Feiern auf Gran Canaria

Hölle, Hölle, Hölle!

Party ist immer, denn Playa del Ingles ist eine der wichtigsten Gay-Destinationen. Man muss leichte Kleidung mitnehmen, den Verstand zu Hause lassen.

Baden am Gay-Sandstrand Maspalomas Nr. 7 auf Gran Canaria.  Bild: Mario Vaorin

Bis zum vierzigsten Lebensjahr wollten wir es spätestens schaffen, mein bester Freund und ich: zusammen nach Gran Canaria fahren, am besten im tiefsten, tiefsten Winter, wenn in Deutschland alle besonders schlechte Laune haben. So hatten wir es beschlossen, seinerzeit, als wir mit Mitte zwanzig auf einer Mauer in Berlin Prenzlauer Berg saßen: zwei jungschwule Studenten, total pleite, irgendwie ahnungslos, aber mit Hoffnung, Glauben an die Liebe und Flaschenbier ausgestattet, es waren die Neunziger. Alles schien möglich – und der 40. Geburtstag ungefähr so weit weg wie Gedanken an Rente und Rollator.

taz paywall

Ist Ihnen dieser Artikel etwas wert?

Mehr Infos

taz.de

Und wie Gran Canaria: Eine Fernreise ins Warme, mitten im Winter, nein, so etwas konnten sich nur die erwachsenen „Geldschwulen“ leisten, wie wir damals sagten, und das waren eben Leute um die 40, die einen Beruf ausüben oder sogar, wie heute mein bester Freund, ein eigenes Unternehmen haben.

Beide noch nicht allzu lange „in der Szene“, erschien uns der Ort Playa del Ingles auf Gran Canaria damals als ein Paradies: schwule Hotels, schwule Strände und das Yumbo-Center. Eine Art Einkaufszentrum aus Beton sei das, mit unglaublich vielen schwulen Bars, Clubs und Fickschuppen. Die Hölle auf Erden also. Himmlisch.

After-Beach: Der Treffpunkt Nr.1 nach dem Strand ist die Strand-apo-Theke in Maspalomas (Oasis Local 35, 36 direkt am Sandstrand in der Nähe des Riu Hotels Maspalomas). Hier gibt es zum Beispiel Kölsch oder Weißbier vom Fass. Auf der Speisekarte stehen hausgemachte Frikadellen, Bratwürste und Schnitzel.

 

Warm-up: Nach einem kompletten "Facelift" präsentiert sich die Bar Adonis (Playa del Inglés im Yumbo-Center auf der unteren Etage zwischen der Bar Gio und der Bar Junior) ganz modern, ist aber immer noch ein Klassiker. Hier beginnen viele den Abend im Party-Einkaufszentrum. Zum Beispiel mit einem Cocktail oder einer Kanne Sangria. Die Kellner sind freundlich und sprechen deutsch, spanisch und englisch.

 

Orgie: "Fickschuppen" gibt es viele, am modernsten ist der Bunker (Yumbo-Center, untere Ebene). Die Musik changiert zwischen House und Trance, das Motto: Anything goes. Also Slings, Kabinen, Darkroom, SM-Bereich, Glory Holes, Dog Station, Wet Area, Red Room …

Nun sind wir wirklich da, und mit viel zu kleinem Gepäck. Im Gassengewirr in Strandnähe kaufen wir das Nötigste, Flip-Flops für den heißen Sand, Wasser, Sonnencreme, ein deppertes Basecap, auf dem „Gran Canaria“ steht. Ein langer Fußmarsch am Atlantik steht bevor, an dessen Ende das gelobte Land wartet, der Gay-Sandstrand Maspalomas Nr. 7, benannt nach dem dort befindlichen Erfrischungsstrand.

