Im November wird Claude Lévi-Strauss 100. In Frankreich wurde er in die Klassikerausgabe La Pléiade aufgenommen - eine Ehre, die wenigen zu Lebzeiten zuteil wird.von ARNO MÜNSTER
Ein schöneres Geburtstagsgeschenk zum 100. hätte Claude Lévi-Strauss, der greise, aber immer noch rüstige Begründer der strukturalen Anthropologie aus Paris, sich sicherlich nicht vorstellen können als jenes, das er vom Verlag Gallimard erhielt: die Veröffentlichung einer repräsentativen Auswahl seines Werks in der Dünndruckausgabe mit Luxusausstattung der Pléiade, der weltweit hochgeschätzten Renommierausgabe des französischen Verlagswesens, die nur den ganz großen Schriftstellern und Intellektuellen der Grande Nation vorbehalten ist.
Hiermit ehrt das offizielle Frankreich - bereits sechs Monate vor dem Geburtstagsdatum am 28. November dieses Jahres - einen Wissenschaftler und Gelehrten allerhöchsten Ranges. Einen, der nicht nur mit seinen ethnologischen und anthropologischen Forschungen auf seinem Fachgebiet Außerordentliches geleistet, sondern der auch nicht zuletzt durch die von ihm propagierte "strukturale Methode" maßgeblich die zeitgenössische Philosophie der Nachkriegsperiode beeinflusst hat. Zweifelsohne handelt es sich hier um die nachträgliche Krönung eines wissenschaftlichen Lebenswerks, das im Jahre 1960 mit Lévi-Strauss' Berufung auf den Lehrstuhl für "soziale Anthropologie" am Pariser Collège de France einen ersten Höhepunkt erreicht hatte. Sie war der Auftakt für den Ruhmeszug seiner anthropologisch-ethnologischen Forschungen und vor allem seiner Forschungen zu den Mythologien der Naturvölker, die ein derart nachhaltiges Echo finden sollten, dass seitdem die Anthropologie eben nicht mehr das war, was sie vorher war.
class="Z">Beim Stamm der Bororo
Lévi-Strauss wurde am 28. November 1908 in Brüssel als Sohn des französischen Malers Raymond Lévi-Strauss und der elsässischen Rabbinertochter Emma Lévy geboren. 1925 besteht er die Aufnahmeprüfung für die den Eliten vorbehaltene École Normale Supérieure. Ein Jahr später beginnt er zunächst ein Jurastudium an der Sorbonne. 1926 wird er als 18-Jähriger aktives Mitglied der sozialistischen Hochschulgruppe (Groupe d'études socialistes). Er interessiert sich für Marx, Spinoza und den pazifistisch orientierten Philosophen Alain. 1934 legt er alle Funktionen innerhalb der Sozialistischen Partei nieder und steigt für immer aus der Politik aus.
Er übernimmt zunächst eine Gastprofessur an der Universität von São Paulo. Schon ein Jahr später (1935) startet er zu seiner ersten Expedition, deren Ziel es ist, die Riten, Mythen und Lebensgewohnheiten der Caduveo-Indios im Bundesstaat Goias in Zentralbrasilien zu erforschen. Dies ist jedoch nur der "Auftakt" zu seiner zweiten großen, im November 1937 durchgeführten Expedition in eine bislang völlig unerschlossene Region im Mato Grosso, die zum Ziel hat, das Leben und die Sitten des Bororo-Stammes zu erforschen. Auf abenteuerlichen Wegen gelingt es der kleinen Forschungsgruppe über Cuiaba - das Paradies der "garimpeiros", der brasilianischen Gold- und Diamantensucher - in das Zentrum dieser entlegenen Region vorzudringen. Hier nun beginnt Lévi-Strauss' eigentliche Arbeit als Anthropologe und Ethnologe.
Er etabliert ein freundschaftliches Verhältnis zu den Bororo, die in mehrere Familien-Clans aufgeteilt in bescheidenen Hütten wohnen und im Wesentlichen vom Verkauf von Keramik-Gegenständen leben. Lévi-Strauss kauft ihnen Keramiken ab, fotografiert, erforscht Sprache, Gesten und Heiratsregeln. Als sich die Expedition dem Ende zuneigt, hat er die Materialien zusammen zu dem Buch "Elementare Verwandtschaftsstrukturen" (1949) sowie zu den 1955 erscheinenden "Tristes Tropiques" ("Traurige Tropen").
