Französischer Autor über die Gelbwesten

Bewusstlos reaktionär

Edouard Louis ist vieles: schwuler Autor, Darling der Literatursalons und ein Mann, der über Homophobie hinwegsieht. Etwa bei den „Gelben Westen“.

ein blonder Mann spricht

Die Gelbwesten sind nicht auf seiner Seite, aber Edouard Louis ist auf ihrer Foto: Imago/Sven Simon

Dass in Frankreich die Bewegung der „gilets jaunes“, der gelben Westen, eine überwiegend rechtspopulistisch angeheizte ist, kristallisiert sich immer mehr heraus. Daniel Cohn-Bendit hat seine allerdings alarmierenden Beobachtungen zuletzt in der taz so geschildert: Diese Bewegung reagiert auf krasse Fragen der Ungerechtigkeit, aber sie speist sich en gros und en detail aus politischen Reservoirs der rechtspopulistischen bis rechtsextremen Bewegung um Marine Le Len.

Die Pointe scheint, dass es nur scheinbar um die Abwehr von Ökosteuern geht, um Kritik an der Regierung unter Präsident Emmanuel Macron – sondern um ein anderes „System“, um die Abschaffung eines multikulturellen Frankreichs demokratischer Prägung.

Um die sogenannten „Armen“ geht es jedenfalls nicht. Einer der Anführer, das fand „L’express“ heraus, ist Jean-François Barnaba“, ein Mann aus dem öffentlichen Dienst, der ohne Beschäftigung, aber mit 2.600 Euro Gehalt im Monat seine Schäfchen weitgehend im Trockenen hat. Andere Geschichten von den Straßensperren handeln von Menschen, die als schwul erkannt wurden und deshalb nicht die Sperren passieren durften. Oder von Bürger*innen, die als maghrebinisch aussehend deklariert und beschimpft wurden.

Wie auf eine politische Delikatesse guckt man auch in der deutschen Szene der Rechten auf die Revolte in Frankreich. In der „Sezession“ erkennt der französische Philosoph Alain de Benoist, Vordenker der Neuen Rechten (nicht nur) in Frankreich, ein weites Feld an politischen Expansionsmöglichkeiten seiner Bewegung: „Es kann nur dann ein echter Populismus entstehen, wenn verschiedene soziale Schichten sich als Opfer kultureller Unsicherheit (Einwanderung, »Islamisierung« usw.) und sozialer Unsicherheit (Abnahme oder Stagnation der Kaufkraft, strukturelle Arbeitslosigkeit, Prekarität usw.) betrachten. Erst jene, die sich in dieser Situation befinden, haben das Gefühl, nichts (mehr) zu verlieren.“

Linke Schrift mit rechtem Rückenwind

Aber auch die radikale, nicht-sozialdemokratische Linke, die mit ihrem Kandidaten Jean-Luc Mélenchon verhältnismäßig knapp nur im Rennen um das Präsidentenamt scheiterte, ist ganz Feuer und Flamme. Und einer ihrer größten Sänger vom Lied des nur allzu berechtigten Volksaufstands ist der schwule Buchautor Edouard Louis, Schüler Didier Eribons und Geoffroy de Lagasnerie, mit dem er kürzlich das prominent lancierte “Manifest für eine intellektuelle und politische Gegenoffensive“ verfasste. Es ist ein links gewirktes Schriftstück – und es wird, nur eben mit dem Rückenwind von Aktivist*innen rechter Bewegungen zum Leben erweckt: Aufstand um jeden Preis – jetzt!

Nun hat Louis auf die Bewegung der „Gelben Westen“ reagiert. Eben jender Louis, zu dessen Spezialität es im Hinblick auf seine literarischen Plots zählt, Opfer von sexueller Gewalt zu werden, um hernach den Täter moralisch weißzuwaschen, weil er zu den Prekären, den Übersehenen, den Opfern von Rassismus zählt. So etwa in seinem jüngsten Buch „Im Herzen der Gewalt“. Seine obskur begründete Solidarität mit den „Gilets jaunes“ erklärt er unter dem Titel: „Wer sie beleidigt, beleidigt meinen Vater“.