Ein Teppich aus nackten Körpern

Vorbei an Hunde-, Familien- und Hetero-FKK-Zonen marschieren wir, bis endlich am Horizont die Regenbogenflagge zu erkennen ist, darunter ein brauner Fleck mit blauen Punkten. Als wir endlich ankommen, entpuppt sich dieser Fleck als ein Teppich aus meist nackten, mittelalten bis alten und sehr, sehr braungebrannten Homosexuellen mit Sonnenbrillen. Bei den blauen Flecken handelt es sich um Mietschirme.

Es ist noch nicht einmal ein Uhr und am Erfrischungsstand stehen schon die ersten Grüppchen mit Plastik-Biergläsern in der Hand, aus den Boxen plärrt Ballermann-Dancefloor. Vor lauter Schreck bestellen wir uns erst mal ein Bier und rauchen eine. Alarmiert mustere ich die fast schon schwarze Haut des Herrn aus Essen neben uns. Ich muss an einschlägige Kontaktanzeigen im Internet denken, als ich mein Basecap zurechtrücke, „Boy um die 40, jünger aussehend, sucht sexy Typen“. Himmel oder doch Hölle?

Schmerbäuchige Herren auf Beutezug

Wir inspizieren das legendäre Cruising-Gebiet in den Dünen, gleich angrenzend an den Strand. Durch sengende Sonne muss man schreiten, bis man ein paar kleine Hügelchen mit welkem Gebüsch erreicht, darin lauernd womöglich Natterngezücht und ganz offensichtlich schmerbäuchige ältere Herren auf Beutezug, splitterfasernackt. Wir brauchen noch ein Bier. Doch als wir endlich in den kühlen Atlantik hüpfen und uns zusammen mit den vielen anderen „Gays“ von den riesigen, heranrollenden Wellen spazieren tragen lassen und dabei prusten und kichern, kommem wir endlich an auf Gran Canaria, dem Schwulenparadies. Bis wir von spanischen Heteros mit Megafonen angebrüllt werden, Lifeguards. Die rote Warnflagge am Strand, gefährlich hohe Wellen, hatten wir vor lauter Regenbogen natürlich nicht bemerkt.

Nach den ersten Stunden am Strand bin ich nicht dunkelbraun, sondern rötlich. Das verpflichtende Tagesprogramm für Homosexuelle sieht nun einen Besuch in der „Strand-apo-Theke“ vor, einer Institution mit Strandblick, betrieben von einer deutschen Dame mit grimmigem Blick und gutem Geschäftssinn. Zur Begrüßung gibt es einen „Orgasmus“, einen Likör mit Sahnehäubchen. Zu essen gibt es hier Buletten mit Kartoffelsalat – die Musik: Schlager. Hier kommt man mit all den Einzelhändlern, kleinen Verwaltungsbeamten, Hochschulprofessoren und gelegentlichen Multimillionären zusammen, die alle einen gemeinsamen Nenner haben: Sie sind schwul und wollen sich unbedingt amüsieren.

Wir auch, Zeit für einen Gin Tonic und eine Runde Wolfgang Petry, „Hölle Hölle Hölle“. Nur übertreiben darf man es jetzt noch nicht, denn das Programm sieht nun die Rückkehr ins Hotel vor, das Nachtleben im Yumbo-Center beginnt allerfrühestens um 22 Uhr, bis dahin muss man sich das Salzwasser abduschen. Sich eincremen und parfümieren. Etwas Preiswertes, aber nicht allzu Schweres essen, der Unterlage wegen. Und zwischen all diesen Arbeitschritten gilt es, den Alkoholpegel auf einer sanften Konstante zu halten. Ein Sekt hier, ein Wodka-Orange dort.

