Puder ist das neue Alter Ego der Hamburger Popsängerin Catharina Boutari. Gerade hat sie das gleichnamige Album veröffentlicht: Girlpower-Pop-Rock mit Discoschlagseite.von Carla Baum

Puder: Nicht so ladylike, wie der Name es vielleicht vermuten lassen würde. Bild: Inga Seevers
Girlpower, das ist doch Spice Girls, neunziger Chartssound, lange her. Pop-Rock mit Discoschlagseite, noch länger her, Achtziger. Kann man beides heute nicht mehr machen, lautet das spontane Urteil. Und, wenn es doch jemand macht? Wenn das dann beides sogar vereint, und Girlpower-Pop-Rock mit Discoschlagseite daraus wird?
Dann heißt man Catharina Boutari alias Puder, und es ist einem herzlich egal, was man angeblich heutzutage machen darf und was nicht. Zuerst gab es den Song, "Puder". Der fühlte sich einfach gut an, fand Catharina Boutari, und so entstanden simultan ihr neues Alter Ego Puder und das gleichnamige Album.
Wer Catharina Boutari aus ihren älteren Stücken wie "Nimm mich nicht mit" noch im Ohr hat, wird überrascht sein. Ihr viertes Album und zugleich das Debüt für Puder, setzt nicht mehr so sehr auf tiefsinnig-verästelte Texte, sondern auf Stimmungen, Momente, sprachlich mit klaren, einfachen Bildern, musikalisch mit schnellem Puls. "Mein letztes Album war Jeans und T-Shirt, jetzt wollte ich etwas, das glitzert und funkelt", sagt Boutari.
Bunte Sterne kommen auf das Cover und auf die T-Shirts, glitzerndes Silber auf Lider und Wangen, Modezitate aus Zeiten, die noch nicht lang genug vorbei sind, um retro zu sein. Puder nimmt das, was ihr gefällt, und verarbeitet es. Die Babypause mit ihrem ersten Sohn inspiriert sie nicht etwa zu ruhigen, gesetzten Klängen, sondern zu "Puder", Popmusik mit Rockanleihen, zu der man tanzen kann, ohne den Text außer Acht zu lassen und komplett den Kopf auszuschalten.
Im Entstehungsprozess von "Puder" erwischt sich Catharina Boutari, "plötzlich", wie sie sagt, dabei, wie sie sich Songs von Trio und deren musikalischen Zeitgenossen der Neuen Deutschen Welle anhört. "Reduzierte Popmusik interessiert mich," sagt Boutari, "wenn nur so viele Instrumente eingesetzt werden, dass der Song funktioniert." Und das hört man auch auf "Puder", aber minimalistisch wird es dadurch keineswegs. An den Bässen wurde kräftig gespart, woran sich auf aktuelle elektronische Tanzmusik gemünzte Ohren erst einmal gewöhnen müssen.
Dafür gibt es schnelle Drums und laute Gitarrenriffs, die Beats gehen nach vorne, immer schnell geradeaus, blicken sich nicht um, halten nur selten inne - genau wie Puder, Boutaris Alter Ego, das nicht mehr ganz so junge Großstadtmädchen, das in bestens gelaunter Aufbruchstimmung durch Hamburg läuft. "Ich schlafe jetzt im Freien und zähl die Lichter vom Hafen", singt sie in "Sturm". Kitschig? Vielleicht. Romantisch? Na und. Alles an "Puder" scheint aufgeputscht zu rufen: Es ist genau hier und jetzt nicht nur alles gut, sondern richtig geil.
",Puder' hat mir gezeigt, dass ich endlich richtig in Hamburg angekommen bin, nach 16 Jahren", sagt Boutari, die ursprünglich aus dem Rheinland kommt und in Hamburg Opernregie studiert hat. Sie hat ihre Eingewöhnungszeit gebraucht bei den Fischköppen, doch nun ist sie selbst einer, daran gibt es keinen Zweifel mehr.
In "Click Clack", schüttelt sie nicht ihren Kopf, sie "schüddelt" ihn. Und in "Großstadtkonkubinen", einem der wenigen langsamen Stücke des Albums, besingt sie den Blues der Großstadt: "Ich bin eine von uns, ich bin eine von vielen, ich bin eine von denen, die nichts anderes wollen - die nie mehr gehn." Ihr Viertel, die "Schanze", war noch ein anderes, als sie kam, ein gemischtes, politisches, lebendiges Viertel ohne Schuhladenketten und teure Friseursalons, die sich dort heute dicht an dicht reihen. "Es ist wahnsinnig, wie schnell das alles geht", beklagt Boutari die Veränderungen, aber vertreiben lassen wird sie sich nicht.
Das Energische an Puder erfährt man aber erst live. Da knallen einem gehörig die Drums um die Ohren, was auf dem Album doch das ein oder andere Mal zu glattgebügelt klingt. Da steht Puder, groß und präsent, wie sie ist. Sie langt kräftig in ihre E-Gitarre, lässt das fransige Kleid schwingen und ist dabei so herrlich uncool. Uncool im Sinne von aufgeregt, undistanziert, dabei glaubwürdig und rasend sympathisch. Und bei weitem nicht so ladylike, wie der Name Puder es vielleicht vermuten lassen würde.
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