Laura Meritt hat schon Sextoys verkauft, als Frauen statt "Vagina" noch "da unten" gesagt haben. Sie kämpft für sexuelle Freiheit, macht Mösenmassagen und propagiert das weibliche Ejakulatvon ANNA HUNGER

Laura Meritt weiß genau, wie Frau das Spielzeug richtig gebraucht Bild: rtr
Sie sitzt auf einem Stuhl mit Teppichschonern in Leopardenprintoptik. Sie verkauft Aufklärung und Analdildos und ist von entwaffnender Toleranz gegenüber jeglichen sexuellen Praktiken. Von vorne, von hinten, mit und ohne Spielzeug, Bondage, SM, egal - Hauptsache es gefällt.
Laura Meritt verdient ihr Geld mit den Orgasmen anderer Leute. Sie ist eine flammende Kämpferin für die sexuelle Befreiung. Weil wir heute zumindest theoretisch alles machen dürfen, was wir wollen - aber in der Praxis haperts noch. Korkenzieher-Dildo mit Lustkugeln? Analmassage vom Profi? Bei so viel Offenheit schüttelts den Zartbesaiteten. "Deshalb gibt es ja mich", sagt Meritt.
Freitags treffen sich in ihrer Wohnung Frauen zum Pornogucken, an anderen Tagen zum gemeinsamen Masturbations-Workshop. "Mösenmassagekurs", nennt das Meritt und lacht vergnügt, als sei das nicht anders als der Besuch eines besonders lustigen Kinofilms. Viele Frauen seien da erst einmal zurückhaltend. "Aber wenn sie dann sehen, wie lustvoll ihre Kolleginnen stöhnen, wollen sie auch massiert werden." Denn während Männer ihre orgiastischen Erlebnisse an Klowände malen, wissen viele Frauen immer noch nicht, wie sie zum Orgasmus kommen können. "Viele wissen noch nicht einmal, wie ihre Möse aussieht", sagt Meritt und nimmt eine Plüschvagina aus dem Regal. Groß wie ein Fußball, flauschig-lila, mit goldenen Schamlippen. Meritt kneift in den pinkfarbenen Plüschkitzler. "Anschauungsmaterial für Kundinnen, die sich noch nie einen Spiegel zwischen die Beine gehalten haben", sagt die 50-Jährige. "Und das sind nicht wenige."
Die Frau, die da hemmungslos übers Ficken redet, ist 50, trägt einen grauen Kurzhaarschnitt und dazu eine Bluse mit erdfarbenen Pfifferlingen und Champignons drauf. Wenn sie lacht, breiten sich um ihre Augen kleine Krähenfüße aus und in ihrer Umgebung eine Wohlfühlatmosphäre, in der man sich am liebsten wälzen möchte. Über das Lachen der Frau hat sie ihre Doktorarbeit geschrieben. Ihre Ausgangsthese: Feministinnen lachen häufiger als andere Frauen. Die hat sie widerlegt. Feministinnen lachen weniger, dafür aber häufiger von sich aus.
Zu Meritt kommen Frauen, die gerne mal mit Frauen wollen, aber nicht wissen, wo sie welche finden, die auch wollen. Oder solche, die sich nicht trauen, in einem gewöhnlichen Sexshop einzukaufen oder die einfach Fans sind von Laura Meritts Produkten. Das Sexspielzeug, das sie anbietet, ist haut- und umweltverträglich, größtenteils bio und fair gehandelt. "Sex muss ethisch vertretbar sein", sagt Meritt. Vor ein paar Jahren hat sie deshalb einen Frauenpornopreis ausgelobt und setzt sich dafür ein, dass Frauen in der Pornoproduktion Mittagspausen einhalten dürfen und Tariflöhne bekommen.
Ihren Shop in Kreuzberg hat sie "Sexclusivitäten" getauft und zwischen Küche und Wohnzimmer in ihrer Wohnung eingerichtet. Weil es da heimeliger ist, und weniger anonym als in einem Ladengeschäft und weil ihre Kunden und Kundinnen im angrenzenden Wohnzimmer gleich ausprobieren können, was sie bei ihr gekauft haben. Den "Chrystal Hook", einen "gut handhabbaren Schwanz" aus Plexiglas für 30 Euro. Oder den Dildo "Phönix" aus Porzellan, 198 Euro teuer, glatt, glänzend, elegant. Er steht in einer Vitrine, die beinahe platzt vor lauter bunten Sextoys. Auf einem schmucken Servierwagen hängen Riemen, Gürtel und Knebel. Vom Regal gegenüber baumelt eine Ledertrense mit Gummigebiss.