Wir lernen ein schwules Pärchen aus dem Badischen kennen, sie erzählen, dass in ihrem Heimatdorf niemand offiziell weiß, dass sie schwul sind. Auf der Arbeit weiß auch niemand Bescheid. In Berlin zu leben, das können sie sich nicht vorstellen. Im Viererteam gewinnen wir an diesem Abend das Quiz, das von den Hotel-Animateuren veranstaltet wurde. Inhaltlich ging es um Musicals; Ehrensache, dass wir die Heteros aus dem Bungalow-Resort schlagen mussten, der Gewinn: eine Kanne Sangria, doch trotz des Sieges wollen die beiden nicht mit ins Yumbo-Center. Dort, so vermuten sie, seien so viele Versuchungen. Einer der beiden ist rasend eifersüchtig, während der andere womöglich mit dem Gedanken spielt, sich versuchen zu lassen. Nun wollen sie also lieber DVD im Bungalow gucken– „dafür wurde doch die Homosexualität nun wirklich nicht erfunden“, sagt mein bester Freund.

Und ich muss wieder an den Abend auf der Mauer in Berlin denken, als wir tiefgründig über den Sinn des Lebens, die Liebe und die Treue philosophiert hatten. Kann man als Schwuler im Leben glücklich werden? Werden wir jemanden finden, jemanden, der uns durch das Leben begleitet? Oder werden wir einsam sein, alt und traurig, eines Tages. Wenn wir alt sind? Auf Gran Canaria.

Besuch im schwulen Themenpark

Wir zwei Singles, so viel ist klar, nehmen uns jetzt ein Taxi: „Yumbo Center, por favor.“ Es ist halb elf, und als wir aus dem Taxi steigen, strömt uns die aufgestaute warme Luft aus dem Beton-Einkaufszentrum entegen. Überall leuchtet es, überall erklingt Musik. Ein Jahrmarkt. „Und zu Hause frieren sie jetzt in der Kälte“ höre ich mich mit der Schadenfreude eines gerade so Entkommenen sagen.

In einem der vielen Cafés bestellen wir den nächsten Sangria, bedient werden wir, natürlich, von Deutschen. Und wer das nicht möchte, muss zu den Engländern gehen, wo wir prompt nicht bedient werden. Der schwule Ballermann ist auch nicht besser als der auf Mallorca. Wir vergleichen die Travestie-Shows, von denen es unzählige im Yumbo-Center gibt, England: Spanien.

Spanien gewinnt haushoch, Gruß an Almodóvar. Wir trinken Becks aus der Flasche in Bars, die exakt so aussehen wie in Berlin-Schöneberg, der Warmoesstraat in Amsterdam oder dem Glockenbachviertel in München. Wir inspizieren Fickschuppen mit Glory-Holes in Sperrholzwänden und solche mit ansprechendem Design, konsultieren Clubs mit Dancefloor und SM-Geschäfte mit Leder-Schwerpunkt. Wir laufen rum, um dann irgendwo rumzustehen. Wir plappern und plaudern, lernen wildfremde Menschen kennen und trinken schon wieder einen Gin Tonic, weil der wachhält. Wir lachen und streiten uns.

Und so, denke ich, machen wir es nun schon seit mindestens fünfzehn Jahren, mein bester Freund und ich. Gran Canaria, der Strand Nr. 7, das Yumbo-Center, das ist das überlieferte schwule Leben aus den Achtzigern und Neunzigern, konzentriert in einem Themenpark. Und wenn es denn stimmt, dass wir Schwule alle in die Hölle kommen, dann wird diese schwule Hölle ganz bestimmt so aussehen wie hier auf dieser Insel. Zur Strafe wird es immer so weitergehen. Schlechte Musik, Alkohol, Sex, Geplapper. Ich freu mich darauf.

 

Wem der Pilgerweg nach Santiago de Compostela zu anstrengend ist, kann sich im grünen Asturien bestens erholen: schlemmen an der Küste oder wandern in den Bergen der Picos de Europa

09. 02. 2013
ToDo: alternative Artikel

weitere Artikel des Autors

Beiträge des Autors in der Kommune

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Wenn Sie Ihren Kommentar nicht finden, klicken Sie bitte hier.

Ihren Kommentar hier eingeben