Flashmob-Revival in Berlin

Mobben macht Spaß

Die "Berlin City Mobber" organisieren überraschende Aktionen auf den Straßen und Plätzen der Stadt - zur Unterhaltung der Passanten. Was treibt die Gruppe an?von FLORIAN THALMANN

Es ist ein herrlicher Julitag, die Sonne scheint. "Schon mal danke für's Kommen", ruft Sebastian Mädge ins Megafon. Der 22-Jährige steht auf einem Steinblock an der Klosterkirche in Mitte, um ihn herum rund 50 Menschen vieler Altersgruppen. Mädge trägt kurze Hosen, einen schwarzen Pullover - und eine knallrote Weihnachtsmannmütze mit einem weißen Bommel. "Das ganze steigt im Einkaufszentrum Alexa", erklärt er den Ablauf der nächsten halben Stunde und gerät dann leicht ins Stottern. Er ist nervös. "Der Weihnachtsmann fährt mit der Rolltreppe in die untere Etage, dann setzen wir uns alle hin und singen ,Oh Tannenbaum'." Mädge und seine Anhänger haben genaue Pläne: Weihnachten feiern. Im Juli.

Sebastian Mädge, eigentlich Biologielaborant, ist Mitgründer der Gruppe "Berlin City Mobber". Gemeinsam mit seinem Team veranstaltet er regelmäßig so genannte Flashmobs in der Innenstadt. Das Ziel: blitzartige Massenversammlungen. "Flashmobs sind Aktionen, die den Alltag durchbrechen", erklärt Mädge. Auf einen Schlag treffen sich dabei Hunderte von Menschen, die sich nicht kennen, auf einem öffentlichen Platz, um einer scheinbar sinnlosen Tätigkeit nachzugehen. "Das ganze wirkt sehr spontan."

Es gibt auch Mobs mit politischen Ziel: So demonstrierten im September 2007 Flashmobber bundesweit in mehr als 50 Bahnhöfen, darunter auch dem Berliner Hauptbahnhof, mit Krach gegen die Privatisierung der Bahn.

Im April 2008 legten sich 20 Menschen in einem Berliner Sportgeschäft mehrere Minuten schlafen, um auf die schlechten Arbeitsbedingungen in Fabriken für Sportbekleidung hinzuweisen.

Ein Kreuzberger Spätkauf wurde im Juni 2009 Ziel eines "Carrot Mob". 400 Kunden versammelten sich und kauften den Laden fast leer. Ziel solcher Mobs ist das Verwenden eines Teiles des Umsatzes für Energiesparmaßnahmen.

Am 20. Juni 2010 versammelten sich rund 150 Menschen an der Oberbaumbrücke, um gegen den geplanten Bau der A100 zu demonstrieren. Die Teilnehmer verkleideten sich als Unfallopfer. (taz)

Vor wenigen Jahren schwappte die Flashmob-Welle erstmals nach Deutschland. Zu Beginn trafen sich etwa unzählige Menschen an Fast-Food-Filialen, um die Mitarbeiter mit extremen Bestellungen zu überfordern. Davon hat sich die neue Form der Versammlung inzwischen entfernt. "Wir möchten die Leute zum Staunen bringen", sagt Mädge. "Die Menschen sollen einfach mal auf der Straße stehen bleiben und bewundern, was gerade Merkwürdiges passiert."

Mädge hat im Februar 2009, gemeinsam mit Freundin Anna Peinze, erstmals einen Flashmob beobachtet. "Das war ein Freeze", sagt er. Damals blieben rund 3.000 Menschen mehrere Minuten wie eingefroren auf dem Alexanderplatz stehen. "Ich fand die Idee gut, habe darüber nachgedacht, ob ich auch selbst so etwas, vielleicht auch besser, organisieren könnte", erinnert er sich.

Gemeinsam mit Peinze gründete er daraufhin die Gruppe. Die inzwischen zehn Organisatoren nutzen Internetcommunities wie Facebook und StudiVZ, um ihre Aktionen publik zu machen. "Der bisher tollste Flashmob war die singende U-Bahn", erinnert sich Anna Peinze: 30 Menschen trafen sich in einer U-Bahn der Linie U5, um zu singen. "Zum einjährigen Bestehen unserer Gruppe legten wir das ganze neu auf. Rund 300 Leute waren dabei." Und sorgten in der U-Bahn für ungläubiges Staunen.

Inzwischen hat die Gruppe zehn Flashmobs organisiert - "die Reaktionen auf unsere Aktionen sind immer toll", sagt Mädge. Von politischen Botschaften, für deren Verbreitung oftmals auch Flashmobs genutzt werden, distanziere sich die Gruppe: "Solche ,Smart Mobs' sehen wir nicht als Flashmob, sondern als Demonstration."

Bisher habe es für die Spaßaktionen noch nie Ärger bekommen. Diese Bilanz trübt ausgerechnet der Weihnachtsmann - als sich die 50 Leute, die an diesem Sonnabend winterliche Stimmung verbreiten wollen, zum Singen auf den Boden setzen, unterbricht sie ein Sicherheitsmann. Die Verstärkung verweist die Aktionskünstler dann aus dem Gebäude. "Das ist keine angemeldete Veranstaltung, deswegen brechen wir ab", sagt ein Sicherheitsbeamter.

Dass er von allen Teilnehmern und einigen Zuschauern ausgebuht wird, stört nicht im geringsten. Ein Kind beginnt sogar zu Weinen - erschrocken vom plötzlichen Auftreten der Security und traurig über den Abgang des Weihnachtsmannes. "Es ist eine Frechheit, dass Sie den Kindern die Freude zerstören", empört sich eine Mutter.

Es hilft nichts - die Mobber müssen das Areal verlassen. "Wir konnten das verstehen, die Sicherheitsleute haben auch nur ihren Job gemacht. Sie wussten nicht, was da kommt", sagt Mädge. Trotzdem sei das Vorgehen der Security den Mitgliedern der Gruppe schleierhaft. "Wir verbreiten ja nur Spaß - und es ist ja auch kostenlose Publicity für das Einkaufscenter."

Das Alexa-Management sieht das anders. "Veranstaltungen müssen angemeldet werden", sagt Sprecherin Lina Klespe. "Es geht einzig und allein ums Wohlbefinden unserer Besucher, welches oberstes Anliegen der Security ist." Aufgrund von Erfahrungen mit "möglichen gruppendynamischen Prozessen" müsse man auf Nummer sicher gehen. Auch singende Jugendliche stellen demnach eine potenzielle Gefahr für das Wohlbefinden der Konsumenten dar.

Als die Mobber auf dem Fußgängerweg vor dem Alexa "Stille Nacht, heilige Nacht" singen, scheint der Vorfall fast vergessen. "Das war das erste Mal, dass es nicht akzeptiert wurde", so Mädge. Davon zeigen sich die Gruppe unbeeindruckt: "Wir machen auf jeden Fall weiter."

Bereits am heutigen Freitag nachmittag ist eine neue Aktion geplant. Plastikenten sollen eine Rolle spielen, irgendwo am Potsdamer Platz. Diese Aktion wird zwar nicht von Mädge und Co. organisiert - dabei sind sie aber auf jeden Fall. "Es ist auch toll, mal nicht zu den Organisatoren zu gehören und einfach Spaß zu haben", sagt er.

Dieser Artikel ...

ist mir was wert!