• 12.03.2010

Geburtstag von IG-Metall-Chef

Sause ohne Sozen

Am Mittwoch feiert IG-Metall-Chef Berthold Huber im Kanzleramt Geburtstag. Doch kein einziger SPD-Politiker ist eingeladen. Wieso denn bloß?von Ulrich Schulte

  • 14.03.2010 06:42 Uhr

    von claudia:

    @ Hannes:
    >>Aber grundsätzlich ist die Lage der Arbeitnehmer in Deutschland sehr schlecht, nicht unbedingt weil in den Tarifverträgen schlecht aussieht, sondern weil die Unternehmen mehr und mehr Arbeitsplätze streichen, auslagern oder verlagern.<<
    Und daran haben die DGB-Gewerkschaften ihren Anteil. Die „Kernbelegschaften“, für die Tarife gelten, sind drastisch verkleinert worden. Je nach Konjunkturlage wird eine wechselnd große Menge an temporären „Leiharbeitern“ eingesetzt. Das sind keineswegs nur ungelernte Aushilfen und Berutsanfänger, sondern auch qualifizierte und erfahrene Leute, die man einst gefeuert hatte. Aus diesem neuen Subproletariat werden auch gelegentliche Einstellungen rekrutiert. Was früher mal das normalste der Welt war: Einen direkten Arbeitsvertrag abzuschließen, das ist heute bereits ein sozialer Aufstieg.

    Die DGB-Gewerkschaften haben das unterstützt, indem sie mit Zeitarbeitsfirmen einen „Tarif“ abschlossen. Dieser liegt in Rahmenbedingungen wie Urlaub und dgl. sowie Löhnen sehr weit unter den Industrietarifen, auch unter den den Tarifen des öffentlichen Dienstes. Während die Industrietarife in der Entgelthöhe ab und zu durch Neuverhandlung angepaßt werden, sind die Zeitarbeitslöhne durch den Pseudotarif seit vielen Jahren eingefroren, sinken also in der Kaufkraft beständig weiter ab und erweitern somit Jahr für Jahr einseitig die Profitseite der „Zeitarbeit“. Dazu kommt, daß das Prinzip „hire and fire“ in der „Zeitarbeit“ voll umgesetzt ist, Kurzarbeitergeld gibt es dort nicht.
    Die Aktien der großen Zeitarbeitsfirmen werden an der Börse gehandelt, sie bieten attraktive Dividenden und somit den Besitzern der explosiv gewachsenen Privatvermögen erhöhten Zugriff auf den erarbeiteten Mehrwert.

    Das bedeutet: Wenn während einer Exportkonjunktur die Zahl der Arbeitslosen mal zurückgeht, dann sind das hauptsächlich prekäre Arbeitsverhältnisse. Die DGB-Gewerkschaften sind an der Tabuisierung dieses Fakts direkt beteiligt.
    Die Ausweitung der „Zeitarbeit“, die ja nichts anderes ist als Zuhälterei auf dem Arbeitsmarkt. wurde mit der Agenda 2010 festgeschrieben. Und die wiederum wurde von den DGB-Gewerkschaften mitgetragen. Sie werden wohl wissen, daß die betroffenen Mitglieder mittlerweile gemerkt haben, daß sie nicht nur von SPD, sondern auch von iher Gewerkschaft verraten und verkauft wurden.
    Da ist es sicher ratsam, die Kumpanei mit der SPD unsichtbar zu machen. Ich gehe davon aus, daß zu dieser Taktik zwischen SPD und DGB Konsens herrscht.

    SPD und DGB verstehen sich als Vertretung der verbliebenen „echten“ Angestellten und Facharbeiter, die allerdings immer weniger wurden. Mit der heftigen Propaganda gegen die Gekündigten wurde ihnen ein Feindbild geliefert, das von den Verursachern der Misere ablenkt. Der DGB hat dem niemals widersprochen. Denn wer mal aus dem Arbeitsvertrag hinausgekündgt wurde, ist aus DGB-Sicht kein „Abeitnehmer“ mehr, sondern sozialer Bodensatz. Damit hat der DGB allerdings auch seinen Mitgliederschwund selber generiert: Die selber betroffen sind wissen besser als die Propagandisten was abläuft.

