Geschichte eines Bioladens

Mit dem Rübenexpress in die Zukunft

"Kraut und Rüben", einer der ältesten Bio- und Kollektivläden der Republik, wird 30 Jahre alt. Trotz vieler Veränderungen hat das Kreuzberger Urgestein eines nicht aufgegeben: die alte Idee, den Kiez mit gesunden Lebensmitteln zu versorgen.

Seit 30 Jahren verkauft der Bioladen "Kraut und Rüben" am Heinrichplatz Obst und Gemüse. Bild: DPA

Pink und quietschend gelb sind die Rüben auf der Scheibe über der Eingangstür. Ähnlich bunt wie der große Eckladen am Heinrichplatz in Kreuzberg ist das Publikum: ein Querschnitt durch den Kiez. Beide haben in den letzten Jahrzehnten mehrmals ihr Gesicht verändert. Die Geschichte des Bioladens "Kraut und Rüben" beginnt 1978. In Gorleben demonstrieren Hunderttausend gegen das geplante Atommülllager, in Westberlin wird die Alternative Liste geboren, Häuser werden besetzt, in der Oranienstraße öffnet der Club SO36. Ein paar Meter weiter, am Heinrichplatz, mietet der Verein "Praktische Pädagogik" einen leer stehenden Laden und eröffnet ein Geschäft. "Billige, gesunde Lebensmittel für den Kiez" ist das Motto, die Verbindung von Stadtteilpolitik mit Basisversorgung der Nachbarschaft das Konzept.

"Eigentlich war es kein Bioladen", beginnt Annette Reiß, die vor 25 Jahren zum Kollektiv kam, ihre Erzählung. Eigentlich, das Wort taucht oft auf in der Geschichte. Der Name "Kraut und Rüben" meinte Kohl und Möhren, war aber gleichzeitig das sprichwörtliche Durcheinander. Es gab Obst und Gemüse vom Fruchthof, Körner, Müsli, vegetarische Pasten und den unvermeidlichen Tofu, Informationen über Demos und Bürgerinitiativen und selbst gemachtes Kunsthandwerk. Manni verkaufte Bleiverglastes, Bernd Lederwaren, und weil im verarmten und maroden Kreuzberger Kiez viele Jugendliche auf der Straße hingen, sollten sie im Kiezladen eine Perspektive finden. Deren Vorstellungen waren jedoch so anders, dass die Hand voll politisch Engagierter bald das pädagogische Ansinnen aufgab.

Den ökonomischen Durchbruch hatte der Laden, als ein Jahr später, 1979, in Charlottenburg die erste Vollkornbäckerei aufmachte. Bis zu 150 Brote verkaufte "Kraut und Rüben" am Tag. Schon nach zwei Jahren konnte das Gründerkollektiv den Laden an eine größere Gruppe übergeben. Die schaute sich nach biologisch angebautem Gemüse um. Der "Rübenexpress" begann ins Umland zu rollen, was bis zum Mauerfall für Westberlin das Wendland war. Im Zuge der Auseinandersetzung mit Atomkraft und Ökologie stellten hier Bauern auf Bio um. "Der Rübenexpress, das war unser Lkw und ein Netz von Leuten. Es gab noch einen zweiten Lkw in einer Besetzer-WG in der Adalbertstraße. Wir sind regelmäßig ins Wendland gefahren, haben das Gemüse bei den Höfen abgeholt und zum Teil sogar mitgeerntet", erinnert sich Reiß.

"Wir", das war ein Netz von Wohngruppen aus besetzten Häusern, privat organisierten Food-Coops und Kollektivbetrieben. Auch andere Bioläden gehörten dazu. So manche Nacht wartete man in Kneipen, bis der Lkw zum Ab- und Umladen vom Transit kam. Im Keller eines besetzten Hauses in der Manteuffelstraße wurden riesige Kisten gezimmert und mit Sand gefüllt, um die Möhren darin über Winter zu lagern. "Morgens, vor Ladenöffnung, fuhren die einen zum Fruchthof, um das konventionelle Gemüse zu holen, die anderen gingen die Bio-Möhren im Keller ausbuddeln", erzählt Reiß. Auch Flocken und Getreide holte man bei den Produzenten, in großen gemeinsamen Aktionen mit der UFA-Fabrik, der Backstube und dem Mehlwurm - Bäckereikollektive, die bis heute Biobrot backen. Erst ab 1988 waren die Erzeuger im Wendland so weit, dass sie den Vertrieb selbst organisieren konnten und der Großhändler Terra mit einem Frischedienst begann. "Wir sind miteinander gewachsen: Erzeuger, Großhandel, Läden und verarbeitende Betriebe, mit sehr viel Kooperation untereinander und großem Engagement", so Reiß.

