Die Verurteilung Chinas ist scheinheilig - besser wäre es, das Land als Gradmesser zu sehen, ob der Welt die Wende hin zu einer neuen Zivilisation gelingen wird.von Rafael Poch-De-Feliu
Der Autor hat in China gelebt. Das, was er schreibt, hat meiner Meinung nach nichts mit einer linken politischen Gesinnung zu tun, sondern damit, dass er das Land kennt. Die Methapher der schwangeren Frau ist sinnvoll. Es wäre diplomatisch klug mit den Chinesen so umzugehen. Es bringt nichts mit einem Land auf Konfrontationskurs zu gehen, in dessen Kultur es nichts schlimmeres gibt, als sein Gesicht zu verlieren. Das kann man deutlich an der Tibetkrise im letzten Jahr sehen. Die Europäer haben während dieser Zeit im Land der Mitte unheimlich an Ansehen verloren. Die Anti-China-Demonstrationen waren außerdem für Tibet alles andere als hilfreich. Ein positives Modell im Umgang mit China sind die Verhandlungen zwischen Groß Britannien und China über die Rückgabe der ehemaligen Kronkolonie Hongkong in den 1980er Jahren. Beide Staaten konnten hier ihr Gesicht wahren. Hongkong ging an China und dafür wurde dem Stadtstaat von den Chinesen ein Sonderstatus für 50 Jahre zuerkannt. (Natürlich wurde im Geheimen verhandelt und Demonstrationen blieben aus.) Solch ein diplomatisches Meisterstück hätte man letztes Jahr gebraucht. Die weltweiten Anti-China-Demonstrationen vor den Olympischen Spielen machten die Lage leider nicht besser. Ein Beispiel für das Verhalten in der chinesischen Kultur: Ein wahrer Freund kritisiert nicht. "Jemand, der mich kritisiert, ist nicht mein Freund." Diese Regel gilt in China im zwischenmenschlichen Bereich ganz selbstverständlich. Man übertrage das auf den zwischenstaatlichen Bereich! (Das mag für eine westliche Denkweise schier unverständlich sein. Aber es gibt eben noch kulturelle Unterschiede, die nicht einfach deshalb verschwunden sind, weil es Mc Donalds, Coca Cola und Adidas mittlerweile überall in China gibt und alle Menschen dort westliche Kleidung tragen.)
31.10.2009 10:51 Uhr
von Skip Gan:
Eine fragwürdige und seltsame Argumentation, die in einer liberalen Tageszeitung eigentlich nichts zu suchen hat. Die Metapher von der schwangeren Frau ist sexistisch (das "Wesen", das einem im Bus begegnet...), die Belobung des Franco-Regimes lässt einem die Spucke im Mund gefrieren. Gut, dass die taz heute offensichtlich einen anderen Spanien-Korrespondenten hat (siehe biografischen Kasten im Artikel).
19.10.2009 14:31 Uhr
von Chrifloka:
Wenn der Autor schon so pragmatische Überlegungen anstellt, dann könnte man sich doch auch gleich fragen, welchen Beitrag die von den langjährigen Diktaturen in Chile, Spanien oder auch Südkorea zu verantwortenden gesellschaftlichen Entwicklungen insgesamt für die enorme wirtschaftliche und soziale Dynamik für den überwiegenden Teil der Bevölkerung, vor allem nach dem jeweils unblutigem Ende Ihrer Systeme, geleistet haben, von der China übrigens noch Lichtjahre entfernt ist. Könnte dies im Ernst für eine Mildbetrachtung von diktatorischen Regimen ausreichenn ? Es wird langsam etwas auffällig, wie sehr sich die TAZ im Falle China als Plattform für die Verbreitung einer grundpositiven Stimmung anbiedert. Ich werde das Gefühl nicht los, dass Maoismus und real erlittener Kommunismus im Allgemeinen eine überraschend große Halbwertszeit haben, irgendwie und irgendwo vor sich hinfaulen, immer wieder toxische Stinkwolken aufsteigen und somit die Endlagerfrage genauso wenige geklärt ist, wie die von Atommüll.
18.10.2009 16:15 Uhr
von Mike:
Typisch TAZ: wenn das Regime nur LINKS ist, dann sind alle Bluttaten plötzlich gar nicht so schlimm....