    DGB-Gewerkschaften mit einer wohlgefüllten Streikkasse wären in der Lage gewesen, die Lohndrückerei durch die Zusammenarbeit von Arbeitsämtern und „Zeitarbeit“ rechtzeitig zu boykottieren. Sie hätten ihren Mitgliedern klar machen können, daß die Bezahlng von Streikgeld an Mitglieder, die Zeitarbeit verweigern, keine Unterstützung von Arbeitsverweigerung ist, sondern Kampf gegen Lohndumping.

    Wenn der DGB heute so stark dafür eintritt, Eportrückgänge und Managementfehler mit Kurzarbeitergeld auszubügeln, dann weil man wohl gemerkt hat, daß es sonst bald keine Mitglieder mehr geben wird, für die man noch irgend etwas zu verhandeln hätte. Alle Kündigungen haben dazu geführt, dass die Zahl der in Pseudotarif dahinsiechenden Discountlöhner immer größer wurde...

    Die Lösung liegt in der Gründung neuer Gewerkschaften, die wieder das tun, was die Aufgabe einer Gewerkschaft ist: Die „Ware Arbeitskraft“ auf dem Markt gebündelt zu vertreten. Im Sinne der „Koalitionen“ der Arbeiter, die Adam Smith einst gemeint hatte.
    Und das Bewußtsein wieder zu wecken, daß der Gegner nicht diejenigen sind, denen der Arbeitsvertag gekündigt wurde und „Arno Dübel“ als das zu entlarven, was er ist: Kopfkino…

  • 13.03.2010 18:22 Uhr

    von Bavi:

    Interessant hat das Mittagessen auch 15 Minuten und zwar in stehen gedauert, wie zur zeit in der Branche üblich ist.

  • 12.03.2010 19:17 Uhr

    von harald:

    Als die Hartz-Gesetze durch den Bundestag gepeitscht wurden, gab es in vielen Städten die sog. Montagsdemonstrationen, an denen ich mich auch beteiligt habe. Die Gewerkschafter bei diesen Veranstaltungen konnte man an einer Hand abzählen. Die Gewerkschaften als Organisation waren nicht vertreten.

    Hätte die Kohl-Regierung so etwas wie Hartz IV durchbringen wollen, hätten die Gewerkschaften zum Generalstreik aufgerufen. Deshalb konnten die Hartz-Gesetze auch nur von einer SPD-geführten Regierung ohne größeren Widerstand durchgesetzt werden.

    Das jetzige Schmollen von IG-Metall-Chef Huber (und gleichzeitige Anbiedern an eine andere Hartz-Partei - die CDU -) ist für mich Hilflosigkeit und Heuchelei. Die Gewerkschaften hatten sich im Kadavergehorsam an die Schröder-Regierung gebunden und zahlen jetzt mit Bedeutungslosigkeit.

    Harald

  • 12.03.2010 15:27 Uhr

    von Hannes:

    Nun die IG Metall ist schon lange nicht mehr in der Opposition, sondern eher in der Oportunität gelandet. Immerhin hat die Regierung tief in die Tasche gegriffen, um das Kurzarbeitergeld zu finanzieren - auch wenn es kaum was bringt.
    Das ist natürlich ein Geschenk für die Gewerkschaften gewesen - ganz besonders für die IG Metall. Aber grundsätzlich ist die Lage der Arbeitnehmer in Deutschland sehr schlecht, nicht unbedingt weil in den Tarifverträgen schlecht aussieht, sondern weil die Unternehmen mehr und mehr Arbeitsplätze streichen, auslagern oder verlagern. Und es bilden sich immer mehr schlechte Arbeitsplätze heraus, teilweise durch das Hartz-Programm arg angefeuert. Unter solchen Konditionen ist es nicht unbedingt ratsam, mit der CDU/CSU zu schmusen und sich mit denen in ein Bett zu werfen.
    Aber dieser Vorsitzende sucht sein Glück in Gemeinsamkeiten und Harmonie mit den Mächtigen.
    Das kann sich schon per se nicht für eine Gewerkschaft auszahlen, aber das spielt für Huber wohl keine Rolle.
    Die Arbeitgeber nehmen umgekehrt auch keine Rolle auf das Harmoniebedürfnis des Vorsitzenden: Die Gewerkschaften und die Linken werden ja mit einer Rebellen-PR-Lobby-Organisation bekämpft (Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft) und da bezahlt Gesamtmehtall die Sause.
    Und diese Initiative hat sich ein Netzwerk von Multiplikatoren geschaffen, die nichts anderes tun, als die Werte der IG Metall zu schreddern. Im Gegenzug baut die Gewerkschaft ihre Medien-Kompetenz nicht aus, sondern arbeitet mit Minimalbesetzung wie 1970 weiter.

