Bislang streng geheime Kabinettsprotokolle belegen: Bei der Standortwahl von Gorleben spielten geologische Aspekte fast keine Rolle – die Religion der Anwohner umso mehr.von Jürgen Voges
hab auch mal was zur Migration von Schwer- und Übergangsmtallen gemacht. Aber nicht im Salz, die Debatte verfolge ich aus Interesse.
Vom Alter der Fluid-Einschlüsse läßt sich keine Prognose derBeständigkeit einer gegebenen formation für die Zukunft ableiten.
Jeder Salzstock ist "ein Ding für sich", verhält sich anders, ist individuell aufgebaut und nicht immer vom gleichen Nachbargestein umgeben. Auch die regionale Tektonik ist sehr verschieden.
Nichtaktive Nuklide lassen sich bei gutem Willen einfacher immobilisieren als aktive. Bei Letzteren ist die Prognose der Langzeitstabilität in amorpher oder kritalliner Matrix auch komplizierter.
Vom Polit- Mob erwarte ich nichts mehr, jedenfalls nichts Gutes!
Glück auf! Karl
16.01.2010 17:36 Uhr
von Sebas:
@ Karl: Zunächst einmal danke für Ihren interessanten Beitrag. Sie sind offensichtlich vom Fach. Beschäftigen Sie sich auch beruflich mit dem Thema? Falls Sie die Zeit dazu haben hätte ich dann an Sie als Fachmann ein paar Fragen: - Ich habe aus mehreren Quellen gelesen, dass im Salz Gorlebens fossile Wassereinschlüsse, die mind. 290 Mio. Jahre (und damit knapp 300 mal länger als die nachzuweisende Einschlusszeit) sicher von der Biosphäre abgeschlossen waren. Wie kommt das dann zustande? - Wissen Sie, wie das mit den Nachweisen bei der Endlagerung hochgiftiger nichtradioaktiver Abfälle gemacht wird? Das ist pro Jahr schließlich etwa soviel wie wir nach 40 Jahren Kernenergie in Deutschland INSGESAMT angesammelt haben (wobei ja die Hälfte unserer radioaktiven Abfälle gar nicht aus der Kernenergie kommt), und Quecksilber oder Cadmium sind ja auch in alle Ewigkeit giftig. Zumindest das Lager bei Heilbronn (soviel auch zum Thema, dass Bayern und Baden-Württemberg ja keine Endlagerung wollen) ist ein ausgebeuteter Salzstock, also nach der Meinung von mir als Laien der Asse ähnlicher als dem jungfräulichen Gorleben. Oder gibt es da andere Unterschiede?
Zu der Beurteilung solcher Sachverhalte durch die Politiker bin ich grundsätzlich Ihrer Meinung, die können das sicher oft nicht. Allerdings kann ich Ihrem Schluss, dass die Politiker aus politischen Gründen vor Falsifikation zurückschrecken, nicht zustimmen. Gerade in diesem speziellen Fall ist doch die Falsifikation - die ja in diesem Falle heißen würde, dass Gorleben ungeeignet ist - sozusagen ein Herzenswunsch von Herrn Trittin und auch Herrn Gabriel. Schließlich fordern beide ja genau das, dass diese Falsifikation gemacht würde. Und die, wie Sie mir ja zugestimmt haben, subjektiv gewählten Gutachter waren in diesem Falle ja auch sicher so gewählt, dass sie sehr zu der Falsifikation neigen - nur haben sie die, obwohl politisch damals heiß ersehnt, nicht leisten KÖNNEN. Es mag ja sein, dass für Sie die Zweifel an der Eignung Gorlebens ausreichend sind. Aber ich sehe immer noch - und das ist ja nicht weg zu leugnen oder zu interpretieren, dass selbst unter atomkritischten Randbedingungen bzw. Gesetzgebung kein rechtstaatlich haltbarer Stopp zu erzwingen war. Im Gegenteil, Herr Trittin war sogar so von der Chancenlosigkeit überzeugt, dass er nicht einmal den Versuch unternommen hat, Gorleben für ungeeignet zu erklären, obwohl ihn das innerhalb seiner Partei sicher zum Helden gemacht hätte.
