Der frühere Fußballprofi Andreas Biermann leidet an Depressionen und hat ein Buch darüber geschrieben. Nach der stationären Behandlung war seine Karriere beendet.von Ralf Lorenzen
Ich leide auch unter Depressionen und ich denke, dass dieses Outing Biermann das Leben gerettet hat. Was nutzt einem wie Robert Enke verkrampft an eine Karriere festzuhalten, wenn es einem am Ende das Leben kostet, weil man einem männlichen Ideal nacheifert. Es begehen nach meinem Wissen auch deutlich mehr Männer Selbstmord, weil sie kein Ventil für ihre seelischen Probleme haben. Nicht nur im Fussball herrscht das Bild vom starken Mann. Dieses Bild ist noch fest verankert, trotz all der Emanzipation. Und ich als Mann leide auch noch oft genug still vor mich hin, weil niemanden einen Mann zuhören will. Aus dem Grunde habe ich auch mein Blog Deprifrei gegdründet, um gegen diese Sprachlosigkeit anzukämpfen. Wer will besucht mich unter www.deprifrei.twoday.net oder wird einer von über 300 virtuellen Freunde bei www.facebook.com/deprifrei Natürlich kann man mit mir in Kontakt treten.
17.03.2011 11:40 Uhr
von HH1910:
"Aber nach dem Lesen werden wahrscheinlich sowieso die wenigsten Leser menschlichen Respekt vor mir haben. Es ist eben keine Geschichte, wo man sagen muss: Das ist ein toller Mensch."
Ich bin als St.Paulianerin sicher nicht unvoreingenommen bzgl Andreas Biermann. Aber nach einem halben Jahr Therapie am eigenen Leibe möchte ich zu dem oben zitierten Satz etwas sagen:
Genau da liegt "unser" Denkfehler. Ich respektiere jemanden nicht, weil er "toll" (perfekt) ist. Sondern für Mut sich selber kritisch zu betrachten und zu reflektieren in aller Härte und daran zu arbeiten, aus sich einen besseren Menschen zu machen, besser auch zu sich selbst und eben nicht nur zu oder für andere/n. Genauso aber sich selber einfach "Fehler" zu gönnen und zu erlauben, anstatt mit sich zu hadern, man wäre kein toller Mensch (und hätte es somit auch nicht besser verdient).
Die vielzitierten "Gutmenschen" sind oft zu eigener Reflektion doch gar nicht fähig. Und fehlerlose gibt es schon gar nicht. Aber genügend die sich dafür halten und sich daher gar nicht weiterentwickeln. Aber oberflächlich betrachtet "tolle" (selbstzufriedene) Menschen...
Sicher kann man sich darüber streiten, ob viel privates derart in die Öffentlichkeit gehört und welchem Zweck dies im Einzelfall dient. Aber wenn weiterhin keiner über diese Krankheit offen spräche, hätte ich vor einem halben Jahr sicher nicht den Mut besessen, mir einzugestehen, dass ich Hilfe benötige und mir diese Hilfe auch gesucht.
17.03.2011 08:54 Uhr
von anke:
Mit Andreas Biermann wird einmal mehr der falsche Mann behandelt. Dass die taz ihn trotzdem als Helden feiert, finde ich etwa so sinnvoll, wie die Hymne auf die 50 von Fukushima. Es mag ja sein, dass diese Leute anderen beim Überleben helfen. Ihr Opfer wäre aber gar nicht nötig, würde die Restgesellschaft endlich tun, was sie tun müsste, weil sie ganz genau weiß, dass es richtig ist - und alles andere lassen. Den "Helden" jedenfalls hilft es einen Dreck, wenn man sie zum Mittelpunkt einer schlecht geheuchelten Aufmerksamkeit macht. Es macht sie nur einmal mehr zu Opfern. Aber das, nicht wahr, schert die Medien nicht die Bohne. Einer, schließlich, muss ja die Drecksarbeit machen. Schön, wenn es jemand anderes ist.
17.03.2011 02:42 Uhr
von carlitos:
@thomas: die sogenannte leistungs-und konkurrenzgesellschaft ist nicht grundlegend für die entstehung von depressionen, sondern lediglich ein element unter vielen im wechselseitigen kausalgemenge von endogenen und exogenen faktoren. wichtig ist, wie man mit seinen prädispositionen in der umwelt umgeht, welche strategien und skills man entwickelt und anwenden kann- und da kann sport/ fussball therapeutisch und prophylaktisch sehr wirkungsvoll sein. leistungsport wie profifussball ist eben an leistung gebunden, und ein fussballspieler in einer depressiven phase bringt halt weniger leistung als vor- und nachher- und muss dann eben zwischenzeitlich als reservespieler auf die bank oder auf die tribüne, das ist doch ganz logisch und steht nicht in widerspruch zu einer menschlichen gesellschaft mit sozialen errungenschaften.
