Bereits heute ließe sich Strom in transeuropäischen Gleichstromnetzen übertragen. Doch ein Nordsee-Verbundnetz ist noch in weiter Ferne, sagt der Energiewirtschaftler Christian von Hirschhausen.Interview: TORALF STAUD

"Grundsätzlich ist die Fernübertragung von Elektrizität in Hochspannungs-Gleichstromleitungen (HGÜ) technisch kein Problem." Bild: ap
taz: Herr von Hirschhausen, die Idee eines Stromverbundes in der Nordsee ist ja nicht neu. Warum macht sich die Politik erst jetzt an die Umsetzung?
Christian von Hirschhausen: In der Tat, Bestrebungen dazu gibt es seit einigen Jahren - und es gibt ja auch schon einzelne Verbindungen: das NorNed-Kabel beispielsweise von Norwegen in die Niederlande oder Leitungen zwischen Belgien und England, zwischen Finnland und Estland. Das Neue an diesem Projekt ist die Vernetzung mehrerer Länder und Energiequellen zu einem integrierten Verbund. Die EU hat mit dem Ziel, bis 2020 ein Fünftel des Stroms aus erneuerbaren Quellen zu beziehen, eine konkrete Vorgabe gemacht, und die Mitgliedsstaaten machen sich nun eben an die konkrete Umsetzung.
Die Technik für das Projekt ist vorhanden?
wurde 1964 geboren. Er leitet das Fachgebiet Wirtschafts- und Infrastrukturpolitik (WIP) an der Technischen Universität Berlin. Gleichzeitig ist er Inhaber des Lehrstuhls Energiewirtschaft an der TU Dresden.
Einige kleinere Forschungsaufgaben gibt es aber sicher noch, aber grundsätzlich ist die Fernübertragung von Elektrizität in Hochspannungs-Gleichstromleitungen (HGÜ) technisch kein Problem.
Vermutlich eher die Kosten?
HGÜ lohnt sich vor allem über längere Distanzen: Die Übertragungsverluste betragen nur ein Zehntel von Wechselstrom-Leitungen, dafür sind die Investitionen höher. Umgelegt auf die einzelne Kilowattstunde kann man von Durchschnittskosten von unter zwei Cent ausgehen.
Aber schon jetzt herrscht in Norddeutschland ein Überangebot an Windstrom.
Deshalb haben wir in einer aktuellen Studie durchgerechnet, wie man mit drei HGÜ-Kabeln die industriellen Verbrauchszentren Ruhrgebiet, Rhein-Main und Stuttgart an die Nordseeküste anbinden könnte. Natürlich, auch beim normalen Hochspannungsnetz müssen bestehende Engpässe behoben werden. Aber das allein reicht nicht aus. Wir schlagen vor, ergänzend drei Backbone-Leitungen von der Küste nach West- und Süddeutschland zu ziehen - das wird billiger.
Wann könnte das Nordsee-Verbundnetz fertig sein?
Bisher gibt es keine Erfahrungen für diese Art Verbundnetz. Fragen wie die Aufteilung der Kosten zwischen Energieerzeugern, Netzbetreibern und Verbrauchern sind noch ungeklärt. Kabel sind nicht einmal das Schwierigste: Bei solchen Verbindungsprojekten gibt es immer Gewinner und Verlierer - in diesem Fall werden die norwegischen Stromverbraucher die großen Verlierer sein. Sie profitieren jetzt von einem niedrigen Preis des dortigen Wasserstroms. In einem Verbund wird der auch woandershin abfließen und das Preisniveau dort um etwa 4 Cent pro kWh steigen. Ein schnelleres Vorgehen scheitert bisher auch daran, dass die norwegische Regierung noch keinen Mechanismus gefunden hat, wie man dies kompensiert.
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Leserkommentare
06.01.2010 09:42 | Axel F. Westphal
Der Kommentar sagt es ganz richtig, es geht in der ersten Linie um fehlende Grenzkoppelstellen. ...