(Kleine Randnotiz: Unter dem Gesichtspunkt ist es auch interessant dass von Seiten der Kernenergiebefürworter weitere Untersuchungen selbst unter grüner Regie und "atmfeindlichsten" Randbedingungen immer gefordert werden. Dagegen scheinen die Kritiker Gorlebens selbst unter den für sie idealsten Randbedingungen eine Prüfung Ihrer Argumente zu fürchten wie der Teufel das Weihwasser - siehe das Moratorium, das ja nichts anderes war als ein Verbot, die Argumente zu prüfen. Und das, obwohl die Untersuchungen nicht das Geld der Steuerzahler, sondern der verhassten "Atomlobbyisten" gekostet hätten. Ich denke, jeder sollte sich einmal fragen, wer da wohl von der Wahrheit seiner Argumente mehr überzeugt ist.)
15.01.2010 10:50 Uhr
von Karl:
@ sebas Ein differenzierter Blick kann nie schaden. Zumal es zwei Problemfelder unterschiedlicher Ursache gibt.
1. Geologie und Tektonik der Diapire
Dazu ist festzustellen:
- Diapire sind fließende Strukturen die eine aufwärts gerichtete Bewegungskomponente von x cm/per a erreichen. Laterale Bewegungen werden von der Art der Nachbargesteine und der Tektonik bestimmt. - Das Fließen verändert die Internstruktur und führt auch zu Drucklösungserscheinungen; insbesondere in den kristallwasserhaltigen Kalisalzen. - Das Nachbargestein wird mechansich mitverändert; eine hydraulische Anbindung kann nicht dauerhaft ausgeschlossen werden.
2. Wärmefluss und Korrosion der eingelagerten Gebinde
- Hochaktiver Müll heizt den Nahbereich, in einem Salzkörper, derart auf, dass Kristallwasser auf die Wäremquelle hin migriert und dort eine sehr korrosive, gespannte Lösung bildet. Weder Beton noch Barytglascore widerstehen diesem Angriff länger als 4 Wochen (Sachstand 1989).
- Durch Halbelementbildung kann auch die Hülle von schwach- und mittelaktivem Nuklidabfall zerstört werden, zumal wenn sich eine Kombinationsweikung aus chem. und mech. Korrosion ergibt.
- Das Fließverhalten des Salzes verlagert die Einlagerungspositionen erheblich. Die Bergung ist dann sehr aufwändig.
Es sind m.E. ausreichend fachliche Erwägungen welche eine Versagung der Betriebserlaubnis rechtfertigen.
Eine fachliche Wertung der, äh- freundlich formuliert-, "Umweltschutzbestrebungen" aller etablierten Parteien ist von naturwiss. Standpunkt aus dermaßen fragwürdig......und wird das auch bleiben, solange aus politischen Erwägungen Falsifikationen vermieden werden...
Übrigens wird verwaltungsrechtlich die Wahrung der entsprechenden Verpflichtungen durch die "Bearbeitung" geschaffener Vorgänge de facto nachgewiesen! Über die Geeignetheit der aus der Bearbeitung erwachsenen Veranlassungen befinden leider meist, Sie führten das ja an, subjektiv bestimmte Gutachter. An diesem verwerflichen Verhalten hat bisher keine Partei etwas zu ändern versucht! Soviel zur Fürsorgepflicht!
Glück auf!