16.03.2011 21:26 Uhr
von alabasta:
Das Herr Biermann mit seiner Krankheitsgeschichte an die Öffentlichkeit geht, finde ich sehr mutig und er macht anderen Betroffenen Mut dies auch zu tun. Depressionen sind die stille Epidemie unserer Zeit in der vor allem Leistung und Stärke zählen - Menschlichkeit und Empathie dagegen oft als Träumerei und Gutmenschentum diffamiert werden; spätestens wenn zunehmende Arbeitsausfälle, Krankheitskosten und Frühberentungen die Kassen zu sprengen drohen, wird sich die Gesellschaft würdig diesem Thema widmen.
16.03.2011 20:38 Uhr
von Simona:
Es ist eine Frechheit zu lesen das Menschen wie er nicht mit ins Boot genommen werden.Deisler auch!Sie leben damit und könnten soviel bewegen.Irgendwann brechen viele Menschen ein,Druck und dann noch Schicksalsschläge.Dr Grönemeyer hat einen sehr schönen Text über Kinder geschrieben,das es Werte hat zu lieben,in den Arm genommen zu werden und auch mal neben sich zu schauen.Für mich ist jemand viel ärmer dran, der nur mit geraden Weg und Ellbogen in unserer Gesellschaft funktioniert.
16.03.2011 19:45 Uhr
von Joerg:
Fehlgeschlagene Suizidversuche.. oha.. wenn ich nichtmal das auf die Reihe bekomme na da wär ich auch depressiv. Zeigt ja wie ernst es gemeint war ... und dann nen Buch rausdrücken und die taz fällt mal wieder voll drauf rein und macht Promo für Lau. Da heulen Fussballmillionäre über Depression. Ich glaubs ja nicht. Reisst euch zusammen und tragts wie Männer, ist ja nicht auszuhalten. Solche Weichlinge brauch keiner.
16.03.2011 14:51 Uhr
von Thomas:
Zuerst einmal möchte ich Herrn Biermann herzlich gratulieren und danken für seine Ehrlichkeit und seinen Mut, über eigene "Schwächen" und Gefühle zu sprechen und sie in so einem schwierigen Umfeld zuzugeben.
Das grundlegende Problem liegt meiner Meinung nach bei der Struktur des im Dunstkreis des Fussballs vorgelebten und realisierten Menschen- und Gesellschaftsbildes. Die unglaubliche Unmenschlichkeit der Vorstellung und des Zwanges, dass ein Mann keine Gefühle oder sogenannte "Schwächen" zeigen darf und stets volle Leistung erbringen muss, widerspricht jeglichen modernen Errungenschaften der sozialen Bewegungen des letzten Jahrhunderts.
Es ist bedauerlich, dass viele Fussballspieler einem Bild nacheifern (müssen), das der Rest der Gesellschaft schon längst abgestreift hat. Jetzt, da das Bild des starken (natürlich heterosexuellen) Mannes aber langsam Risse bekommt, sollten die Funktionäre ihre Chancen nutzen und diesen Sport tiefgreifend reformieren, um ein Klima der Offenheit und der Toleranz zu schaffen; fernab von diesem schrecklich unmenschlichen patriarchalischen Menschenbild, das Männer wie zum Beispiel Robert Enke oder Justin Fashanu in den Tod getrieben hat.
16.03.2011 14:39 Uhr
von Incognito:
Herrn Biermann kann ich so gut verstehen, ich habe mich nach Jahren des Schweigens "geoutet", die meisten Kollegen können nicht damit umgehen... Täglich erlöse ich mich in Gedanken bestimmt 50 Mal. Ich bin am Überlegen, mich in stationäre Behandlung zu begeben, denn ich befürchte, dass es langsam ernst werden könnte... Allein meine Verwandten haben mich oft abgealten, mir etwas anzutun, für sie wäre es schlimm, ich selbst sehe kaum mehr eine Perspektive für mich, dem ewigen Kreis aus Hoch und langem Tief zu entkommen. Medikamente, Therapie, Selbsttherapie u.a. Versuche haben alle nicht dauerhaft gewirkt....
