Frauenkampftag 2019

Der Laufsteg der Sorgenden

Mit einem „Chic Care Catwalk“ machen Frauen auf ihre Überlastung und Ausbeutung in der gering und unbezahlten Pflege- und Sorgearbeit aufmerksam.

Vor Überlastung zum Pflegeroboter mutiert: Performance einer Altenpflegerin Foto: Stefan Boness/Ipon

BERLIN taz | Ruckartig wie eine Roboterin mit lila Perücke bewegt sich die junge Frau mit steifen Armen und Beinen über den Laufsteg. Auf ihrer weißen Pflegerinnenkleidung kleben Zettel: „Burn-out“ steht darauf, „prekäre Arbeit“, „Stress“, „Überlastung“. Bei jedem ihrer Tippelschritte jubelt und pfeift die Menge, die den „Catwalk“ umsteht – eine auf dem Bürgersteig ausgelegte, fünf Meter lange Stoffbahn aus lila Velour.

Als die „Pflege-Roboterin“ am Ende der Bahn ankommt, tritt eine zweite Frau vor, rupft die Zettel von Armen, Beinen und Bauch. Befreit reißt die Robo-Frau die Arme hoch und ruft ins Mikrofon: „Ich will bessere Arbeitsbedingungen, nicht mehr überlastet sein. Gute Pflege in der Zukunft?“ In Siegerpose und getragen vom Konzert der Trillerpfeifen tritt sie ab.

Mit dem „Chic Care Catwalk“ vor dem Bundesgesundheitsministerium in Mitte hat ein Bündnis von Organisationen aus dem Pflegebereich am Donnerstag den Frauenkampftag 2019 eingeleitet. Die Aktion soll Gesundheitssystemauf die Überlastung und Ausbeutung von Frauen in der gering- und unbezahlten Pflege- und Hausarbeit hinweisen.

„Frauen wird die Fürsorge und Pflege als in ihrem Wesen verankerte Bestimmung zugeordnet und ihnen immer wieder von außen zugeschoben. Entsprechende Tätigkeiten bleiben zu großen Teilen im Privaten und werden marginalisiert“, erklärt Nora Mainke von der Interventionistischen Linken (IL). Aber auch in der bezahlten Arbeit in Gesundheits- und Pflegeberufen arbeiteten vor allem Frauen, seien daher auch hier die Hauptleidtragenden von Überlastung und zu geringer Bezahlung. „Wir lassen uns nicht länger ausbeuten, wir streiken!“, ruft die junge Frau den rund 100 Anwesenden zu, die erneut mit viel Beifall antworten.

Frauenstreik Das Bündnis Frauen*streik ruft alle Frauen am 8. März zur Arbeitsniederlegung auf. In Berlin ist der 8. März zwar nun Feiertag – doch natürlich wird vielerorts an dem Tag gearbeitet. Zudem wird auch ausdrücklich das Bestreiken von nichtbezahlter Arbeit gefordert, die oft Frauensache ist. Rechtlich gesehen dürfen in Deutschland eigentlich nur Gewerkschaften zum Streik aufrufen, kreativ mit dieser Einschränkung umzugehen ist aber nicht verboten. Ideensammlung von Streikformen wie kollektive Krankschreibungen (inklusive juristischer Handreichung): frauenstreik.org. In Spanien, wo der Frauenstreik seinen Anfang nahm, rufen übrigens inzwischen die Gewerkschaften zum Frauenstreik auf.

Kämpferische Mittagspause Unter dem Hashtag #ichstreike8M rufen die Organisatorinnen von Frauenstreik bundesweit alle Frauen und Queer-Menschen dazu auf, sich um exakt 11.55 Uhr mit einem Stuhl in den öffentlichen Raum zu setzen und die Arbeit niederzulegen – und Fotos von der Aktion unter dem Hashtag auf Twitter zu posten. Zentrale Aktion mit Kundgebung in Berlin vor der Charité Mitte.

Purple Ride Eine feministische Frauen*Fahrraddemo, gegen Sexismus, für Gleichberechtigung und für ein fahrradfreundliches Berlin. Motto: „Ab aufs Rad, gegen das Patriarchat!“ Start 12 Uhr am Mariannenplatz in Kreuzberg.

Demo zum Frauen*Kampftag Zentrale Demo zum Frauentag. Neben verschiedenen Bündnissen mobilisieren auch die Linken, die Grünen, die AG Frauen in der SPD und die Gewerkschaft GEW für die Demo. Zur Auftaktkundgebung am 14 Uhr am Brunnen der Völkerfreundschaft wird die Rapperin Sookee erwartet.

#globalscream Um 17 Uhr (Ortszeit in Berlin) sind weltweit alle Frauen* und Queer-Menschen zum Schreien aufgefordert: eine Minute lang, als Zeichen der globalen Solidarität. (akl)

Viele ZuschauerInnen – darunter zahlreiche Männer – tragen Transparente oder Fahnen, die sie als AktivistInnen der beteiligten Gruppen kenntlich machen. Der „Volksentscheid Gesunde Krankenhäuser“ ist vertreten, die Gruppe „Care Revolution Berlin“ – und Verdi mit rund 20 Streikenden der Charité-Tochterfirma CPPZ, deren TherapeutInnen seit Monaten für eine Wiedereingliederung in den Mutterkonzern kämpfen.

Überlastungsanzeigen von Pflegenden

Das Besondere an der Aktion: Hier kommen auch Frauen zu Wort, die gar nicht da sein können – weil sie bei ihrer Arbeit unabkömmlich sind. Die IL hat in einer bundesweiten Aktion „Überlastungsanzeigen“ von Arbeiterinnen im Pflegebereich gesammelt – analog zu den Überlastungs- und Gefährdungsanzeigen, wie sie in Krankenhäusern fürs Pflegepersonal üblich sind.

Einige werden von Aktivistinnen vorgelesen. Etwa die einer Sozialarbeiterin, die 37,5 Wochenstunden arbeitet und zusätzlich rund 30 Stunden pro Woche ihre Mutter pflegt. „Ich habe keine Freizeit, stehe pausenlos unter Druck, fühle mich allein gelassen von den Behörden“, schreibt sie – und fordert, dass pflegende Angehörige angemessen bezahlt werden.

Nach der Würdigung der abwesenden Frauen ist der Laufsteg frei für Anwesende. Anne, freiberufliche Hebamme, zum Beispiel ist „wütend“, dass die Bundesregierung „eine teure Studie zu psychischen Folgen von Abtreibung in Auftrag gibt“, und zugleich ihren Beruf durch immer neue Vorschriften gefährdet. Mona, Patientin, erinnert sich an traumatisierende und krank machende Krankenhausaufenthalte. Fionna, Krankenpflegerin, berichtet von der täglichen Überlastung bei der Arbeit auf Station, davon, dass sie Empathie geben will, es aber oft nicht schafft. „Ich verstehe nicht, warum Autos und andere Dinge mehr Wert haben als wir Menschen, warum Profit mehr zählt als unsere Arbeit“, sagt sie.

Am Ende ruft Kim Lippe, Aktivistin der IL und Moderatorin der Aktion, die versammelten Frauen auf, die rund 50 eingesammelten Überlastungsanzeigen gemeinsam im Ministerium abzugeben. „Es wäre schön, wenn jede Frau einen der Briefe nimmt.“ Vor der Drehtür zum Amt bildet sich eine lange Schlange.

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