Wirtschaftskrise, Schulden, Rettungsschirm. Warum das alte System retten, wenn in Zukunft alles besser werden könnte? Ein Pamphlet für den Systemwechsel.von Alem Grabovac

Wenn alles für den Arsch ist, hilft nur noch ein neuer Anstrich. Bild: photocase
Hoch das Herz, nieder mit der Angst! Wir werden sie lieben, die Krise. Wir wollen die Krise. Uns ist langweilig! Wir wollen die totale Eskalation. Wir haben keine Lust mehr auf Rettungsschirme und Rettungsschirme und noch mehr Rettungsschirme. Das ewige "Immer weiter so" widert uns an. Wir wollen die Zerstörung, den Systemwechsel, den ultimativen Neuanfang.
Vor der Zerstörung sollten wir uns alle noch maßlos verschulden, Wohnungen, Häuser und Gold kaufen. In unseren Verträgen steht natürlich nichts von irgendeinem Inflationsausgleich. Und wenn die Hyperinflation dann kommt, sind wir mit einem Schlag alle unsere Schulden los. Somit würde die Krise, ganz ohne Revolution, für mehr soziale Gerechtigkeit sorgen.
Die Zerstörung ist notwendig, damit etwas Neues entstehen kann. Warum sollten wir das alte System retten? Arbeitslosigkeit, globale Armut, Hunger, Umweltzerstörung, Finanzhaie, steigende Mieten, Hedgefonds, ungerechte Verteilung von Einkommen und Vermögen und so weiter und so fort. Weg damit! Systemwandel! Wir brauchen neue Regeln, eine andere Politik, ein gerechteres globales soziales Miteinander. Wir wollen gleiche Lebenschancen für alle!
Die Geldentwertung würde zu neuen Formen des Tauschmarktes führen. Die Banknoten wären nur noch wertloses Papier. Die emotionale Kälte des Monetarismus würde durch zwischenmenschliche Tauschbeziehungen ersetzt werden. Biete Kartoffeln gegen Haarfrisur, kaufe Zigaretten für Klamotten, tausche ein Klavierkonzert für die Erstausgabe von Thomas Manns "Buddenbrooks".

Diese und andere Geschichten lesen Sie in der sonntaz vom 10./11. Dezember 2011 – ab Sonnabend zusammen mit der taz am Kiosk oder am eKiosk auf taz.de. Die sonntaz kommt auch zu Ihnen nach Hause: per Wochenendabo. Und für Fans und Freunde: facebook.com/sonntaz.
Foto: tazWir müssten verhandeln, wieder miteinander reden, kreativ sein. Außerdem hat die Geschichte gezeigt - siehe etwa den Zusammenbruch des Finanzsystems in Argentinien -, dass jede Krise zu neuen Formen der Solidarität führt. Man möchte und darf wieder ganz unmittelbar seine Nachbarn oder Verwandten unterstützen. Die Wohnung oder das Essen wird geteilt, man hilft sich, kommt sich nahe, fühlt sich gemocht und anerkannt.
Raus aus dem stahlharten Gehäuse der Moderne, hinein in das fantasievolle Chaos. Die Krise würde die Langeweile zerstören. Niemand könnte sich mehr die Langeweile leisten. Wir müssten unsere Ärsche endlich von der Fernsehcouch erheben und neue Lebensstrategien entwickeln, um zu überleben.
Und diese gottverdammte Sinn- und Identitätssuche wäre auch beendet. Jeder würde von einer existenziellen Wucht getroffen werden, die ihm oder ihr den Sinn des Lebens direkt ins Gesicht schreien würde. Das wäre auch das Ende von diesem allerdümmsten Satz auf Gottes Erden: "Ach, wir leiden ja auf so hohem Niveau."
Ist das System erst einmal ruiniert, dann lebt es sich ganz ungeniert. Die Krise würde unser aller Leben wieder spannend und abenteuerreich machen. Adieu, Mittelmäßigkeit - tschüss, Versicherungsmentalität - auf Nimmerwiedersehen, Angstkultur.
Die Krise toleriert keine Mittelmäßigkeit, die Krise bedarf der Extreme. Die Fesseln der versklavenden Selbstzufriedenheit wären gesprengt, es würde zu einer ungeheuren Freisetzung von schöpferischer Energie kommen. Wir würden uns alle wieder lebendig fühlen, ja lebendig.
Der Wechsel wird uns inspirieren. Wir werden ungeahnte Kräfte in uns wahrnehmen. Unsere geistige Beweglichkeit würde uns überraschen. Wir würden brutal, herzlich, niederträchtig, solidarisch und kaltblütig sein. Echte Gefühle, wahres Leben. Keine Gerede mehr von virtuellen Realitäten.
Das Sein würde uns rufen, und wir würden uns fragen, weshalb wir vorher nur solche Waschlappen waren. Wir würden gestärkt aus der Krise hervorgehen. Die Krise ist die Chance, endlich allen zu zeigen, was in uns steckt.
Hoch das Herz, nieder mit der Angst! Wir werden sie lieben, die Krise. Wir wollen die Krise. Wir wollen Veränderung! Uns ist langweilig! Wir haben keine Lust mehr auf dieses stumpfsinnige "Immer weiter so!"
Fühle dich umarmt, du wunderschöne Weltwirtschaftskrise! Zerstöre unsere Banken, zerstöre unser Geld, zerstöre unser Wirtschaftssystem, zerstöre unser sinnloses Dasein! Komm, Krise, und mach unser Leben wieder interessant!
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Leserkommentare
19.12.2011 16:39 | Gregor
Ja, meine Konten sind leer, weil ich dieses "arrogante Pack" nicht mehr ausstehen kann mit den fadenscheinigen Argumenten.. ...
19.12.2011 16:11 | Gregor
Ja, meine Konten sind leer, weil ich dieses "arrogante Pack" nicht mehr ausstehen kann mit den fadenscheinigen Argumenten.. ...
15.12.2011 09:24 | Kasperl
Herrlich erfrischender Artikel - endlich jemand der in die Tiefe blickt.