Zur Sache gehörte auch das Kollektiv als Arbeitsform. Nach zwei Monaten Mitarbeit konnte man bei Krautis, wie "Kraut und Rüben" bis heute genannt wird, gleichberechtigt einsteigen. "Die Fluktuation war allerdings enorm und führte schließlich in die Krise", erinnert sich Altkollektivistin Reiß. Kompetenzen mussten immer wieder neu erworben werden, die Arbeitsorganisation war energie- und kostenaufwendig, und über das Ladenkonzept wurde ständig gestritten. Nach zehn Jahren wurde der Laden schließlich an eine Gruppe mit neuem Konzept übergeben. "Wir wollten einen reinen Naturkost-Fachhandel aufbauen. Das war sehr umstritten, denn der Preisunterschied zu konventionellen Lebensmitteln war damals noch viel größer als heute und Bio galt als elitär", erklärt Reiß die Auseinandersetzungen um die Nachfolge.

Schließlich übernahm die Gruppe um Reiß die Firma als Bioladen und Frauenkollektiv. Und da ist es wieder, das "eigentlich": Denn eigentlich war das nicht so beabsichtigt. "Es gab nur einen Mann, der mitmachen wollte, und das fanden wir unpassend", erinnert sich Reiß. "Erst dann haben wir festgestellt, wie angenehm das Arbeiten ohne Geschlechterkonflikte ist, und sind heute ein überzeugter Frauenbetrieb." Mit dem neuen Konzept und mit veränderten Lebensumständen kam Kontinuität in den Betrieb. Die heute neun Kollektivistinnen sind zehn und mehr Jahre dabei, haben sich fortgebildet und professionalisiert. Der Laden wurde mehrmals umgebaut und das Sortiment erweitert.

Ab 1990 entstanden in Brandenburg neue Biohöfe, langsam wurde aus der Biobewegung eine Wachstumsbranche. "Wir sind in einer paradoxen Situation", meint Reiß, "es ist wunderbar, dass Bio so ein Erfolg ist und der ökologische Landbau wächst. Aber es bleibt vieles dabei auf der Strecke und wird durch das neue EU-Biosiegel verwässert." Auf der Strecke bleiben auch soziale Kriterien wie die Arbeitsbedingungen, vor allem seit die Discounter und konventionellen Ketten den Biomarkt entdeckt haben. Was aus den Prinzipien der sozialen Bewegung und persönlichem Engagement entstanden ist, unterliegt nun den Marktgesetzen.

Neben Existenzsorgen ist es vor allem der Anpassungsdruck durch die Konkurrenz, der den Ladnerinnen zu schaffen macht. "Es ist schwer, auf Produkte zu verzichten, weil sie eingeflogen werden oder unsinnig aufwendig verpackt sind, wenn sie ansonsten überall zu haben sind", meint Reiß. Trotzdem bleibt sie ihren Prinzipien treu: "Flugware, Vitamintabletten, Rosenquarze gegen Handystrahlung und andere fragwürdige Modeartikel mit Heilsversprechungen wird es bei uns nicht geben."

Das Markenzeichen von "Kraut und Rüben" ist das große Gemüse- und Obstangebot - getreu der Ursprungsidee: gesunde Lebensmittel für den Kiez und kollektives Wirtschaften. Und die Pädagogik aus den Anfangsjahren ist zurückgekommen: Der Laden ist seit acht Jahren Ausbildungsbetrieb. Auch ein Kiezladen ist es immer noch, sowohl für Informationen aller Art wie auch fürs Wohlbefinden. "Es liegt an solchen Läden, dass man sich zuhause fühlt", sagt die Malerin Astrid Albers, die zwischen Oranienstraße und Italien lebt. "Der Laden riecht gut, man wird gut beraten, und wenn man mir hier guten Morgen wünscht, weiß ich, das ist so gemeint." Wer im Laden den Blick nach oben richtet, findet die Spuren der Malerin im kunstvoll kolorierten Stuck - wie auch gegenüber auf dem Giebel der ehemals besetzten Häuser.

"Eigentlich", so Reiß, "wollten wir in unserem Jubiläumsjahr einen Baum pflanzen. Vor Jahren ist einer auf dem Platz vorm Laden abgebrannt. Den wollten wir ersetzen, aber ausgerechnet jetzt ist uns das Grünflächenamt zuvorgekommen." So ist es mal wieder anders gekommen.

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„Richtig schön multikulti“ – Erkundungen im Kiez rund um den taz Neubau:

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