Gott als Schwerpunktthema

Der erste Firmenchef

Im neuen „Philosophie Magazin“ dreht sich fast alles um den lieben Gott. Ein Interview mit ihm gibt es allerdings nicht. Dafür aber auch etwas zu Ibiza.

Am Strand von Ibiza: Hält sich Gott hier irgendwo versteckt?  Bild: dapd

Gott – eine gute Idee? Diese Frage stellt das Philosophie Magazin im Schwerpunkt seiner Winterausgabe (1/2013). Fest steht, dass es ziemlich viele Ideen in diesem Magazin gibt, Gott ist nur eine davon, die meisten sind gut. In manchen Texten erscheint Gott gar nicht oder nur marginal, den Mexikanern zum Beispiel kommt Er angesichts der eigenen Geschichte ziemlich abwesend vor: „Armes Mexiko – so weit weg von Gott und so nah an den Vereinigten Staaten“, zitiert Enrique Dussel ein Sprichwort. Mit seiner Philosophie der Befreiung will er Widerstand gegen die politischen Missstände wie den Drogenkrieg anregen.

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Trotz der Warnung „Philosophie“ ist das Magazin gut lesbar, es handelt viele Themen in direkter Rede ab. Entweder in Form von Streitgesprächen oder eben als Interviews, wie das mit der Geschlechterforscherin Judith Butler (mit Gott findet leider keines statt).

Für eines der Streitgespräche trifft der Grünen-Bundesvorsitzende Cem Özdemir auf den Sozialwissenschaftler Harald Welzer, der prompt die „Verzichtsrhetorik“ der Grünen kritisiert.

Interessant ist auch das Pro und Kontra zu einem Verbot der NPD. Der Publizist Georg Seeßlen ist dafür; der LMU-Professor Wilhelm Vossenkuhl dagegen, stattdessen solle man lieber „Verantwortung“ für diejenigen übernehmen, die auf politische Abwege geraten sind. Keiner von beiden überlegt, den Geheimdienst zu verbieten. Womöglich gäbe es dann weniger rechtsradikale Organisationen, schon allein aus finanziellen Gründen.

Und dann sind wir doch wieder bei Gott, denn das nächste Streitgespräch führen Margot Käßmann und Herbert Schnädelbach, der das „kuschelige Geborgenheitschristentum“ auch beruflich kritisiert. Die Frage nach der Rolle Gottes stellt sich nicht nur in Bezug auf selbstständiges Denken, sondern auch, wenn Politiker ihn in ihr staatliches System einbauen wollen. Andererseits wären Gleichheit und Wahlrecht ohne die monotheistischen Religionen gar nicht erst möglich gewesen, so argumentiert Jean-Claude Guillebaud.

Auch die Wirtschaft scheint ohne Gott nicht denkbar, der Entscheidungstheoretiker Jon Elster hält Ihn sogar für „den ersten Firmenchef“. Der tschechische Ökonom Tomas Sedlacek zeigt in seinem Essay auf, wie sehr die Sprache des Finanzmarktes derjenigen der Bibel ähnelt: Allein das Wort Kredit kommt schließlich von dem lateinischen credere, glauben, es gibt Schulden und Erlöser (engl. redeemer), kurz: das ganze Spektrum, das die religiöse Metapher bietet. Haben wir Gott also durch die Wirtschaft ersetzt?

Nach weiteren Gedanken zum lieben Gott und zu Mad Men stellt das Magazin schließlich Jean-Jaques Rousseau vor. Leider muss sich der Leser hier mit Texten anderer Autoren begnügen, ein Original fehlt. Dafür kann jeder, der schon immer einmal wissen wollte, wie es klingt, wenn ein Philosoph über Ibiza schreibt, dies hier nachlesen: „Es geht darum, den Vergnügenszustand so lange wie möglich aufrechtzuerhalten, nicht aus ihm herauszutreten, sich in ihm einzunisten und in ihm aufzugehen. Warum eigentlich nicht. Zum Glück können Vergnügenszustände auch unabhängig von Ibiza eintreten. Zum Beispiel in Form von Ideen. 

Philosophie Magazin, Winterausgabe 1/2013, 106 Seiten, 6,90 Euro
 

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