oben korrigiere. „Es müsste eigentlich das Vieraugenprinzip gelten und für die Mädchen müsste es eine Frau geben“, fordert Millies. Schneider sagt, dass dies bald geändert werden soll. „Es gibt eine Frau, die gerade eingearbeitet wird.“

Wenn sie die Zast verlassen, sollen die Mädchen in mädchenspezifischen Einrichtungen untergebracht werden, sagt Schneider. Dies ist nicht leicht, da 2012 mit 25 Mädchen mehr als fünf Mal so viele in Bremen lebten wie in den Vorjahren. „Sollte die Anzahl weiblicher Flüchtlinge anhaltend weiter steigen“, teilte der Senat vergangene Woche mit, schließe er eine neue Einrichtung, nur für Mädchen mit Fluchthintergrund, nicht aus.

Prinzipiell, so haben es die rot-grünen Parlamentarier vor drei Jahren vom Senat verlangt, sollen die minderjährigen Flüchtlinge zunehmend in Pflegefamilien leben. Aber nur acht Pflegeverhältnisse gab es nach Auskunft von Pflegekinder in Bremen (Pib) Ende Dezember 2012, drei weitere Pflegestellen seien nicht besetzt gewesen, so eine Pib-Sprecherin. „Für 2013 ist eine Erweiterung der Pflegestellen zu erwarten“, schreibt der Senat.

Der überwiegende Teil der jungen Flüchtlinge wird aber weiter in Heimen leben, weil es zum einen nie genügend Pflegefamilien geben wird und viele sich nach ihren Erfahrungen gar nicht mehr in einer Familie integrieren können, wie die Fachleute von Pib sagen. Dann aber, so fordern Böning-Konz und Millies von den Flüchtlingsinitiativen, sollten sie dort wenigstens von Leuten betreut werden, die ausreichend für die Arbeit mit dieser speziellen Gruppe qualifiziert sind. Wichtig sei außerdem eine gute Beratung in ausländerrechtlichen Fragen, so Böning-Konz. Denn ein gesicherter Aufenthaltsstatus, das sagt auch Behördensprecher Schneider, sei die Voraussetzung dafür, dass die Betroffenen sich um einen Schulabschluss bemühen.

Wie erfolgreich die Schulen darin sind, die Jugendlichen in das deutsche Bildungssystem zu integrieren, ist unklar. Aus Datenschutzgründen werde dies nicht erfasst, heißt es in dem Senatsschreiben. Sicher ist aber, dass angesichts der gestiegenen Fallzahlen auch die Sprachkurse überfüllt sind. „Die haben Nachmittagsklassen eingerichtet“, weiß Böning-Konz von Fluchtraum, „aber es gibt Einzelne, die trotzdem monatelang auf einen Platz warten mussten.“

 

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