EMtaz: Ukrainischer Autor Zhadan zur EM

„Von Fußballfieber keine Spur“

Der ukrainische Schriftsteller Serhij Zhadan über die EM in Zeiten des Krieges. Und warum die Gesellschaft seines Landes viel von der Fanbewegung lernen kann.

Pappfiguren und ein Soldat

Protest in Kiew gegen Russland als Austragungsort der Fußball-WM 2018 Foto: imago / Chumachenko

taz: Der Bundestrainer Jogi Löw hat vor dem Spiel Ukraine-Deutschland die ukrainische Mannschaft als gefährlich bezeichnet. Lag er damit richtig?

Serhij Zhadan: Das war ein spannendes Spiel! Streckenweise ziemlich anständig von den Ukrainern gemeistert. Ich hatte mit einem 0:3 gerechnet, also knapp daneben.

Ihre Prognose für die nächsten Spiele?

Ich denke, wir überstehen die Vorrunde.

Wie war Deutschland?

Bei aller Liebe zu Deutschland, wo ich oft und gern zu Besuch bin, und zu meinen vielen deutschen Freunden. Die deutsche Mannschaft zählt nicht zu meinen Favoriten. Der Sieg dieser Mannschaft ist in jedem Turnier sehr kalkulierbar und vorhersehbar.

Vor vier Jahren war die Ukrai­ne im Fußballfieber. Ist es jetzt ähnlich?

Von Fußballfieber keine Spur. Die Situation hat sich grundlegend geändert, denn das Land ist seit über zwei Jahren im Krieg. Aber ich finde, umso wichtiger wäre ein Erfolg unserer Mannschaft bei der EM. Das Land braucht dringend positive Erlebnisse. Die ukrainischen Kicker sind sich dessen sicher bewusst, sie geben sich größte Mühe.

41, bei Luhansk (Ostukraine) geboren, gehört zu den wichtigsten Stimmen der Ukraine. Die BBC kürte seinen Roman „Die ­Erfindung des Jazz im Donbass“ (Suhrkamp, 2012) zum „Buch des Jahrzehnts“.

Die Fußball-EM ist traditionell ein Riesensportfest, etwas, was die Menschen verbindet und zusammen feiern lässt. Ist das angesichts der Terrorgefahr in Frankreich überhaupt möglich?

Ich kann nur hoffen, dass die französische Gesellschaft imstande ist, sich trotz Sicherheitsbedenken für eine gute große Sache zu begeistern. Ja, Sport bringt die Menschen zusammen.

Aber auch viele, die auf Krawalle aus sind. Die französische Polizei hat am Montag aus den Hotelzimmern der russischen Fans Alkohol entfernen lassen. Werden solche Maßnahmen ausreichen, um neue Randale zu vermeiden?

Definitiv nicht. Solche „Fans“ soll man vor die Tür setzen. Wenn wir heute vor ihnen kuschen, werden sie morgen auf den Straßen Franzosen anfallen und sich beschweren, dass die ganze Welt gegen sie ist.

„Schachtjor“ aus Donezk ist nach Lemberg gezogen. Vor zwei Jahren haben ukrainische Fanclubs eine „Fan-Waffenruhe“ vereinbart. In den Fankurven ist die Ukraine einig und unteilbar. Vermag der Sport das, was die Politiker nicht schaffen?

Zweifelsohne! Die Fanbewegung ist ein sehr gutes Beispiel dafür, wie man künstliche Konflikte und künstliche Barrieren überwinden und sich für eine Idee begeistern kann. Der Rest der ukrainischen Gesellschaft kann bei den Fußballfans eine Menge abgucken, was Solidarität und gegenseitige Unterstützung betrifft.

Die ukrainische Nationalmannschaft tut sich schwer mit guten ukrainischen Spielern, die in der russischen Liga spielen. Wieso?

Man begegnet ihnen mit keiner besonderen Sympathie. Wir befinden uns im Krieg mit Russland. Russland ist ein Aggressor, der unsere Territorien okkupiert hat. Für dieses Land zu spielen ist unmoralisch.

Gibt es in der Ostukraine Fußballfans, die für die russische Mannschaft halten?

Ja, es gab immer schon welche, und es gibt sie auch jetzt. Ich weiß allerdings nicht, wie sie ihre Sympathien zum Ausdruck bringen.

Stehen Sie selbst auf russischen Fußball?

Von der russischen Nationalmannschaft habe ich nie viel gehalten. Das hat mit der heutigen politischen Situation gar nichts zu tun. Da dreht sich alles statt um den Ball um Statusfragen, Komplexe und Ambitionen.

Wer spielt guten Fußball?

Außer auf die Favoriten setze ich bei dieser EM auch auf ein paar „dunkle Pferdchen“, die für viel Wirbel sorgen könnten.

Und die wären?

Polen, Irland, die Ukraine …

Werden Sie zu der Fußball-WM 2018 nach Russland fahren?

Nur, wenn bis dahin der Krieg zu Ende ist und die russischen Okkupanten die Ukraine verlassen haben.

So ähnlich hat sich die Song-Contest-Siegerin Jamala im Bezug auf die Krim positioniert. Lässt sich die Ausstrahlungskraft des Eurovision Song Contests und der Fußball-EM vergleichen?

Der Song Contest ist ein bedeutungsloses Pop-Event, die EM eine ernste, wichtige Angelegenheit. Dennoch bin ich über Jamalas Sieg glücklich und finde es großartig, dass dieser Wettbewerb 2017 in der Ukraine ausgetragen wird.

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