Gettoisierung in Kosice

Die Müllabfuhr kommt nicht mehr

Stolz präsentiert sich die Kulturhauptstadt Kosice. Vergessen werden die dunklen Seiten. Die anhaltende Diskriminierung der Roma gehört dazu.

Gemeinsames Mittagessen im Kindergarten von Lunik IX.  Bild: imago/ecomedia/Robert Fishman

Das Hilton in Kosice ist frisch renoviert. Bis vor Kurzem war es noch das aus realsozialistischen Zeiten stammende betongraue Hotel Slovan. Bei Dusan Simko lässt die Erinnerungen daran ein „Stalingradfeeling“ wach werden. Und dass das neue Hotel jetzt das legendäre Café Slovan wieder eröffnet hat und damit Gäste anlocken will, die die Atmosphäre der slowakischen Boheme genießen soll, findet der Schriftsteller lächerlich. Dort hätten vor allem Spitzel mit anderen internationalen Gästen ihren Kaffee getrunken.

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Simko weiß viel von der Geschichte der Stadt zu erzählen. Auch das, was in den offiziellen Prospekten der Kulturhauptstadt 2013 nicht zu finden ist. So steht er beispielsweise vor dem Haus, in dem heute die Deutsche Telekom sitzt und erzählt, dass hier früher die Gestapo untergebracht war.

Er weist daraufhin, dass am Bahnhof von Kosice nichts daran erinnert, dass von hier aus 1944 fast die gesamte jüdischen Einwohner aus Kosice und Umgebung (etwa 15.000) und 300.000 ungarische Juden ins Vernichtungslager Auschwitz deportiert wurden.

Beim Empfang der Bürgermeisterin Renata Lenartova erklärt Jan Sudzina, Leiter der Kulturhauptstadtgesellschaft, wie stolz die Stadt auf ihre Multikulturalität sei, und verkündet das Motto von Kosice 2013: „Vorwärts zu unseren Traditionen.“

Kosice entwickele sich als eine moderne Stadt, die aber ihre Traditionen nicht zerstören wolle. Auf diesem Weg wurde aber vieles vergessen, was auch zur Tradition der Stadt gehört. Wie zum Beispiel die Roma.

Nichts weist in der schmucken Altstadt darauf hin, dass hier zwischen den 1950er und 1980er Jahren Tausende Roma lebten, die von der kommunistischen Regierung Wohnungen zugewiesen bekamen. Die Innenstadt hatte noch nicht so hübsche Fassaden und kopfsteingeflasterte Gassen wie heute.

Dass sie die erhielt, dafür ist der ehemalige Bürgermeister von Kosice, Rudolf Schuster, verantwortlich, der in den 1980er Jahren die Innenstadt sanieren ließ.

Der Preis dafür war nicht nur finanziell sehr hoch. Auch die sozialen Folgen waren und sind immens. Es war der liberale Schuster, zwischen 1999 und 2004 auch Präsident der Slowakei, der sämtliche Roma, die ihre Miete nicht zahlen konnten, aus der Innenstadt evakuieren und in die Siedlung Lunik IX umsiedeln ließ.

„Damals fanden wir die Idee gut. Anders wäre die Sanierung der Innenstadt nicht möglich gewesen“, erzählt der Elder Statesman heute.

„Ich habe das schwerste Jahr meines Lebens hinter mir“, erzählt der Leiter des Don Bosco Zentrums, einer katholische Einrichtung des Salesianerordens, dessen zwölf Mitarbeiter mitten in Lunik IX seit fünf Jahren Religionsunterricht, Schülernachhilfe und Seelsorge betreiben.

Abriss statt Sanierung

„Das Projekt ist gescheitert“, konstatiert der Geistliche und macht dafür unter anderem den Staat verantwortlich. Statt Wohnungen zu sanieren, wurden drei Plattenbauten mit 100 Wohnungen abgerissen.

Die obdachlos gewordenen Bewohner mussten zu den anderen in die Wohnungen ziehen. Die sozialistische Plattenbausiedlung war ursprünglich für knapp 2.000 Menschen konzipiert worden. Heute leben dort etwa 7.000.

Es sind mehrere riesige Betonriegel: völlig verrottet, fast alle Fenster und Türen fehlen, Mauerstücke sind herausgebrochen, die Wände verrußt, kleine Müllhaufen brennen, Jugendliche kauern vor den Eingängen, zerlumpte Kinder laufen durch die kahlen Straßen.

Vor dem einzigen Wasserhahn des Viertels stehen Menschen, um Kanister zu füllen. Die Stadt hat das Wasser für das gesamte Viertel abgestellt, die Müllabfuhr kommt auch nicht mehr.

Auch in der blitzeblanken Wohnung von Eva Zigova fließt kein Wasser mehr aus dem Hahn. In ihrer Wohnung sieht es aus wie in jeder durchschnittlichen europäischen Kleinbürgerwohnung: penibel sauber, Einbauschränke, Kuckucksuhren an der Wand. Die Wasserkanister stehen versteckt unter der Küchenspüle.

Kein Wasser,  aber die Rechnung kommt

„Wir haben unsere Wasserrechnung immer bezahlt“, seufzt die kleine adrette Frau in ihrem weißen Arbeitskittel. Obwohl es nicht mal einen Wasserzähler gäbe, bekämen sie immer noch Rechnungen, auf denen der Wasserverbrauch stehe.

