Experiment zum Auftakt

Sinnbilder auf Gegenwartssuche

Zur Eröffnung des Internationalen Musikfestes Hamburg hat der als Provokateur geltende Regisseur Romeo Castellucci Bachs Matthäus-Passion inszeniert.

Darsteller fegen die Bühne

Castellucci komponiert Sinnbilder, die mit Bachs Matthäus-Passion verlinkt sind. Foto: Bernd Uhlig

Der Schädel eines realen Mörders liegt auf dem Ausstellungspodest, während der Sopran „Blute nur, du liebes Herz singt!“; es ist die Szene III mit dem Titel „Judas“. Insgesamt reihen sich 18 solcher Kunst-Objekte oder szenischen Kunst-Kommentare aneinander, als eine Art Strom der Assoziationen zur Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach.

Der italienische Künstler Romeo Castellucci hat erdacht, was sich da unter der Überschrift „La Passione“ in den Deichtorhallen Hamburg ereignet. Die Koproduktion mit der Staatsoper Hamburg hat jetzt das 2. Internationale Musikfest Hamburg eröffnet. Viele hatten einen Theater-Skandal erwartet, weil Castellucci als Bilderstürmer gilt, der gern provoziert. Stattdessen mutete die Premiere eher kontemplativ an, manchmal auch ziemlich lau. Musikalisch war noch Luft nach oben.

Kontemplation in Weiß

Romeo Castellucci hat sich alles ausgedacht: die Bühne und die Kostüme, das Licht und die Inszenierung. Nichts wird dem Zufall überlassen. Selbst der Auftritt von Hamburgs Generalmusikdirektor Kent Nagano folgt einem genauen Plan. Er tritt nach vorn an den Rand des Bühnenraumes, wo schon zwei Männer mit Schüssel, Wasserkaraffe und Handtuch warten.

Der Maestro wäscht sich die Hände, bevor er zu dirigieren beginnt – im Bühnenhintergrund sind die Musikerinnen und Musiker platziert. Alle tragen weiße Kleider. Alle sitzen auf weißen Stühlen und Bänken. Der Boden, die Wände, überall geradezu klinisches Weiß. Dazu passt das klare Licht, das alles erhellt – die Bühnen wie den Zuschauerraum.

Auf jedem Sitzplatz wartet ein Heft – „Index“ überschrieben: eine Hilfe, um grundsätzlich zu verstehen, was da auf der Bühne passiert. Wie im Kunstmuseum gibt es Hinweise zur Herkunft und zur Machart der Installationsgegenstände. Das Essen, das zur Abendmahlsmusik auf die Bühne rollt, entspricht der letzten Mahlzeit eines Hospiz-Bewohners – bei der Premiere: Rotbarsch und Wasser. Dann scheint ein ausrangierter Reisebus über die Bühne zu schweben: Er liegt auf der Seite und stammt aus Bayern. Dazu das Stichwort „Ecclesia“ – was so viel bedeutet wie Kirche, Gemeinde oder auch Volksversammlung. Und der Sopran singt: „Ich will dir mein Herze schenken“.

Emblematische Bilder

Es passiert eigentlich immer etwas: Ein Umbaukomparse packt umständlich ein ausgestopftes Lamm aus, Kunstblut sprudelt, Reinigungsfachkräfte rücken an. Ringer kämpfen miteinander, wenn es um die Einsamkeit von Jesus in Gethsemane geht. Später lässt sich eine ehemalige Nonne in einen Sarkophag verfrachten. Und immer wieder stehen chemische Prozesse im Zentrum: Aus dem Blut des Jesus-Sängers wird Eisen gewonnen, um daraus Nägel wie für eine Kreuzigung zu gewinnen. Oder Stacheldraht verwandelt sich in eine goldene Dornenkrone.

Manches ist spannender anzuschauen und weckt mehr Gedanken, manches weniger. Spürbar ist, wie sehr Romeo Castellucci hier wie barocke Emblematik Sinnbilder komponieren will – verlinkt mit Bachs Matthäus-Passion. Was manchmal auch unfreiwillig oder bewusst komisch ist. So etwa, wenn ein beinamputierter Komparse seine Beinstumpen zur Textzeile „Ruht, ihr ausgesognen Glieder!“ ins Licht hält.

Kunst trifft Realität

Hamburgs neuer Opernintendant Georges Delnon liebt zeitgenössische Kunst. So hat er bereits an seiner vorherigen Wirkungsstätte in Basel den Kontakt zum Kunstbetrieb gesucht und mit Romeo Castellucci ein szenisches Projekt in Kooperation mit der Art Basel initiiert. Aufsehen erregte auch die Produktion von Christoph Willibald Glucks Oper „Orpheus und Eurydike“ in Wien, wo Romeo Castellucci die Eurydike mit einer Wachkoma-Patientin besetzt hat. Das Publikum erhielt per Livestream Einblicke in das Krankenzimmer der jungen Frau.

Castellucci strebt danach, Kunst und Realität aufeinandertreffen zu lassen. Auch in „La Passione“. Dass sich gleich zwei echte medizinische Notfälle während der Premiere ereigneten, war ein trauriger Zufall. Da die Aufführung in einer der großen Deichtorhallen angesiedelt ist, also für die Rettungskräfte kein Rückzugsort gegeben ist, mischte sich zeitweilig das Piepen der EKG-Geräte in die Tonspur der Matthäus-Passion. Beklemmend.

Musikalisch erstaunlich soft

Musikalisch blieb der Abend unter Leitung von Kent Nagano jedoch erstaunlich soft. Sowohl der Klang des schlanker besetzten Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg als auch der der Gesangsstimmen kommen aus akustischen Gründen über Lautsprecherboxen zum Publikum. Die Streicher spielen mit Barockbögen.

Alte-Musik-Spezialisten wie die Gambistin Simone Eckert und der Lautenist Joachim Held sorgen für Originalklang-Farben. Die Partie des Evangelisten ist mit dem britischen Tenor Ian Bostridge prominent besetzt. Leider hatte Bostridge am Premierenabend zunehmend Probleme mit höheren Tönen, was seine Rezitative oft unfreiwillig verzerrt klingen ließ.

Die Solistinnen Hayoung Lee (Sopran 1), Christina Gansch (Sopran 2) und Dorottya Láng glichen dies mit eindringlichem Gesang aus. Blasser blieben ihre Kollegen, der Tenor Bernard Richter und der Bass Philippe Sly. Letzterer hatte alle Bass-Partien zu singen – also neben Jesus auch Judas und Pilatus. Das passt nicht – hier wäre eine Extra-Stimme für den Jesus-Part wünschenswert gewesen. Hervorragend: die Audi-Jugendchorakademie. Erstaunlich, wie präzise und ausdrucksstark die jungen Sängerinnen und Sänger die Aufführung trugen.

Vier Wochen lang – bis zum 22. Mai – bietet das 2. Internationale Musikfest Hamburg jetzt einen Reigen vielversprechender Konzerte zum Thema „Freiheit“. Auch wenn der Auftakt nicht wirklich das erhoffte Gewicht hatte: Es ist gut, dass es solche Experimente gibt.

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