Karl
15.01.2010 07:49 Uhr
von Sebas:
@ Urgestein: Ich kenne das Zitat von Dieter Nuhr. Na so ein Glück, dass ich Ahnung habe. ;-) Sie haben mich allerdings mißverstanden: Ich habe mich nicht auf das Gutachten von 1977 bezogen, sondern auf eines, das 2000 in Auftrag gegeben und 2005 abgeschlossen wurde. Damals hat, wie Sie sicher wissen, der damalige Umweltminister Jürgen Trittin von den damals schon gegründeten Grünen einen Erkundungsstop (Moratorium) über Gorleben verhängt. Begründet hat er dies mit einem von ihm erstellten Fragenkatalog, der noch abzuarbeiten wäre. Die Gutachter sucht natürlich der jeweilige Bundesumweltminister, in diesem Fall also ein GRÜNER aus (und wie von grüner Seite da vorgegangen wurde zeigt die Benennung von Herrn König als Chef des BFS und zwei Rügen des Bundesrechnungshofen an Herrn Trittin, da er teils überteuerten Gutachtern Aufträge zugeschanzt hat, obwohl diese Gutacter auf dem Gebiet nicht einmal qualifiziert waren). Und in diesem unter grünstmöglichen Randbedingungen erstellten Gutachten stand eben, dass der Eignungshöffigkeit Gorlebens nach heutigem Wissenstand nichts entgegensteht.
Damit auch @ Karl: Ich gebe zu, ich habe als Physiker keine Qualifikation um die Eignung von isotropen Halit-Diapire oder anderer Formationen zu beurteilen, selbst wenn ich zugang zu den Messergebnissen hätte. Woran ich mich orientiere ist die Tatsache, dass jeder Umweltminister nicht nur das RECHT, sondern sogar die PFLICHT hat, die Erkundung eines Endlagers zu beenden wenn wissenschaftlich haltbare Nachweise für die Nichteignung vorliegen. Selbst wenn Sie unterstellen, dass die Schwarz-Gelben Umweltminister dieser PFLICH nicht nachgekommen sind (wozu man sie übrigens gerichtlich zwingen könnte, wenn eine andere Partei oder Gruppierung Beweise für die Nichteignung hätte; aber sie müssten fachlich eben haltbar sein, so dass sie vor Gericht auch Bestand haben könnten). Aber so, wie Herr Trittin und Herr Gabriel gegen Gorleben schreien und so sehr, wie eine nachgewiesene Nichteignung des einzigen bislang untersuchten Endlagers für nicht vernachlässigbar wärmeentwickelnde radioaktive Abfälle in Deutschland ihre Position stärken würde, gehe ich sehr stark davon aus, dass die beiden, wenn sie eben haltbare Belege gehabt hätten sicher die Chance ergriffen hätten, Gorleben zu schließen. Gerade für die Grünen wäre das ein Coup gewesen der sogar den Ausstiegsbeschluß (den sie als den größten Erfolg ihrer Geschichte sehen) noch übertroffen hätte. Offensichtlich hat aber keiner der beiden es geschafft, eine endgültige Stilleguung Gorlebens zu erreichen. Das bringt mich eben, auch ohne entsprechende Kenntnisse der Geologie, zwingend zu dem Schluß, dass es wohl keinen wissenschaftlich haltbaren Nachweis der Nichteignung Gorlebens gibt.
13.01.2010 17:17 Uhr
von Urgestein:
@Sebas
...wenn man keine Ahnung hat... (siehe. Dieter Nuhr)
Das Gutachten, auf das sie sich beziehen, wurde von der sozialliberalen Bundesregierung 1977 in Auftrag gegeben. Zu dieser Zeit waren die Grünen noch nichtmal als Partei gegründet!
Die Gutachter haben 23 Jahre gebraucht, um festzustellen, daß der Eignung nichts Unmittelbares entgegenstünde - soweit sie den Salzstock in dieser Zeit haben erkunden können.
Das bedeutet weder, daß er für die Einlagerung von Atommüll besonders geeignet sei, noch, daß es sich dabei um eine abschließende Bewertung handelt.
Allein die Art und Weise, in der die Begutachtung durchgeführt wurde, die fast 2 Jahrzehnte währende Gängelung der Wissenschaftler durch die Politik, bis hin zur Nötigung wider besseres Wissen bewußte Falschaussagen hinsichtlich der Sicherheit und der Eignung zu treffen, liessen ein Moratorium notwendig werden.
