Hanoi geht gegen Kindesmissbrauch vor

Vietnam zögert bei Auslieferung

Das südostasiatische Land war zum Pädo-Paradies geworden, weil Sex mit minderjährigen Jungen nicht strafbar war. Das hat sich geändert.

Gary Glitter und Polizisten

Auftakt des Prozesses gegen den britischen Glam-Rocker Gary Glitter wegen des sexuellen Missbrauchs zweier Mädchen 2006 in Saigon. Das Urteil: drei Jahre Haft Foto: Zainal Abd Halim/Reuters

BERLIN taz | Ein Hanoier Gericht hat am Freitag einen Deutschen zu zwei Jahren Haft verurteilt. Danach soll er aus Vietnam ausgewiesen werden, wo er seit 2016 lebt. Dem 58-jährigen Jürgen P. wird laut dem halbstaatlichen VietnamExpress vorgeworfen, mit einem 15-Jährigen einvernehmlichen Sex gehabt zu haben. Das Gericht stützte sich auf Aussagen der Polizei, die ihn auf frischer Tat erwischt habe, sowie auf Aussagen des Jungen.

Laut dem Bericht machte sich Jürgen P. nicht das erste Mal des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen schuldig. In Deutschland soll er vietnamesischen Angaben zufolge zwischen 1978 und 2000 sieben Mal mit dem Vorwurf des sexuellen Kindesmissbrauchs konfrontiert gewesen sein. Unklar bleibt, ob er dafür verurteilt wurde.

Zur Verurteilung kam es jetzt wegen einer Gesetzesänderung in Vietnam. Bis Januar war dort sexueller Kindesmissbrauch nur bei einem weiblichen Opfer strafbar. Sex von Männern mit Jungen hingegen fiel nicht unter Kindesmissbrauch.

Das machte Vietnam zum Eldorado für Pädophile aus aller Welt, die auf kleine Jungen stehen. In der Regel zahlen sie den Jungen Geld für sexuelle Handlungen.

„Pädophile suchen hier Jungen“

Do Duy Vi von der nichtstaatlichen Blue Dragon Children’s Foundation in Hanoi sagte der in Hongkong erscheinenden South China Morning Post, die Schließung der Gesetzeslücke sei überfällig gewesen. „Wir haben viele Missbrauchsgeschichten von Jungen gehört. Pädophile aus aller Welt fahren in Hanoi mit Motorrädern herum und suchen Jungen, weil das lange nicht strafbar war.“

Doch liefert Vietnam die Männer häufig nicht einmal dann aus, wenn ein anderer Staat ihre Auslieferung beantragt hat. So sagte im Frühjahr ein BKA-Beamter vor dem Berliner Kammergericht aus, es gäbe mehrere deutsche Auslieferungsanträge an Vietnam, denen Hanoi aber nicht nachkäme.

Grund der deutschen Anträge seien in der Regel pädophile Delikte. Zwischen Deutschland und Vietnam besteht kein Auslieferungsabkommen.

Erst zwei Verfahren gegen ausländische Männer

Seit der Gesetzesänderung ist Jürgen P. erst der zweite pädophile Ausländer, der sich wegen sexueller Handlungen an minderjährigen Jungen vor Gericht verantworten musste.

Im September wurde ein 33-jähriger Slowake zu drei Jahren Haft wegen bezahltem Sex mit einem 13-Jährigen verurteilt. Er musste sechs Monate U-Haft absitzen, dem Opfer Entschädigung zahlen und wurde dann abgeschoben.

Der Vater des Verurteilten ist Präsident einer Holding, die bei Hanoi einen Industriepark für 500 Millionen US-Dollar baut. Vietnam wollte den Park weiterbauen – auch um den Preis der Freilassung des verurteilten Investorensohnes. Der Bau ruhte während dessen U-Haft.

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