Ihr Ehemann arbeitet bei US Steels, der größten Fabrik der Stadt, sie als Putzfrau im städtischen Kindergarten von Lunik IX. Ihre Wohnung liegt in dem Haus direkt daneben, es ist eines von zwei Hochhäusern, die nicht ganz so verlottert wie die anderen aussehen. Es gibt Balkone, auf denen Wäsche hängt, die Fenster sind intakt. Im Treppenhaus ist der durchdringenden Uringestank aus dem Eingangsbereich allerdings kaum zu ertragen.

Warum zieht sie nicht weg?

„Wir können uns anderswo keine Wohnung leisten“, erläutert Zigova und zuckt die Achseln.

Vor dem Kindergarten steht der ehemaligen Bürgermeister Josef Sanja. Er trägt ein rotes Hemd, auf dem ein großer Löwe aufgedruckt ist, und eine rosa Jogginghose, und er ist betrunken und wirkt so, als wäre er das recht oft. „Ich bereite einen Streik vor“, erzählt er. „Die Verfassung garantiert die Menschenrechte. Wenn wir Bürger dieses Staats sind, dann muss hier was passieren.“

60 Prozent aller Roma in der Slowakei leben inzwischen in ihnen von Stadt und Land zugewiesenen „Gettos“, Trabantensiedlungen am Rande der Städte, die wie aufgelassene Dörfer wirken. Lunik IX ist das Paradebeispiel für die „Gettoisierung“ der Roma in Europa. Man kann hier noch so betrunken sein wie Sanja oder so organisiert wie Eva, hier leben möchte niemand.

Frühstück im Kindergarten

Drinnen im städtischen Kindergarten ist es so blitzeblank wie in Eva Zigovas Wohnung: die Tischchen, die Bettchen, das Spielzeug, die Köchinnen und die über 60 Kinder. Gerade gibt es Frühstück: für jeden ein Butterbrot, aber erst wird noch gemeinsam ein Lied gesungen. Im ersten Stock sitzen in einem kleinen Raum sechs junge Mütter an einem Tisch und rollen aus Zeitungspapierstreifen kleine Röhrchen, die sie in einen Behälter stellen. Sie machen das für ein Kulturhauptstadtprojekt.

Was daraus genau werden soll, wissen sie nicht. Aber sie bekommen dafür Geld, was sie brauchen, um den Aufenthalt ihrer Kinder im Kindergarten zu bezahlen.

Die Mütter sind sauer. Auf die Bewohner des anderen Viertels, die sie als „Kriminelle“ bezeichnen. Ihretwegen hätten sie keinen Strom und kein Wasser mehr. Die wollten nicht arbeiten und würden allen anderen damit das Leben schwer machen.

„Ich will hier weg und warte nur darauf, dass mein Onkel uns nach Belgien holt“, empört sich eine der Mütter.

Der Traum vom Ausland

Lunik IX ist nicht nur ein Slum der Pauperisierten. Es zeigt auch die anhaltende Diskriminierung der Roma in der slowakischen Gesellschaft: „Viele könnten sich eine Wohnung in einem anderen Stadtteil durchaus leisten. Aber sie haben Angst.

Wer kann, zieht aus Lunik IX weg. Aber meistens ins Ausland“, erzählt Jarmila Vanova, Journalistin und Direktorin des Roma-Medienzentrums Mecem. „Sie haben Angst davor, in einer anderen Wohngegend als Aussätzige behandelt zu werden und woanders keinen Job zu finden.“

Der Verein Mecem, der unter anderem die mehrfach ausgezeichnete Roma Press Agency betreibt, bildet Journalisten aus, betreibt eigene Nachrichtensendungen in der Rom-Sprache im öffentlichen Rundfunk und Fernsehen und unterstützt zahlreiche Projekte zur Selbstverwaltung und Selbstermächtigung der Roma. Mecem erhält aber weder vom slowakischen Staat noch vom Kulturhauptstadtfonds finanzielle Unterstützung.

Kein Interesse an Menschenrechte

Auch Vanova glaubt, dass Lunik IX nicht mehr zu retten ist. Sie ist sauer, auch auf die NGOs. Obwohl das Roma-Problem ein boomendes Business sei, kümmere sich niemand nachhaltig um die Roma: „Alle sprechen hier von nachhaltigen Kulturprojekten, aber für ein nachhaltiges Projekt, dass die Menschenrechte für die Roma sichert interessiert sich niemand.“

Dass sich ausgerechnet die katholische Kirche in Lunik IX eingerichtet habe, werde von verschiedenen Seiten kritisiert. Aber es sei in all den Jahren nun mal keine einzige NGO aufgetaucht, die sich als Lobbyisten für die Bewohner des Viertels eingesetzt hätte, und dann sei das eben das Ergebnis.

„Was sind die sieben Wunder der Slowakei? Montag, Dienstag, Mittwoch …,“ erzählen drei Jungs in einer Bar in Kosice. „Hier ändert sich nichts, außer den Fassadenfarben“.

In Lunik IX sind die Fassaden längst abgefallen und der Kulturhauptstadt Kosice, die so stolz auf ihre Minderheitenvielfalt ist, ist es offensichtlich völlig egal, dass sich mitten in ihrer Stadt eine Tragödie abspielt, die das ganze Kulturmarketing von Kosice als den eigentlichen Schandfleck erscheinen lässt.

 

Reizvoll ist der Wechsel zwischen dem slowakischen Gebirgsregionen im Norden und der Mitte des kleinen Landes und der Tiefebene im Süden, die noch weit über die ungarische Grenze reicht.

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