Seit langem klagen Mitarbeiter des Landesinstituts für Schule über toxisch belastete Raumluft. Jetzt attestiert ein Gutachten Ämtern "folgenschwere Unterlassungen"von Jan Zier

Hier herrscht dicke Lift: Das Landesinstitut für Schule in Findorff Bild: Michael Bahlo
Herr K. ist Beamter, Verwaltungsoberinspektor, um genau zu sein, aber arbeiten geht er nicht. Schon eine ganze Weile. Er ist freigestellt. Bei vollen Bezügen, Besoldungsgruppe A 10. Gerne, sagt er, würde er wieder arbeiten gehen. Nur eben nicht am Findorffer Weidedamm, im Landesinstitut für Schule (LIS), wo er früher tätig war.
Die Raumluft dort ist vergiftet, sagt er. Und nicht nur er. Mit flüchtigen organischen Kohlenwasserstoffen, zu denen auch das krebserregende Benzol gehört. Und mit dem ebenfalls giftigen Formaldehyd. Vielleicht auch mit Asbest, aber da wird die Geschichte schon etwas nebulös. Herr K. ist einer aus einer Handvoll MitarbeiterInnen des LIS, die schon seit Jahren klagen, über Kopf-, Halsschmerzen und Bronchitis, über kaputte Stimmbänder, chronische Entzündungen oder Erkrankungen der Schleimhäute. Einer sagt, seine Leberwerte würden "jedem Säufer zur Ehre gereichen". Ihre Namen wollen sie nicht in der Zeitung lesen. Sie klagen, bei diversen Behördenleitungen, vor Gerichten. Und jetzt auch mit einer öffentlichen Petition im Parlament, mehr als 100 MitzeichnerInnen hat sie bisher. Doch die Behörden wiegeln nach wie vor ab.
"Nach den aktuell vorliegenden Informationen" ist das LIS "seit Jahren erheblich belastet", heißt es in der Petition. Und weiter: Ein Teil der Räume müsse "sofort gesperrt" werden. Doch: Es "geschieht nichts". Zudem sei zu befürchten, schreibt Petent Volkmar Führling, zugleich Anwalt von Herrn K., "dass die Schadstoffproblematik weitaus größer ist oder jedenfalls war, als bisher bekannt ist". Das Problem wird "herunter gespielt", sagte auch die Gewerkschaft Ver.di. Den Behörden wirft Führling Intransparenz vor, Ignoranz. "Es wird versucht, Personen, die Fragen stellen, möglichst ,stumm zu halten'", so Führling in seiner Petition. Oder zu psychiatrisieren. Die Behörden wollten Herrn K. umfassend psychologisch untersuchen lassen. Das Verwaltungsgericht hat dieses Ansinnen kürzlich als "rechtswidrig" verworfen. Es gebe keine Anzeichen für eine im geistigen oder nervlichen begründete Erkrankung.
Und doch gilt er, genauso wie seine klagenden KollegInnen aus dem LIS, irgendwie als Querulant, auch wenn das so richtig natürlich niemand sagt. Es gebe "kein Problem" in der Raumluft des LIS, sagte dessen Direktor Wolff Fleischer-Bickmann schon vor Monaten. "Die Vorwürfe der Intransparenz und Verantwortungslosigkeit sind zurückzuweisen", schrieb die grüne Finanzsenatorin Karoline Linnert dem Petitionsausschuss. Und im Bildungs- und Gesundheitsressort heißt es: Die Sanierung des LIS "ist abgeschlossen". Das heißt aber auch: Da war durchaus ein Problem. Möglicherweise eines, das Folgeschäden hinterlässt.
2010 gab es eine Messung des Technologietransferzentrums (TTZ) in Bremerhaven, derzufolge nur 80 Prozent der etwa 130 Räume als "total unbedenklich" galten, in den übrigen wurden jedenfalls im Einzelnen die Richtwerte überschritten. Unter anderem jener für das als gesundheitsschädlich eingestufte Benzaldehyd. Und der für Formaldehyd, das nicht nur als krebserregend gilt, sondern auch Haut, Atemwegs oder Augenreizungen verursacht. "Wir haben das sofort saniert", sagt die zuständige Behördensprecherin.
Ist also alles gut? Nein, sagt eine Fachärztin für Neurologie, Psychiatrie und Homöopathie in einem neuen Gutachten. Sie attestiert eine "berufsbedingte chronische Erkrankung" infolge einer "Vergiftung am Arbeitsplatz". Zugleich spricht sie von einer "besonders folgenschweren Unterlassung": So seien zwar 2004 und 2005 gesundheitsschädliche Naphthaline entdeckt, diese jüngst jedoch nicht mehr gemessen worden. Sie könnten Haut und Atemwegserkrankungen auslösen. Die Gutachterin spricht von "typischen Symptomen einer Formaldehyd- und Naphtalinbelastung".
Führling vermutet System hinter dieser "Unterlassung": Bestimmte Substanzen, bei denen es "kritisch" geworden wäre, seien gar nicht erst untersucht worden. Die offiziellen Stellen weisen das zurück. "Der Vorwurf, dass eventuelle medizinische ,Fakten' unbeachtet geblieben sind, ist aus unserer Sicht nicht zu erkennen", schrieb die Finanzsenatorin, die von "angeblichen Belastungen" mit Schadstoffen spricht. Und überhaupt fehle der Nachweis dafür, dass die Erkrankungen "durch Belastungen aus dem Gebäude begründet seien". Der kausale Zusammenhang ist nur scheinbar naheliegend, juristisch aber schwer zu nachzuweisen. So wird in der Bildungsbehörde darauf verwiesen, dass das LIS am Weidedamm fast 130 MitarbeiterInnen hat, 500 ReferendarInnen gehen regelmäßig ein und aus. Dennoch gebe es nur eine "verhältnismäßig geringe Zahl an Beschwerden. Die Betroffenen gehen davon aus, dass viel mehr Menschen Probleme haben, sie aber nicht auf die Luft im LIS zurückführen.
Derzeit sind zwei Verfahren am Arbeitsgericht anhängig, auch eine Mediation begann - doch sie "stockt", sagt Führling. Scheitert sie, stehen auch Forderungen nach Schadensersatz und Schmerzensgeld im Raum. Und ein langes Verfahren.
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Leserkommentare
24.03.2012 14:00 | es stinkt
Das LIZ ist doch nicht das einzige Gebäude, das schon auf den ersten Riech vergiftet ist. ...
24.03.2012 14:00 | Heike Krüger
Meldungen über Giftverdacht in Behörden nehmen zu, die Ursachen sind nicht geklärt. Nachdem die Stadt Osnabrück alle Proble ...
20.01.2012 18:11 | es stinkt
Das LIZ ist doch nicht das einzige Gebäude, das schon auf den ersten Riech vergiftet ist. ...