Eröffnung der Bayreuther Festspiele

Probleme mit der Energieversorgung

Yuval Sharon inszeniert zum Auftakt einen beliebigen „Lohengrin“. Die blau-dräuende Bühne stammt vom Künstlerpaar Neo Rauch und Rosa Loy.

Der Chor auf der blauen Bühne von Neo Rauch

Szenenbild aus der Bayreuther Premiere des „Lohengrin“ unter dem Dirigat von Christian Thielemann Foto: Enrico Nawra

Wie kommt es eigentlich, dass in Bayreuth die Ergebnisse jeder Neuproduktion nicht zu denken sind ohne die Geschichte ihrer Besetzungsquerelen? Seit zehn Jahren ist Katharina Wagner Chefin am Grünen Hügel und hat jeden Eklat mit stoischer Gleichmut überstanden. Man kann auch sagen: ausgesessen. Denn die Frage nach der Kompetenz in Besetzungsfragen stellt sich nach diesem durchwachsenen „Lohengrin“ mit neuer Dringlichkeit.

Auch bei diesem „Lohengrin“, der in seiner zwischen märchenhafter Putzigkeit und linkischer Aktualisierung oszillierenden Beliebigkeit ein Überangebot an drolligen Assoziationen ausbreitet, aber kein Konzept, geschweige denn eine tiefere Durchdringung auch nur zart durchschimmern lässt, lohnt der Blick auf die Entstehungsgeschichte.

Der Coup war der Name des Ausstatters: Erstmals gestaltet Neo Rauch, der standorttreue sächsische Maler figurativer, sepia-getränkter Tableaus, der mit seinem konservativen Image kokettiert, ein Opern-Bühnenbild. Regisseur Alvis Hermanis, der sich schon vor Jahren als altmodischster Opernregisseur der Gegenwart feierte, sollte inszenieren, was den Regietheater-Hassern ein Fest versprach.

Hermanis meidet aber seit Jahren Deutschland als Arbeitsort aus Protest gegen Angela Merkels Flüchtlingspolitik. Als Ersatz für den sturen Letten fand sich mit Yuval Sharon ein junger US-amerikanischer Regisseur mit überschaubarer Erfahrung, der dem bereits stehenden Konzept von Rauch und seiner Ehefrau Rosa Loy wohl nichts Widerständiges entgegensetzen sollte.

Silbrig fließend musiziertes Vorspiel

Wenn der Vorhang nach dem von Christian Thielemann verheißungsvoll silbrig fließend musizierten Vorspiel öffnet, steht ein verlassenes Umspannwerk auf der dämmrigen Bühne. Hinten wölbt sich ein Rundhorizont, der mit einer dunklen Zypressenlandschaft à la Böcklin und dramatisch mystischen Lichtstrahlen à la Rembrandt bepinselt ist.

Ausgesägte Bäumchen und amorphe Erdhügelchen werden herein- und herausgeschoben wie im Barocktheater. Der riesige Chor ist ausstaffiert in Blautönen wie auf Delfter Kacheln, trägt Hauben zu Sneakern, Halskrausen in der Manier van Dycks und auf dem Rücken Insektenflügelchen.

Thielemann legt überwiegend flüssige Tempi an, was wohltuende Transparenz schafft

König Heinrich (fulminant: Georg Zeppenfeld) schleppt lange Fliegenflügel, die umständlich gerafft werden müssen, wenn man Platz nehmen will. Elsa dagegen (Anja Harteros) trägt winzige Stummelflügelchen zum früh ergrauten (oder erblauten?) Toupier-Gebirge und wird gefesselt hereingeführt.

Das Problem mit der Trafostation und generell dem Volk der Brabanter: Kein Strom mehr. Aber nun kommt Lohengrin ohne Schwan mit einem weißen Plastik-Ufo und betritt mit blauen Armen, Betonfrisur und einem gezackten Blitz als Waffe die Bühne, wo er – wie alle – steif herumstehen muss. Den Kampf mit Telramund übernehmen an Stricken baumelnde Kinderstatisten in luftiger Bühnenhöhe.

Bewegung in der Beziehungskonstellation

Das Motiv der gefesselten Elsa taucht im dritten Akt sogar wieder auf, und hier schält sich dann doch noch eine Idee heraus: Lohengrin rettet Elsa im ersten Akt aus dem Mordverdacht ihrer verwahrlosten gesellschaftlichen Umgebung. Im dritten Akt will er sie in einer von Verboten umstellten Ehe erneut fesseln. So kommt dann noch so etwas wie psychologische Bewegung in die ansonsten schreitend, stehend und sinnend absolvierte Beziehungskonstellation.

Vorher geschieht so gut wie nichts auf der Bühne, außer dass das Trafo­häuschen mal von hinten gezeigt wird, dann ein dunkles Schilffeld (die Schelde) über einem Himmel mit sich kräuselnden Wolken. Völlig verschenkt ist im zweiten Akt die dramatische Auseinandersetzung zwischen Ortrud (Waltraut Meier als Königin der Nacht) und Telramund (vokal übersteuert und unverständlich: Tomasz Konieczny), in der beide im Halbdunkel auf der Stelle verharren.

Unfreiwillig heiter dann Elsas Auftritt mit dem träumerischen „Euch Lüften …“: Da klappt ein winziges Fensterchen in einem Mini-Trafohäuschen auf wie in einem Adventskalender und Elsa muss dort hinaussingen.

Wie in der Steinzeit der Opernregie

Ein Totalausfall ist auch die Chorregie: Brav nach Stimmgruppen sortiert steht und schreitet das Kollektiv wie in der Steinzeit der Opernregie. Bleibt die Musik: Musikchef Christian Thielemann hat mit dem „Lohengrin“-Dirigat sein Bayreuther Repertoire vollendet, das hat vor ihm nur Felix Mottl geschafft.

Thielemann legt überwiegend flüssige Tempi an, was wohltuende Transparenz schafft, baut aber eigenwillige Ritardandi ein und dehnt auch stellenweise extrem. Im ersten Akt gibt es erhebliche Koordinationsprobleme, zwischen Chor und Orchester klaffen teils ganztaktige Lücken, später schleppt der Chor, obwohl er szenisch wahrlich nicht überbeschäftigt ist.

Piotr Beczala, der für Roberto Alagna einsprang, singt einen ökonomisch klugen Titelhelden, hält seinen Tenor einstweilen in Schonhaltung und blüht im dritten Akt triumphal auf. Anja Harteros’ Elsa wirkt durchweg unfroh, die Stimme will nicht recht fließen, und findet spät zur Idealform, die große Waltraut Meier als Ortrud klingt leider sehr forciert und grell, auch hapert es in der Treffsicherheit. Kein einziges Buh, insgesamt enden wollender Applaus.

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