• 26.10.2011

Ein blinder Fleck in der Geschichte Bremens erhält einen angemessenen Platz

Als das letzte Rotlicht erlosch

Mit dem Landgang und den Lohntüten verschwand aus den Bremer Häfen auch das horizontale Gewerbe. Eine Kulturwissenschaftlerin hat ausgiebig Zeitzeugen interviewt, um endlich die Geschichte des dortigen Rotlichtmilieus zu schreiben von Henning Bleyl

Immer wieder versuchte die Ordnungsmacht, "Beischlafdiebstahl" und ähnliche Delikte an der Bremer "Küste" zu verhindern. Der Container war erfolgreicher   Bild:  Edition Temmen

BREMEN taz | Männerhände auf Frauenbrüsten sind ein beliebtes Bildmotiv. Offenbar drängt es sich geradezu auf, wenn man ein Buch über die Bremer "Küste" schreibt: So hieß die ebenso legendäre wie - in der früheren Bremer Geschichtsschreibung - unauffindbare Animiermeile im alten Waller Hafenquartier. Frauke Wilhelm hat ein solches Buch nun geschrieben und konnte dabei unter anderem auf das Fotoarchiv von Carla Bockholt zurückgreifen, deren Gewerbe offenbar irgendwo zwischen Porträtkunst und anderen Dienstleistungen angesiedelt war.

Wilhelms Arbeit ist ein herausragendes Beispiel für Oral History: Interviews mit drei Dutzend Zeitzeugen hat die Kulturwissenschaftlerin geführt, mit Prostituierten, Taxifahrern, Seeleuten und pensionierten Polizisten. Was sie über die "goldene Ära" der Kneipen zwischen Ende der 40er und Mitte der 70er erzählen, wirkt ungeschminkt, nostalgisch, schroff und wehmütig zugleich. Sicher: Hinter Werbungen wie "Neue Damen eingetroffen" verbirgt sich kein Euphemismus für "Menschenhandel". Aber gab es nicht auch damals brutale Zuhälterei? Romantisiert "Die Taschen waren voller Geld", so der Titel, das Rotlichtleben?

Nitribitt, Bremens Treff- und Beratungsstelle für Prostituierte, scheint diesbezüglich keine konkreten Bedenken zu haben: Der Verein war mit im Boot, als Wilhelm kürzlich zusammen mit einigen Künstlerkollegen für vier Tage das "Krokodil" kaperte und die Stimmung der alten Zeiten wieder aufleben ließ. Mitsamt Live-Interviews, Uralt-Entertainern - und Beratungsangeboten für die im Hafen verbliebenen Animierdamen, von denen es allerdings nur noch wenige gibt.

Wilhelm selber verweist auf die zumindest anfangs noch gegebene Selbstbestimmung der Frauen. Als 1947 das "Golden City" als erstes Etablissement eröffnete, seien es vielfach Trümmerfrauen gewesen, die dort ihr Auskommen fanden - und sich der aggressiven "Zurück an den Herd"-Moral verweigerten, mit der sie domestiziert werden sollten. Zudem habe es in den ersten zehn Jahren an der "Küste" noch keine Zuhälter gegeben. "Die Frauen erzählen schreckliche Geschichten", so Wilhelms Erfahrung, "und sagen direkt danach: Es war eine wunderschöne Zeit." Prostituiertenmorde dokumentiert ihr Buch ebenso wie den "Umgang mit Geschlechtskrankheiten".

Zwar ist "Die Taschen waren voller Geld" in erster Linie ein Zeitzeugenbuch, aber auch im Bremer Staatsarchiv hat Frauke Wilhelm Erhellendes aufgespürt. In einem Memorandum hielten etwa die Beamten der zuständigen Wache fest, dass den Betreibern der Hafenkneipen keinesfalls zu trauen sei: "Wenn man bedenkt, daß von der Wirtin des ersten Lokals ,Elefanten' (…) keinerlei Bedacht auf Moral, Anstand und Sittlichkeit genommen wurde", könne man erkennen, "daß der Grundstein des Vergnügungsviertels kein gesunder war". Dass die selben Beamten eben diesen Vergnügen durchaus nicht immer abgeneigt waren, hat Wilhelm durch die Befragung damals Beteiligter ebenfalls dokumentieren können: "Die haben alle gebumst, jeder Bulle da … Es sind auch nur Menschen, nech." Was wiederum die umfassende Expertise der Beamten erklären könnte: Der "Elefant", heißt es in einer Senatsvorlage des Polizeipräsidenten von 1953, sei "Gesprächsstoff" in allen Seemannskreisen, weit über die Meere hinaus".