Und hoffentlich wird nun der Druck gross genug durch all die zu Tage tretenden Schweinereien bei der Durchprügelung des Standortes Gorleben, dass endlich auch andere geologische Formationen und Standorte, z.B. in Bayern und Baden-Württemberg, in die Diskussion einbezogen werden.
Der heissen Blase vom "Atomklo Gorleben" wird nun endgültig der Stöpsel gezogen. Überfällig.
13.01.2010 08:56 Uhr
von Karl:
@ sebas
Das nicht isotrope Halit-Diapire für die Endlagerung von hochaktivem Nuklidmüll ungeeigent sind, ist auch schon in den 80érn in der Fachliteratur veröffentlicht worden.
Für eine hinreichend genaue Charakterisierung einer solchen geologischen Struktur ist viel Geophysik und Bohrprofilbeleg notwendig, das ist sehr teuer und auch nicht in einem Jahr gemacht.
Nicht dass ich den Pfuscher Trittin verteidigen will!
Glück auf
Karl
12.01.2010 13:49 Uhr
von Sebas:
Wenn die Geologie wirklich keine Rolle gespielt hat, wieso hat dann ein gewisser Jürgen Trittin, als er sieben Jahre lang Umweltminister war es nicht geschafft, mit SEINEM Fragenkatalog und VON IHM HANDVERLESENEN Gutachtern die Nichteignung Gorlebens zu belegen. Stattdessen stand in dem von ihm in Auftrag gegebenen Gutachten als Fazit, dass nach eingehender Prüfung nach dem heutigen Wissenstand nichts gegen eine Eignung Gorlebens spricht. Herr Trittin hat dieses Gutachten, das man mit IHM als Auftraggeber und SEINER Auswahl an Gutachtern sicher nicht als Gefälligkeitsgutachten der Atomlobby bezeichnen kann, selber unterschrieben. Darum hat er auch lieber jede weitere Untersuchung der Eignungshöffigkeit Gorlebens unterbunden (Moratorium) anstatt sie vorranzutreiben: Offensichtlich sah er keine Chance dass auch der grünste Anit-AKW-Gutachter irgendwie nachvollziehbar belegen könnte dass Gorleben ungeeignet sein soll. Da ist es doch besser, jede Untersuchung zu unterbinden und ständig irgendwelche Säue durch den Ort zu treiben und zu schreien "Es gibt wir haben ja kein Endlager". Und wenn jetzt, unter Schwarz-Gelb weiter untersucht wird, weil verantwortungsvolle Politiker wissen, dass wir ein Endlager so oder so brauchen, kann man da wenigstens noch "Lobyy, Lobby" schreien.
12.01.2010 08:44 Uhr
von W.Sparer:
Gut, dass die Angelegenheit langsam aufgeklärt wird. Der zehnjährige Stillstand durch das rot-grüne Moratorium lähmt alles. Es war halt einfacher, sich für das Moratorium bejubeln zu lassen, als die Sache aufzuklären und einen sichereren Standort für das Endlager zu suchen und durchzusetzen.
11.01.2010 21:58 Uhr
von Norman:
Dass die Religion der Anwohner einer Rolle bei der Auswahl der Lagerstätte gespielt hat, kann ich aus dem Text nicht entnehmen. Warum wird das im Anriss behauptet.
11.01.2010 17:40 Uhr
von unterirdisch:
"Bei der Standortwahl von Gorleben spielten geologische Aspekte fast keine Rolle – die Religion der Anwohner umso mehr."
wie unterirdisch bekommt die taz ihr niveau eigentlich noch? der gesamte artikel gibt für diese behauptung keinen beleg her, was die taz aber offensichtlich nicht stört ...
derartige unseriosität (die ja system hat), ist der grund, warum ich für die taz mit sicherheit niemals geld ausgeben werde.
