Frauen dürfen Tempel in Indien betreten

Proteste wegen Tempelbesuch

Zwei Frauen haben einen Tempel betreten. Hinduistische Organisationen sind empört, bei Krawallen werden ein Mensch getötet und mehrere verletzt.

Männer in Sicherheitskleidung stehen auf einer Straße

Indische Polizisten stehen am Rande der Demo einer Hindu-Gruppe in Thiruvananthapuram Foto: dpa

BANGALORE taz | Drei Monate nach dem Urteil, dass Frauen künftig den südindischen Sabarimala-Tempel betreten dürfen, ist das zwei Frauen aus Kerala gelungen. „Die Polizei hat uns Schutz gewährt, nachdem wir fest entschlossen waren, im Tempel zu beten“, sagte Bindu Ammini dem Fernsehsender Manorama News. Nachdem ihr heimlicher Besuch am Mittwochmorgen bekannt geworden war, kam es zu massiven Protesten. Ein Mann wurde getötet und 15 Personen verletzt. Es kam zu zahlreichen Verhaftungen, Geschäfte wurden gezwungen zu schließen.

Immer wieder wird in Indien menstruierenden Frauen der Zugang zu Hindu-Tempeln mit der Begründung verwehrt, sie seien unrein. Im Heiligtum Sabarimala galt ein generelles Verbot für Frauen im gebärfähigen Alter, das im vergangenen September vom Obersten Gericht aufgehoben wurde. Vorausgegangen war dem ein jahrelanger Rechtsstreit. Seitdem hatten mehr als 17 Frauen versucht, zum Bergschrein des Gottes Ayyappa zu gelangen. Doch sie wurden gewaltsam von Anhängern hinduistischer Organisationen daran gehindert. Bindu Ammini und Kanaka Durga sind damit die ersten Frauen unter 50 Jahren, die ihn betreten haben.

Dieser Akt ereignete sich, Stunden nachdem Tausende Frauen unter dem Schlagwort #WomenWall auf den Straßen Keralas eine 600 Kilometer lange Menschenkette gebildet hatten, um ein Zeichen für Gleichberechtigung zu setzen. Nachdem sich die Nachricht von ihrem Besuch in den sozialen Medien verbreitete, kippte die Stimmung. Priester führten im Tempel ein Reinigungsritual durch, und in mehreren Bezirken des südindischen Bundesstaates Kerala brachen Proteste aus, einschließlich gewalttätiger Ausschreitungen in der Hauptstadt Thiruvananthapuram. Die Polizei setzte Tränengas und Wasserwerfer ein.

Am 24. Dezember hatten Ammini und Durga ihren ersten Versuch unternommen. Die beiden Frauen haben eine Face­book-Seite für Mitstreiterinnen eingerichtet, die nach Sabarimala pilgern wollen. Im Netz werden sie als Aktivistinnen angegriffen. Der BJP-Führer V. Muraleedharan bezeichnete sie als „Maoisten“. Damit nimmt er Bezug auf Keralas kommunistischen Regierungschef Pinarayi Vijayan, der die Frauen verteidigt.

Die hinduistische Gruppierung Sabarimala Karma Samithi forderte für Donnerstag sogar einen landesweiten Trauertag, berichtet die indische Nachrichtenplattform The News Minute. Geschäfte wurden daraufhin geschlossen. Liane, 20, aus Kerala kann die Dramatik nicht nachvollziehen. „Sabarimala ist für mich ein historischer Ort mit mystischer Geschichte“, jedoch nicht weiter relevant. Dass es für Frauen noch vor ein paar Jahrzehnten nicht hygienisch war, eine lange Pilgerfahrt anzutreten, erscheint ihr als logisch. „Doch die Zeiten haben sich geändert“, sagt sie. Ähnlich denken viele Frauen in den Großstädten.

Immer wieder wird menstruierenden Frauen der Zugang zu Hindu-Tempeln verwehrt

Der Beschluss, das Frauenverbot aufzuheben, wird von konservativen Hindus, einschließlich der regierenden hindu-nationalistischen Bharatiya-Janata-Partei (BJP) des Premiers Narendra Modi, stark angegriffen. Die BJP konnte eine Gerichtsanhörung für den 22. Januar erwirken. Ihrer Auffassung nach verletzt das Urteil die Überzeugung, dass Ayyappa, dem der Tempel geweiht ist, im Zölibat lebte und deshalb Frauen keinen Zugang haben sollten.

Die Situation wird durch die Parlamentswahlen verschärft, die im Frühjahr in Indien stattfinden. Premier Modi steht derzeit unter Druck. Seine regierenden Hindu-Nationalisten haben zuletzt an Zustimmung in mehreren Regionalwahlen verloren.

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