Leserkommentare
28.03.2011 23:39 Uhr
von Deprifrei.twoday.net:
Ich leide auch unter Depressionen und ich denke, dass dieses Outing Biermann das Leben gerettet hat. Was nutzt einem wie Robert Enke verkrampft an eine Karriere festzuhalten, wenn es einem am Ende das Leben kostet, weil man einem männlichen Ideal nacheifert.
Es begehen nach meinem Wissen auch deutlich mehr Männer Selbstmord, weil sie kein Ventil für ihre seelischen Probleme haben. Nicht nur im Fussball herrscht das Bild vom starken Mann. Dieses Bild ist noch fest verankert, trotz all der Emanzipation.
Und ich als Mann leide auch noch oft genug still vor mich hin, weil niemanden einen Mann zuhören will.
Aus dem Grunde habe ich auch mein Blog Deprifrei gegdründet, um gegen diese Sprachlosigkeit anzukämpfen.
Wer will besucht mich unter www.deprifrei.twoday.net oder wird einer von über 300 virtuellen Freunde bei www.facebook.com/deprifrei
Natürlich kann man mit mir in Kontakt treten.
17.03.2011 11:40 Uhr
von HH1910:
"Aber nach dem Lesen werden wahrscheinlich sowieso die wenigsten Leser menschlichen Respekt vor mir haben. Es ist eben keine Geschichte, wo man sagen muss: Das ist ein toller Mensch."
Ich bin als St.Paulianerin sicher nicht unvoreingenommen bzgl Andreas Biermann. Aber nach einem halben Jahr Therapie am eigenen Leibe möchte ich zu dem oben zitierten Satz etwas sagen:
Genau da liegt "unser" Denkfehler. Ich respektiere jemanden nicht, weil er "toll" (perfekt) ist. Sondern für Mut sich selber kritisch zu betrachten und zu reflektieren in aller Härte und daran zu arbeiten, aus sich einen besseren Menschen zu machen, besser auch zu sich selbst und eben nicht nur zu oder für andere/n. Genauso aber sich selber einfach "Fehler" zu gönnen und zu erlauben, anstatt mit sich zu hadern, man wäre kein toller Mensch (und hätte es somit auch nicht besser verdient).
Die vielzitierten "Gutmenschen" sind oft zu eigener Reflektion doch gar nicht fähig. Und fehlerlose gibt es schon gar nicht. Aber genügend die sich dafür halten und sich daher gar nicht weiterentwickeln. Aber oberflächlich betrachtet "tolle" (selbstzufriedene) Menschen...
Sicher kann man sich darüber streiten, ob viel privates derart in die Öffentlichkeit gehört und welchem Zweck dies im Einzelfall dient. Aber wenn weiterhin keiner über diese Krankheit offen spräche, hätte ich vor einem halben Jahr sicher nicht den Mut besessen, mir einzugestehen, dass ich Hilfe benötige und mir diese Hilfe auch gesucht.
17.03.2011 08:54 Uhr
von anke:
Mit Andreas Biermann wird einmal mehr der falsche Mann behandelt. Dass die taz ihn trotzdem als Helden feiert, finde ich etwa so sinnvoll, wie die Hymne auf die 50 von Fukushima. Es mag ja sein, dass diese Leute anderen beim Überleben helfen. Ihr Opfer wäre aber gar nicht nötig, würde die Restgesellschaft endlich tun, was sie tun müsste, weil sie ganz genau weiß, dass es richtig ist - und alles andere lassen. Den "Helden" jedenfalls hilft es einen Dreck, wenn man sie zum Mittelpunkt einer schlecht geheuchelten Aufmerksamkeit macht. Es macht sie nur einmal mehr zu Opfern. Aber das, nicht wahr, schert die Medien nicht die Bohne. Einer, schließlich, muss ja die Drecksarbeit machen. Schön, wenn es jemand anderes ist.
17.03.2011 02:42 Uhr
von carlitos:
@thomas: die sogenannte leistungs-und konkurrenzgesellschaft ist nicht grundlegend für die entstehung von depressionen, sondern lediglich ein element unter vielen im wechselseitigen kausalgemenge von endogenen und exogenen faktoren. wichtig ist, wie man mit seinen prädispositionen in der umwelt umgeht, welche strategien und skills man entwickelt und anwenden kann- und da kann sport/ fussball therapeutisch und prophylaktisch sehr wirkungsvoll sein. leistungsport wie profifussball ist eben an leistung gebunden, und ein fussballspieler in einer depressiven phase bringt halt weniger leistung als vor- und nachher- und muss dann eben zwischenzeitlich als reservespieler auf die bank oder auf die tribüne, das ist doch ganz logisch und steht nicht in widerspruch zu einer menschlichen gesellschaft mit sozialen errungenschaften.
