Der Prix Pictet - ein anspruchsvoller Kunstpreis, dokumentiert in einem sehr schönen Bildband. Die Fotografie als Mittlerin für Themen rund um den Klimawandel.von BRIGITTE WERNEBURG

Der kanadische Fotograf Edward Burtynsky ist vor allem durch seine Darstellungen von Industrielandschaften bekannt geworden. Bild: edward burtynsky, quarries #8/2006/teNeues
Am Ende ist doch der Fotograf der "Maler des modernen Lebens", wie Baudelaire zu Beginn der Moderne im 19. Jahrhunderts die Devise für die Maler ausgegeben hatte - auch um sie gegen die fotografische Konkurrenz zu wappnen.
Paradoxerweise legt diesen Gedanken ausgerechnet die Shortlist zum letztjährigen Prix Pictet nahe, nun nachzubetrachten in einem schönen Katalog. Der von der Genfer Privatbank Pictet gestiftete Preis in Höhe von 100.000 Schweizer Franken zeichnet ganz dezidiert Fotografie zum Thema Klimawandel aus. Es wären also brisante Fotoreportagen und -dokumentationen vor allem aus politischen und sozialen Gründen zu erwarten, aus der allzu einfach für die Opfer Partei ergreifenden, berühmt-berüchtigten humanistischen Perspektive. Doch eine professionell beglaubigte Jury einigte sich 2009 auf eine Shortlist von zwölf Positionen, die ästhetisch überzeugt.
Von den romantischen Landschaften, die der britische Installationskünstler Darren Almond bei Vollmond aufnahm, bis zu den Müllhalden, die Yoa Lu als Landschaftsidyllen in der Manier der chinesischen Tuschemalerei inszenierte, lässt sich tatsächlich ein durchgängiger Bezug auf malerische Traditionen beobachten.

Diesen Text und viele andere mehr lesen Sie in der sonntaz vom 30./31. Januar 2010 – ab Sonnabend zusammen mit der taz am Kiosk. Foto: taz
Am meisten fällt das ausgerechnet in den Bildserien auf, die in Form der klassischen Fotoreportage argumentieren. Dem Bildaufbau der 2004 im Erdölförderland Nigeria entstandenen Dokumentaraufnahmen des New Yorker Fotografen Ed Kashi etwa, meint man, könnte Théodore Géricaults "Floß der Medusa" zugrunde liegen.
Und das Bild, das eine Familie beim Essen unter einer riesigen Brücke zeigt, wirkt wie das heutige Äquivalent zu Édouard Manets "Frühstück im Freien". Der Gewinner des Prix Pictet, der 1961 in Tel Aviv geborene, britische Fotograf Nadav Kander, hat es während seiner Recherche entlang dem Jangtse aufgenommen.
Statt dem Laubdunkel der Bäume führt nun das Betondunkel der riesigen Brückenpfeiler in die Bildtiefe; und während Manet das antike Motiv des Urteils des Paris im Freizeitausflug seines Figurenensembles profanisierte, karikiert und verabschiedet das Bild der chinesischen Familie, wie sie auf ihren Plastikmöbeln inmitten von Schutt und Plastikmüll diniert, just jenen bürgerlich-kapitalistischen Lebensstil, für den bei Manet die modisch-standardisierte Herrenkleidung seiner Ausflügler stand. Dieses Bild vermittelt sein Anliegen anspruchsvoller denn je, doch es braucht Preise, um dafür Öffentlichkeit zu schaffen.
"Prix Pictet 2009 Earth". teNeues, Kempen 2010, 128 Seiten, 80 Farbfotos, 49,90 Euro
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