Das Echo, das diese beiden Bücher - 1958 noch ergänzt um die inzwischen zum Standardwerk gewordene "Strukturale Anthropologie" - weltweit auslösten, hatte darin seinen Grund, dass Lévi-Strauss' Zugang mit den Methoden der traditionellen Ethnologie und Anthropologie brach. Er räumte radikal mit Klischees und Dogmen auf, die im Gefolge der Kolonialherrschaft diesen Forschungszweig beherrschten. An die Stelle der ethnozentrischen Klischees vom "Wilden", "Grausamen" und "Unterentwickelten" setzte er die objektive Strukturbeschreibung der Verwandtschaftsbeziehungen, Riten und Mythen dieser Völkerschaften und Stämme. Im Gegensatz zu seinen von der Ideologie des Kolonialismus angesteckten Vorgängern zog er es vor, Riten, Gebräuche und Habitus zu vergleichen, strukturelle Ähnlichkeiten und Differenzen herauszuarbeiten und so die Invarianten zu bestimmen, die das gesellschaftliche Leben unter jenen naturbestimmten Bedingungen regeln.
Als entschiedener Gegner von Funktionalismus und Positivismus begründet er seine eigene "strukturale Anthropologie" und bestimmte im Anschluss an Ferdinand de Saussures "semiologische Linguistik" die Anthropologie als ein System der "Zeichen und der Gestik, aus dem sich Riten, Heiratsregeln, Verwandtschaftssysteme, Gebräuche und bestimmte Formen des ökonomischen Tausches ableiten". So wird Lévi-Strauss Ethnologe und Anthropologe. Statt sich in mechanischen Klassifizierungen zu erschöpfen, leistet er einen Brückenschlag zwischen westlicher Zivilisation und älteren Gesellschaften. Machte gerade dieser Aspekt Lévi-Strauss' Werk auch für Philosophen attraktiv - man denke nur an den Einfluss, den er auf Jacques Lacan, Michel Foucault oder Louis Althusser ausübte -, so geriet er andererseits ins Kreuzfeuer der Kritik. Und zwar bei all jenen, die, wie der marxistische Philosoph Henri Lefebvre, den anthropologischen Strukturalismus wegen seiner "Antidialektik", seines "Antihumanismus" und seiner "Subjektfeindlichkeit" heftig kritisierten. Auf dem Höhepunkt der Mai-Revolte des Jahres 1968 erklärte gar der französische Soziologe Jean Duvignaud in der von den Studenten besetzten Sorbonne, der Mai 68 sei das "Ende und der Tod des Strukturalismus".
class="Z">Mystische Dämpfe
Im letzten Kapitel des 4. Bandes der "Mythologica" replizierte Lévi-Strauss auf verschiedene Vorwürfe und unterstrich, dass ihn "die Kritik gewisser Philosophen am Strukturalismus, ihr Vorwurf, der Strukturalismus habe den Menschen abgeschafft und seine heiligsten Werte zerstört", erstaune. "Dies hat für mich den gleichen Effekt", unterstrich er, "als ob jemand die kinetische Gastheorie in Frage stellen wollte, weil die Erklärung des Phänomens, dass die erhitzte Luft nach oben steigt und sich ausbreitet, das Familienleben und die häusliche Moral störe, da ihre entmystifizierte Wärme so ihre symbolische und affektive Wirkung verlöre."
Den "mystischen Dämpfen" einer ausschließlich vom Subjekt ausgehenden philosophischen Reflexion setzt er nun energisch und apodiktisch die streng empirisch ausgerichtete Methodik der Naturwissenschaften entgegen. "1.500 Jahre lang, seit Plutarch, haben die Philosophen nichts als Gemeinplätze über die Mythen verbreitet", lautete sein Verdikt. Natürlich konnte dies nur zur Folge haben, dass Lévi-Strauss nun zusätzlich beschuldigt wurde, sich zum Apologeten einer Antiphilosophie gemacht zu haben, die die sozioökonomisch orientierte Analyse des Marxismus ignoriere und die die Subjekt-Objekt-Dialektik durch eine "substanzielle Identität" ersetzen wolle. Trotz alledem wird man kaum bestreiten können, dass es keinem anderen besser als Lévi-Strauss gelungen ist, mit diesen strukturalistischen Forschungen zu den Mythologien der Naturvölker die Entwicklung dieser Gesellschaften zu erforschen und zu beschreiben. Über den Mythos nämlich, so schrieb Lévi-Strauss einmal, "wird die Natur kulturalisiert, wohingegen andererseits der Mythos die Kultur naturalisiert, weil er sich explizit auf die Natur beruft, um die Funktionsweise der Gesellschaften zu erklären oder zu verschleiern". Und gerade deshalb vermittle der Mythos so etwas wie eine "positive Moral".
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Leserkommentare
28.11.2008 10:32 | Robert Schukalla
Etwas erschüttert wurde ich heute von solchen oder ähnlichen Lévi-Strauss-Artikeln. ...