Leserkommentare
18.01.2010 15:28 Uhr
von karl:
@ Sebas
hab auch mal was zur Migration von Schwer- und Übergangsmtallen gemacht. Aber nicht im Salz, die Debatte verfolge ich aus Interesse.
Vom Alter der Fluid-Einschlüsse läßt sich keine Prognose derBeständigkeit einer gegebenen formation für die Zukunft ableiten.
Jeder Salzstock ist "ein Ding für sich", verhält sich anders, ist individuell aufgebaut und nicht immer vom gleichen Nachbargestein umgeben. Auch die regionale Tektonik ist sehr verschieden.
Nichtaktive Nuklide lassen sich bei gutem Willen einfacher immobilisieren als aktive. Bei Letzteren ist die Prognose der Langzeitstabilität in amorpher oder kritalliner Matrix auch komplizierter.
Vom Polit- Mob erwarte ich nichts mehr, jedenfalls nichts Gutes!
Glück auf!
Karl
16.01.2010 17:36 Uhr
von Sebas:
@ Karl: Zunächst einmal danke für Ihren interessanten Beitrag. Sie sind offensichtlich vom Fach. Beschäftigen Sie sich auch beruflich mit dem Thema? Falls Sie die Zeit dazu haben hätte ich dann an Sie als Fachmann ein paar Fragen:
- Ich habe aus mehreren Quellen gelesen, dass im Salz Gorlebens fossile Wassereinschlüsse, die mind. 290 Mio. Jahre (und damit knapp 300 mal länger als die nachzuweisende Einschlusszeit) sicher von der Biosphäre abgeschlossen waren. Wie kommt das dann zustande?
- Wissen Sie, wie das mit den Nachweisen bei der Endlagerung hochgiftiger nichtradioaktiver Abfälle gemacht wird? Das ist pro Jahr schließlich etwa soviel wie wir nach 40 Jahren Kernenergie in Deutschland INSGESAMT angesammelt haben (wobei ja die Hälfte unserer radioaktiven Abfälle gar nicht aus der Kernenergie kommt), und Quecksilber oder Cadmium sind ja auch in alle Ewigkeit giftig. Zumindest das Lager bei Heilbronn (soviel auch zum Thema, dass Bayern und Baden-Württemberg ja keine Endlagerung wollen) ist ein ausgebeuteter Salzstock, also nach der Meinung von mir als Laien der Asse ähnlicher als dem jungfräulichen Gorleben. Oder gibt es da andere Unterschiede?
Zu der Beurteilung solcher Sachverhalte durch die Politiker bin ich grundsätzlich Ihrer Meinung, die können das sicher oft nicht. Allerdings kann ich Ihrem Schluss, dass die Politiker aus politischen Gründen vor Falsifikation zurückschrecken, nicht zustimmen. Gerade in diesem speziellen Fall ist doch die Falsifikation - die ja in diesem Falle heißen würde, dass Gorleben ungeeignet ist - sozusagen ein Herzenswunsch von Herrn Trittin und auch Herrn Gabriel. Schließlich fordern beide ja genau das, dass diese Falsifikation gemacht würde. Und die, wie Sie mir ja zugestimmt haben, subjektiv gewählten Gutachter waren in diesem Falle ja auch sicher so gewählt, dass sie sehr zu der Falsifikation neigen - nur haben sie die, obwohl politisch damals heiß ersehnt, nicht leisten KÖNNEN.
Es mag ja sein, dass für Sie die Zweifel an der Eignung Gorlebens ausreichend sind. Aber ich sehe immer noch - und das ist ja nicht weg zu leugnen oder zu interpretieren, dass selbst unter atomkritischten Randbedingungen bzw. Gesetzgebung kein rechtstaatlich haltbarer Stopp zu erzwingen war. Im Gegenteil, Herr Trittin war sogar so von der Chancenlosigkeit überzeugt, dass er nicht einmal den Versuch unternommen hat, Gorleben für ungeeignet zu erklären, obwohl ihn das innerhalb seiner Partei sicher zum Helden gemacht hätte.