Immer wieder bemühten sich die Behörden um eine Verlegung des Rotlichtviertels, um dessen Wildwuchs Einhalt zu gebieten - vergeblich. Doch was Sittenpolizei und Stadtplanung nicht gelang, schaffte der Container: Am 6. Mai 1966 wurde in Bremen die bundesweit erste blecherne Transportkiste an Land gehievt. Er fasste das Ladevolumen eines LKW oder Bahnwaggons, seine Entladung geht 20-mal schneller als Stückgut. Ohne Schiffs-Liegezeiten - heute zumeist unter einem Tag - kein Landgang. Und die Zahl der Hafenarbeiter nahm ebenfalls dramatisch ab.

Neben dem Fernseher, der sich in den 70ern durchsetzte und die Leute vom Tresen weg ins heimische Wohnzimmer zog, ist auch die Wirkung einer weiteren modernen Errungenschaft nicht zu unterschätzen: des Girokontos. Die Arbeiter bekamen ihr Geld nicht mehr bar auf die Hand - und die Ehefrauen erstmals einen Überblick über die Einnahmen ihrer Gatten. All das erschwerte aus Sicht der Männer das sorglose Geldausgeben erheblich. Was für die Familienfinanzen eine wichtige Entlastung bedeutete, wurde für das Vergnügungsviertel zum letzten Sargnagel: Ohne Landgang und Lohntüten war ihm das Lebenselixier abgeschnitten.

Fast wie ein historischer Treppenwitz mutet an, was dann 1978 zum faktischen Abriss einiger legendärer Hafenkneipen wie des "Arizona", "Mutti Weiss" oder der "Hummel-Koje" führte: Der Bau eines Hafenbahndamms, dessen Gleise nie mehr verlegt wurden. Er wurde ebenso Opfer der Containerisierung des Warenverkehrs wie die Kneipen, denen er überflüssigerweise den Platz wegnahm. Für die immer größer werdenden Containerschiff-Ungetüme wurden die Häfen in Bremen-Stadt unerreichbar, stattdessen wuchsen in Bremerhaven die Containerverlade-Flächen.

Apropos Hafenkonkurrenz: Die Hamburger kommen bei den Bremer Zeitzeugen nicht sehr gut weg. Vielfach tauchen sie in den Erinnerungen als finstere Gestalten auf, die sich das Bremer Geschäft auf ihre Art unter den Angel reißen wollen. Georg Hinrichs, ein Mitglied der "Küsten"-Familie, dichtete noch 1963: "St. Pauli Milieu und viel rotes Licht - doch St. Pauli-Nepp, den gibt es hier nicht."

Aus Hamburger Sicht ist die Faszination der jüngeren Bremer, die durch Fraukes Wilhelms Arbeit und Initiativen erstmals etwas davon ahnen können, dass hier tatsächlich "mal richtig was los war", möglicherweise ohnehin nicht ganz nachzuvollziehen. In Bremen jedoch speist sich die Rotlicht-Reanimations-Begeisterung aus dem selben Faszinosum, das den Ende der 90er Jahre zugeschütteten Überseehafen umgibt: Die Bilder des noch in den 60ern randvoll mit Schiffen aus aller Herren Länder gefüllten Becken muten angesichts der heute dort stehenden Edel-Gebäude unwirklich an, als ob sie aus tiefsten Schichten der Geschichte stammen. Aber werden nicht auch die vergangenen Hanse-Herrlichkeiten in einer Intensität zitiert und gefeiert, die nur aus ihrer Abwesenheit heraus erklärbar sind?

Wilhelm geht den umgekehrten Weg, sie will Präsenz schaffen und der Erinnerung einen Ort geben: Auch kommendes Jahr möchte sie mit Partnern wie Nitritbitt und der Arbeitnehmerkammer eine der früheren Hafenkneipen "bespielen". An deren Lebendigkeit, sagt Wilhelm, könne sich die sehr geleckte "Überseestadt", die derzeit um den zugeschütteten Hafen herum entsteht, durchaus eine Scheibe abschneiden.

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