Leserkommentare
01.11.2009 22:41 Uhr
von Chris:
Der Autor hat in China gelebt. Das, was er schreibt, hat meiner Meinung nach nichts mit einer linken politischen Gesinnung zu tun, sondern damit, dass er das Land kennt.
Die Methapher der schwangeren Frau ist sinnvoll. Es wäre diplomatisch klug mit den Chinesen so umzugehen. Es bringt nichts mit einem Land auf Konfrontationskurs zu gehen, in dessen Kultur es nichts schlimmeres gibt, als sein Gesicht zu verlieren. Das kann man deutlich an der Tibetkrise im letzten Jahr sehen. Die Europäer haben während dieser Zeit im Land der Mitte unheimlich an Ansehen verloren. Die Anti-China-Demonstrationen waren außerdem für Tibet alles andere als hilfreich.
Ein positives Modell im Umgang mit China sind die Verhandlungen zwischen Groß Britannien und China über die Rückgabe der ehemaligen Kronkolonie Hongkong in den 1980er Jahren. Beide Staaten konnten hier ihr Gesicht wahren. Hongkong ging an China und dafür wurde dem Stadtstaat von den Chinesen ein Sonderstatus für 50 Jahre zuerkannt. (Natürlich wurde im Geheimen verhandelt und Demonstrationen blieben aus.) Solch ein diplomatisches Meisterstück hätte man letztes Jahr gebraucht. Die weltweiten Anti-China-Demonstrationen vor den Olympischen Spielen machten die Lage leider nicht besser.
Ein Beispiel für das Verhalten in der chinesischen Kultur: Ein wahrer Freund kritisiert nicht. "Jemand, der mich kritisiert, ist nicht mein Freund." Diese Regel gilt in China im zwischenmenschlichen Bereich ganz selbstverständlich. Man übertrage das auf den zwischenstaatlichen Bereich!
(Das mag für eine westliche Denkweise schier unverständlich sein. Aber es gibt eben noch kulturelle Unterschiede, die nicht einfach deshalb verschwunden sind, weil es Mc Donalds, Coca Cola und Adidas mittlerweile überall in China gibt und alle Menschen dort westliche Kleidung tragen.)
31.10.2009 10:51 Uhr
von Skip Gan:
Eine fragwürdige und seltsame Argumentation, die in einer liberalen Tageszeitung eigentlich nichts zu suchen hat. Die Metapher von der schwangeren Frau ist sexistisch (das "Wesen", das einem im Bus begegnet...), die Belobung des Franco-Regimes lässt einem die Spucke im Mund gefrieren. Gut, dass die taz heute offensichtlich einen anderen Spanien-Korrespondenten hat (siehe biografischen Kasten im Artikel).
19.10.2009 14:31 Uhr
von Chrifloka:
Wenn der Autor schon so pragmatische Überlegungen anstellt, dann könnte man sich doch auch gleich fragen, welchen Beitrag die von den langjährigen Diktaturen in Chile, Spanien oder auch Südkorea zu verantwortenden gesellschaftlichen Entwicklungen insgesamt für die enorme wirtschaftliche und soziale Dynamik für den überwiegenden Teil der Bevölkerung, vor allem nach dem jeweils unblutigem Ende Ihrer Systeme, geleistet haben, von der China übrigens noch Lichtjahre entfernt ist. Könnte dies im Ernst für eine Mildbetrachtung von diktatorischen Regimen ausreichenn ?
Es wird langsam etwas auffällig, wie sehr sich die TAZ im Falle China als Plattform für die Verbreitung einer grundpositiven Stimmung anbiedert. Ich werde das Gefühl nicht los, dass Maoismus und real erlittener Kommunismus im Allgemeinen eine überraschend große Halbwertszeit haben, irgendwie und irgendwo vor sich hinfaulen, immer wieder toxische Stinkwolken aufsteigen und somit die Endlagerfrage genauso wenige geklärt ist, wie die von Atommüll.
18.10.2009 16:15 Uhr
von Mike:
Typisch TAZ: wenn das Regime nur LINKS ist, dann sind alle Bluttaten plötzlich gar nicht so schlimm....