Louis erkennt „leidende Körper“ auf den Fotos von der Bewegung, solche, „die von der Müdigkeit und der Arbeit, vom Hunger, von der andauernden Demütigung durch die Herrschenden verwüstet sind“. Und weiter phantasiert er: „Ich blicke in ausgemergelte Gesichter, sah gebeugte, gebrochene Menschen, schaute auf erschöpfte Hände.“

Das Publikum, das sonst durch Bilderfluten aus Frankreich versorgt wurde, musste diese Wahrnehmung aus der Sphäre der Schauermärchen nicht haben. Edouard Louis sieht vielleicht seine familiäre Geschichte, in der er an seiner proletarischen Herkunft kein gutes Haar lässt, selbst missachtet als schwules Kind, aber er schreibt wie in einer unterwerfenden Friedensnotiz an seine Angehörigen: „Sie ähneln den Körpern meiner Familie und der Menschen aus dem Dorf, in dem ich aufgewachsen bin. Von diesen Menschen, deren Gesundheit von Elend und Armut ruiniert ist, hörte ich immer wieder, meine ganze Kindheit lang.“

Er, der Linke, der Revolutionär, der Selbstgewisse

Aber irgendwann im Laufe seines Textes muss Louis auf die durchaus manifest rassistischen und homophoben Praxen der „Gilets jaunes“ zu sprechen kommen – und das tut er auch, aber er gibt die Verantwortung an die „Herrschenden“ weiter, denn die sähen nur diese Misslichkeiten namens Hass auf nichtweiße Hautfarben und auf „sexual otherness“, um noch besser herrschen zu können. Auf den Trick muss man erstmal kommen – die gedanklich und bewegungspolitisch Hässlichen in Schutz zu nehmen, weil sie doch unvorsichtigerweise im Kampf gegen das liberale und multikulturelle „System“ eben diesem den Vorwand gegeben haben, sie zu verachten.

Und Louis lässt auch die katholischen und rechten Massenproteste gegen die Ehe für alle nicht unerwähnt, die übrigens von den gleichen getragen wurden, die nun das „System“ fundamental beseitigt wissen wollen und die alle Gespräche ablehnen . Aber er, der Linke, der Revolutionär, der Selbstgewisse, wirft den Herrschenden vor, den Wütenden, die die Ehe als heterosexuelles Privilegium bewahrt sehen wollten, medial viele Bühnen geboten zu haben.

Man wird an diesem Wochenende sehen, was an Revolte so weitergeht: Erwartbar ist, dass die Banlieues auch weiterhin nicht dabei sind – jene Menschen, denen Emmanuel Macron kein Manna versprach, aber immerhin die Verdoppelung von Lehrpersonal in den Schulen. Und ebenso unüberraschend wäre, wenn das rechts- wie linkspopulistische Profil weiter kenntlich werden würde. Louis hofft auf das Gute, Wahre und Schöne.

Er schreibt dies so: „‚Ich leide‘ kann man auf ganz Weisen sagen. Eine soziale Bewegung ist der Moment einer Möglichkeit, dass Leidende etwas anderes sagen als ‚Ich leide unter der Einwanderung und weil meine Nachbarin Sozialhilfe erhält.‘ Dass sie sagen: 'Ich leide unter denjenigen, die regieren. Ich leide am Klassensystem. Ich leide unter Emmanuel Macron und Edouard Philippe.“

Dramabewußtes Denken

Tja, so dachten auch viele kommunistische und linkssozialistische Bewegungsmenschen in der Weimarer Republik: Was der antijüdische Pöbel und die antisemitischen Kleinbürger sagen, meinen sie nicht wirklich ernst. Sie haben sich nur in der Wortwahl vergriffen. Und mit dem 30. Januar 1933 hatte es sich mit diesen Theorien der Uneigentlichkeit dann für mehr als zwölf Jahre. Wer wie Edouard Louis denkt, tut es dramabewusst und stilvoll pompös. Und sagt in Wahrheit, bewusstlos reaktionär: Ihr schlagt mich und würdet es wieder tun – aber ich verstehe euch so gut!

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