(Kleine Randnotiz: Unter dem Gesichtspunkt ist es auch interessant dass von Seiten der Kernenergiebefürworter weitere Untersuchungen selbst unter grüner Regie und "atmfeindlichsten" Randbedingungen immer gefordert werden. Dagegen scheinen die Kritiker Gorlebens selbst unter den für sie idealsten Randbedingungen eine Prüfung Ihrer Argumente zu fürchten wie der Teufel das Weihwasser - siehe das Moratorium, das ja nichts anderes war als ein Verbot, die Argumente zu prüfen. Und das, obwohl die Untersuchungen nicht das Geld der Steuerzahler, sondern der verhassten "Atomlobbyisten" gekostet hätten. Ich denke, jeder sollte sich einmal fragen, wer da wohl von der Wahrheit seiner Argumente mehr überzeugt ist.)
15.01.2010 10:50 Uhr
von Karl:
@ sebas
Ein differenzierter Blick kann nie schaden. Zumal es zwei Problemfelder unterschiedlicher Ursache gibt.
1. Geologie und Tektonik der Diapire
Dazu ist festzustellen:
- Diapire sind fließende Strukturen die eine aufwärts gerichtete Bewegungskomponente von x cm/per a erreichen. Laterale Bewegungen werden von der Art der Nachbargesteine und der Tektonik bestimmt.
- Das Fließen verändert die Internstruktur und führt auch zu Drucklösungserscheinungen; insbesondere in den kristallwasserhaltigen Kalisalzen.
- Das Nachbargestein wird mechansich mitverändert; eine hydraulische Anbindung kann nicht dauerhaft ausgeschlossen werden.
2. Wärmefluss und Korrosion der eingelagerten Gebinde
- Hochaktiver Müll heizt den Nahbereich, in einem Salzkörper, derart auf, dass Kristallwasser auf die Wäremquelle hin migriert und dort eine sehr korrosive, gespannte Lösung bildet. Weder Beton noch Barytglascore widerstehen diesem Angriff länger als 4 Wochen (Sachstand 1989).
- Durch Halbelementbildung kann auch die Hülle von schwach- und mittelaktivem Nuklidabfall zerstört werden, zumal wenn sich eine Kombinationsweikung aus chem. und mech. Korrosion ergibt.
- Das Fließverhalten des Salzes verlagert die Einlagerungspositionen erheblich. Die Bergung ist dann sehr aufwändig.
Es sind m.E. ausreichend fachliche Erwägungen welche eine Versagung der Betriebserlaubnis rechtfertigen.
Eine fachliche Wertung der, äh- freundlich formuliert-, "Umweltschutzbestrebungen" aller etablierten Parteien ist von naturwiss. Standpunkt aus dermaßen fragwürdig......und wird das auch bleiben, solange aus politischen Erwägungen
Falsifikationen vermieden werden...
Übrigens wird verwaltungsrechtlich die Wahrung der entsprechenden Verpflichtungen durch die "Bearbeitung" geschaffener Vorgänge de facto nachgewiesen! Über die Geeignetheit der aus der Bearbeitung erwachsenen Veranlassungen befinden leider meist, Sie führten das ja an, subjektiv bestimmte Gutachter. An diesem verwerflichen Verhalten hat bisher keine Partei etwas zu ändern versucht! Soviel zur Fürsorgepflicht!
Glück auf!
Karl
15.01.2010 07:49 Uhr
von Sebas:
@ Urgestein: Ich kenne das Zitat von Dieter Nuhr. Na so ein Glück, dass ich Ahnung habe. ;-)
Sie haben mich allerdings mißverstanden: Ich habe mich nicht auf das Gutachten von 1977 bezogen, sondern auf eines, das 2000 in Auftrag gegeben und 2005 abgeschlossen wurde.