Aber bei Meritt gibt es nicht nur Sachen zu kaufen. Momentan propagiert sie die Erkenntnis, dass nicht nur Männer, sondern auch Frauen beim Höhepunkt "spritzen" dürfen. Es sei ja noch nicht einmal gesellschaftlich anerkannt, dass sie zumindest "ejakulieren", sagt sie. "Obwohl das schon seit Jahren ein bekannter, wissenschaftlich untersuchter Fakt ist." Meritt lacht ihr angenehmes Lachen und erklärt, dass es mit dem Wort "spritzen" das Gleiche sei, wie mit dem Begriff "Fotze". "Negativ männlich belegt und für viele Frauen abschreckend." Zumindest im Moment noch. Vor 25 Jahren war noch nicht einmal daran zu denken, dass Frau dieses Wort überhaupt öffentlich diskutiert.
Meritt lebte in Luxemburg, studierte in Trier Germanistik und Politikwissenschaft. Später war sie Dozentin an der Humboldt-Universität und Deutsch-Lehrerin in der Erwachsenenbildung. Sex zu ihrem Leben gemacht hat sie, als sie 20 war. "In den Achtzigern gab es ja nichts", sagt sie. Also machte sie sich selbst auf, um die Lust in die Welt zu tragen und verkaufte Sexspielzeug aus einem Köfferchen - als erste Verkäuferin von Frauen-Sextoys in Deutschland.
Neben der akademischen Karriere hat sie auch die praktische hinter sich. Früher hat sie in einem Bordell gearbeitet, als Hure mit männlicher Kundschaft. Weil sie ausprobieren wollte, wie sich Sex anfühlt, der in Viertel-, Halbe- oder ganze Stunden gepresst wird. Als sie die Lust auf Männer verlor, hat sie mit dem "Club Rosa" den ersten Escort-Service für Frauen gegründet.
Mittlerweile ist Laura Meritt eine Institution. Eine "Sexpertin", die sich auf die Fahnen geschrieben hat, das Gespräch über Sexualität aus der Schmuddelecke zu holen und salonfähig zu machen. Denn sexuelle Unzufriedenheit resultiert aus mangelnder Sexgesprächskultur, findet sie. Und das muss ja nicht für immer so bleiben.
<typohead type="5">
Einen Vortrag der "Sexpertin" zum Thema "G(enuss)-Fläche und weibliche
Ejakulation" gibt es am heutigen Freitag im Orlanda-Verlag,
Fürbringerstraße 7 in Kreuzberg. Los gehts um 18 Uhr, Eintritt 5 Euro.
Weitere aktuelle Termine unter www.sexclusivitaeten.de</typohead>
Berlins Innensenator Henkel (CDU) hat die „Hells Angels“ verboten. Diese waren jedoch längst informiert. Nun sucht die Polizei nach einem Maulwurf in ihren eigenen Reihen. von Konrad Litschko

Echte Stars, begeisterte Fans, prima Shopping-Tipps - wir freuen uns auf die Fußball-Europameisterschaft.

Starre Rituale, öde Debatten, ein Haus der Langeweile? Nicht in der Ukraine! Hier werden Parlamentsdebatten noch mit Leidenschaft, Herzblut und handfesten Argumenten geführt!

Weltraumtouristen, Satelliten und Versorgungsflüge zur ISS – die Raumfahrt wird privatisiert und kommerzialisiert.

Es ist ein echtes großes Drama, das sich da in Griechenland abspielt. Ein Drama über die Demokratie, die Unregierbarkeit. Dieses Wort muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Und das Drama genießen.

Leserkommentare
05.09.2010 17:26 | alcibiades
Es war nicht nur eine Anzeige in der Printausgabe, online gab es die auch.
03.09.2010 19:32 | stene
unglaublich positiv geschrieben. unglaublich werbend auch. ihr shop, sortiment, webseite, workshop etc. mir stößt es auf, w ...
02.09.2010 20:46 | Flo
Unglaublich toll geschrieben, wie ich finde...