16.03.2011 21:26 Uhr
von alabasta:
Das Herr Biermann mit seiner Krankheitsgeschichte an die Öffentlichkeit geht, finde ich sehr mutig und er macht anderen Betroffenen Mut dies auch zu tun. Depressionen sind die stille Epidemie unserer Zeit in der vor allem Leistung und Stärke zählen - Menschlichkeit und Empathie dagegen oft als Träumerei und Gutmenschentum diffamiert werden; spätestens wenn zunehmende Arbeitsausfälle, Krankheitskosten und Frühberentungen die Kassen zu sprengen drohen, wird sich die Gesellschaft würdig diesem Thema widmen.
16.03.2011 20:38 Uhr
von Simona:
Es ist eine Frechheit zu lesen das Menschen wie er nicht mit ins Boot genommen werden.Deisler auch!Sie leben damit und könnten soviel bewegen.Irgendwann brechen viele Menschen ein,Druck und dann noch Schicksalsschläge.Dr Grönemeyer hat einen sehr schönen Text über Kinder geschrieben,das es Werte hat zu lieben,in den Arm genommen zu werden und auch mal neben sich zu schauen.Für mich ist jemand viel ärmer dran, der nur mit geraden Weg und Ellbogen in unserer Gesellschaft funktioniert.
16.03.2011 19:45 Uhr
von Joerg:
Fehlgeschlagene Suizidversuche.. oha.. wenn ich nichtmal das auf die Reihe bekomme na da wär ich auch depressiv. Zeigt ja wie ernst es gemeint war ... und dann nen Buch rausdrücken und die taz fällt mal wieder voll drauf rein und macht Promo für Lau. Da heulen Fussballmillionäre über Depression. Ich glaubs ja nicht. Reisst euch zusammen und tragts wie Männer, ist ja nicht auszuhalten. Solche Weichlinge brauch keiner.
16.03.2011 14:51 Uhr
von Thomas:
Zuerst einmal möchte ich Herrn Biermann herzlich gratulieren und danken für seine Ehrlichkeit und seinen Mut, über eigene "Schwächen" und Gefühle zu sprechen und sie in so einem schwierigen Umfeld zuzugeben.
Das grundlegende Problem liegt meiner Meinung nach bei der Struktur des im Dunstkreis des Fussballs vorgelebten und realisierten Menschen- und Gesellschaftsbildes. Die unglaubliche Unmenschlichkeit der Vorstellung und des Zwanges, dass ein Mann keine Gefühle oder sogenannte "Schwächen" zeigen darf und stets volle Leistung erbringen muss, widerspricht jeglichen modernen Errungenschaften der sozialen Bewegungen des letzten Jahrhunderts.
Es ist bedauerlich, dass viele Fussballspieler einem Bild nacheifern (müssen), das der Rest der Gesellschaft schon längst abgestreift hat. Jetzt, da das Bild des starken (natürlich heterosexuellen) Mannes aber langsam Risse bekommt, sollten die Funktionäre ihre Chancen nutzen und diesen Sport tiefgreifend reformieren, um ein Klima der Offenheit und der Toleranz zu schaffen; fernab von diesem schrecklich unmenschlichen patriarchalischen Menschenbild, das Männer wie zum Beispiel Robert Enke oder Justin Fashanu in den Tod getrieben hat.
16.03.2011 14:39 Uhr
von Incognito:
Herrn Biermann kann ich so gut verstehen, ich habe mich nach Jahren des Schweigens "geoutet", die meisten Kollegen können nicht damit umgehen... Täglich erlöse ich mich in Gedanken bestimmt 50 Mal. Ich bin am Überlegen, mich in stationäre Behandlung zu begeben, denn ich befürchte, dass es langsam ernst werden könnte... Allein meine Verwandten haben mich oft abgealten, mir etwas anzutun, für sie wäre es schlimm, ich selbst sehe kaum mehr eine Perspektive für mich, dem ewigen Kreis aus Hoch und langem Tief zu entkommen. Medikamente, Therapie, Selbsttherapie u.a. Versuche haben alle nicht dauerhaft gewirkt....