Damals hat, wie Sie sicher wissen, der damalige Umweltminister Jürgen Trittin von den damals schon gegründeten Grünen einen Erkundungsstop (Moratorium) über Gorleben verhängt. Begründet hat er dies mit einem von ihm erstellten Fragenkatalog, der noch abzuarbeiten wäre. Die Gutachter sucht natürlich der jeweilige Bundesumweltminister, in diesem Fall also ein GRÜNER aus (und wie von grüner Seite da vorgegangen wurde zeigt die Benennung von Herrn König als Chef des BFS und zwei Rügen des Bundesrechnungshofen an Herrn Trittin, da er teils überteuerten Gutachtern Aufträge zugeschanzt hat, obwohl diese Gutacter auf dem Gebiet nicht einmal qualifiziert waren). Und in diesem unter grünstmöglichen Randbedingungen erstellten Gutachten stand eben, dass der Eignungshöffigkeit Gorlebens nach heutigem Wissenstand nichts entgegensteht.
Damit auch @ Karl: Ich gebe zu, ich habe als Physiker keine Qualifikation um die Eignung von isotropen Halit-Diapire oder anderer Formationen zu beurteilen, selbst wenn ich zugang zu den Messergebnissen hätte. Woran ich mich orientiere ist die Tatsache, dass jeder Umweltminister nicht nur das RECHT, sondern sogar die PFLICHT hat, die Erkundung eines Endlagers zu beenden wenn wissenschaftlich haltbare Nachweise für die Nichteignung vorliegen. Selbst wenn Sie unterstellen, dass die Schwarz-Gelben Umweltminister dieser PFLICH nicht nachgekommen sind (wozu man sie übrigens gerichtlich zwingen könnte, wenn eine andere Partei oder Gruppierung Beweise für die Nichteignung hätte; aber sie müssten fachlich eben haltbar sein, so dass sie vor Gericht auch Bestand haben könnten).
Aber so, wie Herr Trittin und Herr Gabriel gegen Gorleben schreien und so sehr, wie eine nachgewiesene Nichteignung des einzigen bislang untersuchten Endlagers für nicht vernachlässigbar wärmeentwickelnde radioaktive Abfälle in Deutschland ihre Position stärken würde, gehe ich sehr stark davon aus, dass die beiden, wenn sie eben haltbare Belege gehabt hätten sicher die Chance ergriffen hätten, Gorleben zu schließen. Gerade für die Grünen wäre das ein Coup gewesen der sogar den Ausstiegsbeschluß (den sie als den größten Erfolg ihrer Geschichte sehen) noch übertroffen hätte.
Offensichtlich hat aber keiner der beiden es geschafft, eine endgültige Stilleguung Gorlebens zu erreichen. Das bringt mich eben, auch ohne entsprechende Kenntnisse der Geologie, zwingend zu dem Schluß, dass es wohl keinen wissenschaftlich haltbaren Nachweis der Nichteignung Gorlebens gibt.
13.01.2010 17:17 Uhr
von Urgestein:
@Sebas
...wenn man keine Ahnung hat... (siehe. Dieter Nuhr)
Das Gutachten, auf das sie sich beziehen, wurde von der sozialliberalen Bundesregierung 1977 in Auftrag gegeben. Zu dieser Zeit waren die Grünen noch nichtmal als Partei gegründet!
Die Gutachter haben 23 Jahre gebraucht, um festzustellen, daß der Eignung nichts Unmittelbares entgegenstünde - soweit sie den Salzstock in dieser Zeit haben erkunden können.
Das bedeutet weder, daß er für die Einlagerung von Atommüll besonders geeignet sei, noch, daß es sich dabei um eine abschließende Bewertung handelt.
Allein die Art und Weise, in der die Begutachtung durchgeführt wurde, die fast 2 Jahrzehnte währende Gängelung der Wissenschaftler durch die Politik, bis hin zur Nötigung wider besseres Wissen bewußte Falschaussagen hinsichtlich der Sicherheit und der Eignung zu treffen, liessen ein Moratorium notwendig werden.
