Sie ist das pulverisierte Höher, Schneller, Weiter: Crystal Speed. Das Bundesverfassungsgericht verhandelt, den Konsum der Droge härter zu bestrafen. Aber was soll das bringen?von DANIEL SCHULZ

16 Stunden arbeiten, acht Stunden feiern - für manche kein Problem. Bild: dpa
Absolutes Ego. Tanzen ohne Pause. Unstillbare Lust auf Sex. Nimmermehr müde - und auch noch ein sauberes Wohnzimmer: Das ist Crystal. Eine Droge auf Amphetaminbasis, ein Aufputschmittel der Extraklasse mit Selbstbewusstseinsbonus. Eines der höchsten deutschen Gerichte hat am Mittwoch darüber verhandelt, ob der Besitz schon ab fünf Gramm härtere Strafen nach sich ziehen soll.
Das Urteil ist eigentlich egal. Die Diskussion wird damit ebenso wenig verschwinden wie die verschobene Perspektive, aus der sie geführt wird. Crystal sei eine "Partydroge" schreibt jedes Medium vom anderen ab. Falsch. Crystal ist die Droge der Leistungsgesellschaft. Sie spiegelt das Verlangen nach stetiger Optimierung des Körpers, nach fortgesetzter Verbesserung des Selbst. Sie ist das pulverisierte Schneller, Höher, Weiter. Für ein paar Euro zu haben. Und egal wie hoch die Strafen für den Besitz auch immer sein mögen: Crystal wird bleiben. Ebenso wie Speed oder Kokain - all jene Drogen, welche Menschen fühlen lassen, sie seien weit mehr, als sie sind.
Denn um das Pensum an Arbeit, an Vergnügen, an Kreativität zu bewältigen, das heute verlangt wird, sind diese Drogen ideal. Es sind gerade die Eliten, welche Amphetamin oder den großen Bruder Methamphetamin nehmen. Von John F. Kennedy weiß man das inzwischen ebenso wie von den Kokainschnupfern im Bundestag. Auch Diktatoren wie Adolf Hitler waren Amphetamin-Junkies. Der war vom "Hallowach" offenbar derart begeistert, dass er es seinen Elitekriegern verabreichte.
Unter dem Titel Pervitin produzierten es die Temmler-Werke als Wachhaltemittel für die Piloten der Deutschen Luftwaffe. Es hielt die Angst fern und auch die Müdigkeit. Bis zu 70 Stunden lang verspüren die Konsumenten weder ein Bedürfnis nach Schlaf, nach Essen oder Trinken. Grund: Der Körper produziert die Hormone Dopamin und Nodrenalin in hohen Dosen.
Kein Wunder, dass viele Menschen, die heute noch Arbeit haben und dann für drei schuften dürfen, sich diesen Stoff einklinken. Und Vergnügen muss natürlich auch sein, schließlich gilt es, den Anspruch auf ein ganzheitlich erfülltes Leben zu erfüllen. Also noch mal nachlegen. Weniger wird das nicht werden. Eher mehr in einer Gesellschaft, die alles dransetzt, bereits ihre Kinder auf Leistungsträger zu tunen
Interessanterweise wandert die Droge inzwischen auch in gutbürgerliche Kreise ein. So erzählten Drogenberater schon in den 90ern deutschen Schülern, dass eine erkleckliche Anzahl ihrer Mütter Ecstasy schluckte, um ihr sterbenslangweiliges Dasein aufzupeppen. Crystal wird in den USA laut Fachärzten heute ebenfalls von diesen Frauen konsumiert, weil das Saubermachen da gleich viel mehr Spaß mache.
Der Staat reagiert nun, wie ein Staat nun einmal reagiert. Er denkt über mehr Strafen nach und veranlasst zur Beruhigung ab und an eine Razzia mehr. Das wird vielleicht die Jungs aus den Einwandererfamilien in den gemieteten S-Klassen treffen, die Crystal häufig in deutsche Haushalte liefern. Es trifft mit Sicherheit sehr viel weniger oft all die Akademikersöhne, Politiker und Konzeptkünstler aus gutem Hause, die den Hochgeschwindigkeitstreibstoff kaufen. Oder die Ärzte, die auf Partys gerne einige Mittelchen aus ihren Medizinschränken gegen den neuesten Aufputscher tauschen.
Am wenigsten aber wird dies den Konsens treffen, der Junkies und Abstinenzler, Polizisten und Dealer, die Elite und den Rest zusammenhält: Dass immer mehr begriffen werden muss. Dass immer mehr gelernt und geleistet werden muss. Das es eben immer so weitergehen muss.
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Es ist ein echtes großes Drama, das sich da in Griechenland abspielt. Ein Drama über die Demokratie, die Unregierbarkeit. Dieses Wort muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Und das Drama genießen.

Leserkommentare
07.08.2008 11:31 | Ario Ebrahimpour Mirzaie
Liebe TAZ, liebe LeserInnen, ...
06.08.2008 22:16 | Sebastian T.
"Das Bundesverfassungsgericht verhandelt, den Konsum der Droge härter zu bestrafen." ...