    Hoffnungen, dass die Böcklerstiftung und der DGB die Gewerkschaft in die Offensive bringen würden, haben sich wohl zerschlagen. Alles, was man bisher liest, deutet darauf hin, dass auch 2010 nicht anders wird als 2009 oder 1993. Die Tanker-Theorie über die SPD stimmt wohl auch über die Gewerkschaften: Sie bewegen sich nur extrem langsam und sind kaum in der Feinheit steuerbar. Seit der IG Metall die SPD als Antrieb, Ideengeber und breiter Partner verloren gegangen ist, fehlt der Organisation schlicht Orientierung. Und die Art der internen Diskussionführung ist auch eher auf die interne Machtverteilung ausgerichtet, da wird wenig aus der Organisation angestoßen - jedenfalls nicht für die politische Auseinandersetzung. Für einzelne Branchen, Tarife und andere im engsten Sinne IGM-Steckenpferde sicherlich.

    Dabei hätten die Gewerkschaften es relativ leicht: Ein gewerkschaftlich ausgehandelter Tariflohn ist so populär wie zuletzt in den 1950ern. Der Tarifvertrag und der Betriebsrat sind geradezu Luxusgüter geworden - doch dies können diese Tanker eben nicht zum Punkt der Auseinandersetzung machen, weil ihnen die politische Kraft auf der breiten Linie fehlt. Ohne Partnerpartei ist auch die IG Metall nur ein politischer Zwerg - gleichwohl für deren engen Interessen durchaus eine durchsetzungsfähige Organisation.

    Aber was nützt das, wenn Arbeitnehmern der Jobverlust droht? Wenn ein Arbeitsloser nach nur 12 Monaten in einem dubiosen Geflecht aus schlechtem Gewissen, Armut und Druck landet? Gerade die IG Metall in NRW hat genau zu diesem Gesetz massiv beigetragen und eine Sozialpolitik mitverursacht, die der SPD wohl noch lange Jahre die Mitglieder und Wähler rauben wird.

    Die Antworten von Huber sind - kurz gesagt - einfach nur Leerzeichen und Symptome zunehmender Ratlosigkeit. Letztlich fehlt dieser Gewerkschaft eine langfristige Perspektive. Mit der Union wird sie nur kurzfristig punkten, nicht aber auf Dauer Erfolge haben.

  • 12.03.2010 13:43 Uhr

    von sowieswar:

    Naja, die fehlende Verbindung zur Sozialdemokratie bildet sich doch auch in den Verhandlungsergebnissen ab. Die Gewerkschaften verwalten doch eh bloß die Pfründe der Deluxe-Klasse von Langzeit-Festangestellten und mucken ansonsten nicht auf. Für die vielen vielen prekären Arbeitsverhältnisse können die Gewerkschaften genauso wenig tun wie die Politik.
    Gebt doch endlich zu, dass Ihr das Begleitorchester des Marktliberalismus seid!!
    Die Gewerkschaften suchen sehr wohl die Nähe zur Macht, denn sie selbst haben schon längst keine Macht mehr.
    Schreibt doch mal einen Artikel über die schwindenden Mitgliederzahlen bei den Gewerkschaften!!!

Ihr Name (wird angezeigt):*

Email (wird nicht angezeigt):*

Kommentar* - bitte beachten Sie unsere Netiquette:

Bitte geben Sie hier das Wort ein, das im Bild angezeigt wird. Dies dient der Spamvermeidung Wenn Sie das Wort nicht lesen konnten, bitte hier klicken.

CAPTCHA Bild zum Spamschutz

Wenn Sie auf "Abschicken" klicken, wird ihr Kommentar ohne weitere Bestätigung an taz.de verschickt. Er wird veröffentlicht, sobald einRedakteur ihn freigeschaltet hat. taz.de behält sich vor, beleidigende, rassistische oder aus ähnlichen Gründen unangemessene Beiträge nicht zu publizieren.

*Pflichtfelder