Und hoffentlich wird nun der Druck gross genug durch all die zu Tage tretenden Schweinereien bei der Durchprügelung des Standortes Gorleben, dass endlich auch andere geologische Formationen und Standorte, z.B. in Bayern und Baden-Württemberg, in die Diskussion einbezogen werden.
Der heissen Blase vom "Atomklo Gorleben" wird nun endgültig der Stöpsel gezogen. Überfällig.
13.01.2010 08:56 Uhr
von Karl:
@ sebas
Das nicht isotrope Halit-Diapire für die Endlagerung von hochaktivem Nuklidmüll ungeeigent sind, ist auch schon in den 80érn in der Fachliteratur veröffentlicht worden.
Für eine hinreichend genaue Charakterisierung einer solchen geologischen Struktur ist viel Geophysik und Bohrprofilbeleg notwendig, das ist sehr teuer und auch nicht in einem Jahr gemacht.
Nicht dass ich den Pfuscher Trittin verteidigen will!
Glück auf
Karl
12.01.2010 13:49 Uhr
von Sebas:
Wenn die Geologie wirklich keine Rolle gespielt hat, wieso hat dann ein gewisser Jürgen Trittin, als er sieben Jahre lang Umweltminister war es nicht geschafft, mit SEINEM Fragenkatalog und VON IHM HANDVERLESENEN Gutachtern die Nichteignung Gorlebens zu belegen. Stattdessen stand in dem von ihm in Auftrag gegebenen Gutachten als Fazit, dass nach eingehender Prüfung nach dem heutigen Wissenstand nichts gegen eine Eignung Gorlebens spricht. Herr Trittin hat dieses Gutachten, das man mit IHM als Auftraggeber und SEINER Auswahl an Gutachtern sicher nicht als Gefälligkeitsgutachten der Atomlobby bezeichnen kann, selber unterschrieben.
Darum hat er auch lieber jede weitere Untersuchung der Eignungshöffigkeit Gorlebens unterbunden (Moratorium) anstatt sie vorranzutreiben: Offensichtlich sah er keine Chance dass auch der grünste Anit-AKW-Gutachter irgendwie nachvollziehbar belegen könnte dass Gorleben ungeeignet sein soll. Da ist es doch besser, jede Untersuchung zu unterbinden und ständig irgendwelche Säue durch den Ort zu treiben und zu schreien "Es gibt wir haben ja kein Endlager".
Und wenn jetzt, unter Schwarz-Gelb weiter untersucht wird, weil verantwortungsvolle Politiker wissen, dass wir ein Endlager so oder so brauchen, kann man da wenigstens noch "Lobyy, Lobby" schreien.
12.01.2010 08:44 Uhr
von W.Sparer:
Gut, dass die Angelegenheit langsam aufgeklärt wird. Der zehnjährige Stillstand durch das rot-grüne Moratorium lähmt alles. Es war halt einfacher, sich für das Moratorium bejubeln zu lassen, als die Sache aufzuklären und einen sichereren Standort für das Endlager zu suchen und durchzusetzen.
11.01.2010 21:58 Uhr
von Norman:
Dass die Religion der Anwohner einer Rolle bei der Auswahl der Lagerstätte gespielt hat, kann ich aus dem Text nicht entnehmen. Warum wird das im Anriss behauptet.
11.01.2010 17:40 Uhr
von unterirdisch:
"Bei der Standortwahl von Gorleben spielten geologische Aspekte fast keine Rolle – die Religion der Anwohner umso mehr."
wie unterirdisch bekommt die taz ihr niveau eigentlich noch?
der gesamte artikel gibt für diese behauptung keinen beleg her, was die taz aber offensichtlich nicht stört ...
derartige unseriosität (die ja system hat), ist der grund, warum ich für die taz mit sicherheit niemals geld ausgeben werde.