Bisher gingen Post-Kunden ins Postamt oder in ihre Filiale. Die sollen bald privat betriebene Agenturen werden. Was das mit dem deutschen Bier zu tun hat? Alles!von NATALIE TENBERG

Bald auch mit Döner und Nagelmodellage? Post-Filiale Bild: ap
Da fällt dem Postkunden glatt die Kräutersoße aufs Einschreiben. Bald nämlich könnte es bei der Post nicht nur Briefmarken, Aktenordner und Geld aus dem Automaten geben, sondern auch Döner Kebab, eine schicke Nagelmodellage mit Glitzersteinchen oder einen Schein für die Wette auf das Ergebnis eines Hunderennens in den USA. Geschäfte, die genau diese Dienste und Waren anbieten, scheinen gerade hoch im Kurs zu sein, zumindest dem Erscheinungsbild der gewöhnlichen Fußgängerzone nach zu urteilen. Genau dort findet man auch meistens auch seine Postfiliale. Noch. Denn die Post wird die meisten ihrer Filialen schließen. Sie sollen in Einzelhandelsgeschäfte umgewandelt werden - die nebenbei das super kundenfreundliche Format der Partnerfiliale betreiben. Ein Geschäft, das gleiche Dienste anbietet, dem aber der offiziöse Anstrich fehlt. Ist ja fast, als würde eine Brauerei kein Bier brauen, sondern Limonade. Stimmt aber und soll weniger kosten und genauso gut für die Kunden sein, wenn man dem Unternehmen glaubt.
So manch ein Kunde mag einwenden, dass sich für ihn nun gar nichts ändert. Seine Post habe er schließlich schon seit Jahr und Tag nicht mehr ins Amt getragen, sondern zum Firlefanz- und Diddlemaus-Discounter McPaper, der ja nun auch nicht mehr zur Post gehört, aber noch solche Dienste anbietet. Für die Kunden könnte es so tatsächlich keine bahnbrechende Veränderungen geben, für die empfundene Fürsorge schon. Schließlich würde, sollten die Pläne Unternehmensrealität werden, eine Institution des öffentlichen Lebens verschwinden. Wer in eine unbekannte Stadt kam, der konnte sicher sein, einige Konstanten des Straßenbildes wiederzufinden. Ein Amt, ein Gericht und eine meistens zentral gelegene Post. Aus diesem städtisch-staatlichen Mythos klinkt sich die Post nun aus.
Früher zeichnete sich der Postdienst durch die Kutsche aus, das Horn und die Nachricht - eine ferne Vergangenheit. Dann gewöhnten wir uns an den Dreiklang von Telefon, Bank und Brief. Und den dazugehörigen Postminister. Aber das ist auch längst vorbei. Die Post wurde nach 1993 in drei Unternehmen gespalten: Die Telekom, die Postbank und die Deutsche Post, die ja noch immer Briefe annahm.
In Anbetracht der Spitzelaffären bei der Telekom kann man darüber nur froh sein, wäre ja noch schöner, wenn nicht nur unsere Verbindungsdaten durchforstet würden, sondern auch noch die Briefe über dem Dampfbügeleisen gehalten, um sie spurlos zu öffnen, und die Kontodaten ausgespäht. Nein, die Post, also jetzt die mit den Briefen und Paketen, waren eine Selbstverständlichkeit: Die Post gehörte zum Grundversorgung, genau wie der Biernachschub. Genau diesem Land aber brechen nämlich gerade die Institutionen der dörflichen Idylle weg. Und wer ist's schuld? Die Globalisierung natürlich, die Unternehmen dazu zwingt, dauernd fit und schlank zu bleiben.
Doch genau wie die kleinen, ins oft ins lieblich-verschnarchte neigende, Postfilialen auf dem Land mit dem kulturellen Wandel nicht zurechtkommen, ja zurechtkommen können, waren auch die Dorf- und Kleinstadtbrauereien nicht in der Lage, sich auf die Veränderungen der Modernen einzustellen. Kleine Brauereien gehen Pleite, Becks, das Bier aus Bremen gehört längst zu InBev, einem belgischen Bierimperium. Beispielhaft darfür ist übrigens auch die Brauerei der Fürstenfamilie Thurn und Taxis aus Regensburg, die übrigens jahrhundertelang ein Monopol auf die Briefzustellung in Deutschland besaß. Dieses wurde Mitte des 19. Jahrhunderts abgegeben, die Brauerei von Paulaner geschluckt.
Ist es so Zufall, dass sich die Schicksale von Bier und Post ähneln? Dass gerade in eine Zeit, in der der Bierkonsum sinkt, auch die Post ihr Filialnetz ausgliedert? Nein! Weil die Postkutschen Halt machen mussten, um die Pferde zu tränken, wurden die Gäste auch gleich noch mit Bier versorgt. Vielleicht könnte es bald wieder so werden, wenn nämlich die Partneragentur im Getränkemarkt liegt. Fortschritt der arg nach Rückschritt aussieht.
Da ist es nicht verwunderlich, wenn die Erfolgsgeschichte des modernen Brauwesens auf Bionade statt Bier basiert. Und die Bionade-Trinker sind mit ihrem Handy unterwegs, oder mit dem Laptop im Café mit W-Lan, sie brauchen keine Postfiliale.
In einer Gesellschaft, in der der haptische Aspekt einer Nachricht randständig wird, die die Ankunft eines Briefes nicht mehr mit der Haut erfühlt, sondern nur noch mit dem Auge erfasst, ist es nicht erstaunlich, dass die Überbringer dieser Haptik an Bedeutung verlieren. Sie kann man am Ende einfach wegrationalisieren, und ihre Kompetenz wird niemandem fehlen.
align="center"> Eine Flasche zum Trost?
Als einziger Trost für die Wehmut bleibt, dass noch viel Wasser den Braukessel hinein und wieder heraus fließt, bis die Postfiliale aus dem Straßenbild verschwinden werden. Wenn wir Kunden uns dann erstmal an die neuen, erweiterten Öffnungszeiten der Partnerfilialen gewöhnt haben, dann werden wir froh sein, dass wir dort auch noch eine Flasche Wein kaufen können. Für den Feierabend. Vielleicht kann man auch noch einen Plausch halten, wie damals bei der Post.
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