Christian Petzolds neuer Spielfilm "Jerichow" ist ein Melodram: Laura ist mit dem älteren Ali nur des Geldes wegen verheiratet und beginnt eine Affäre mit dessen Angestellten Thomas.von CRISTINA NORD

"Mann kan sich nicht lieben, wenn man kein Geld hat": Laura alias Nina Hoss. Bild: dpa
Am späten Abend ist Ali betrunken. Seine Frau Laura und sein Angesteller Thomas bringen ihn zu Bett. Einen Augenblick später, im Flur, können die beiden nicht an sich halten, obwohl die Tür zum Schlafzimmer noch offen steht. Heimlich, unterdrückt, lautlos gerät ihre sexuelle Begegnung. Sie findet keine Erfüllung, sondern nur neuen Aufschub. Die Leidenschaft, die Anspannung werden plastisch, als Laura ihren Mund von Thomas' Handballen löst - darin eingeprägt sieht man, klar, rot und tief, den Abdruck ihrer Zähne.
"Jerichow" erzählt von einer Dreiecksgeschichte zwischen dem Gelegenheitsarbeiter Thomas (Benno Fürmann), dem türkischstämmigen Geschäftsmann Ali (Hilmi Sözer) und dessen Ehefrau Laura (Nina Hoss). Sie spielt in Mecklenburg-Vorpommern, setzt im Frühjahr mit den Bildern einer Beerdigung ein und endet im Hochsommer mit einer Totale: Schwarzer Qualm steigt hinter einer Steilklippe in den Himmel. Dazwischen entspannt sich ein Drama, wie man es aus Luchino Viscontis "Ossessione" (1943) oder aus Tay Garnetts "The Postman Always Rings Twice" (1947) kennen kann. Eine junge Frau ist mit einem älteren Mann des Geldes wegen verheiratet, ein mittelloser Drifter kommt des Weges, zwischen den beiden beginnt eine Affäre, ein Mordplan wird geschmiedet.
Geld und Gefühle sind in "Jerichow" untrennbar miteinander verbunden: ein Lieblingssujet des Melodrams. Eine undurchdringliche Frau wird von krimineller Energie getrieben: ein Lieblingssujet des Film Noir. Diese Kombination legt nahe, dass sich "Jerichow" in einer geschlossenen Kunstwelt bewegt, in einer Welt zweiter Ordnung, wo nichts dem Zufall überlassen ist und die Regeln des Genres über denen der Wirklichkeit stehen. Petzold verdichtet die hochartifizielle Erzählanordnung so sehr, dass nichts Unnötiges mehr übrig bleibt. Auf psychologische Erklärungen wird verzichtet, die Zahl der Schauplätze ist begrenzt, einem unscheinbaren Detail wie einem roten Feuerzeug kommt große Bedeutung zu, selbst wenn es nur zweimal im ganzen Film zu sehen ist.
Wegen seiner Neigung zur Sparsamkeit läuft Petzold bisweilen Gefahr, sich zu sehr auf Genremuster und Filmvorbilder zu verlassen. In einer Szene etwa sagt Laura:"Man kann sich nicht lieben, wenn man kein Geld hat." Der Satz ist wie das Destillat eines ganzen Dialogs, und in dieser reduzierten Form bewegt er sich nah am Klischee.
Petzold bannt die Gefahr, indem er das Geschehen immer wieder über genaue Gesten und Beobachtungen erdet, und er legt diese Gabe auch dort an den Tag, wo er Gesellschaftliches in den Blick nimmt. Wie sieht es in einem Arbeitsamt aus, das, mit Glück, Gelegenheitsjobs vermittelt, aber längst schon keine Festanstellungen mehr? Überraschend freundlich, licht und hell.
So gelingen Petzold Formen dichter Beschreibung - etwa wenn er sich einen sommerlichen Ernteeinsatz aus der Nähe anschaut. Benno Fürmanns Figur liegt auf einem Fahrzeug, das "Gurkenflieger" heißt. Ein Traktor in der Mitte, daran angebracht sind, Flügeln ähnlich, Liegeflächen, darauf wiederum befinden sich die Erntehelfer, eine Armlänge vom Boden entfernt. Während das Gefährt langsam das Feld durchmisst, tasten die Hände nach Gurken, reißen sie aus und legen sie auf ein Förderband. Die Köpfe der Erntehelfer ragen dabei über den Rand der Liegefläche hinaus. Weil Petzold diesen Prozess in mehreren Einstellungen einfängt, gewinnt man eine genaue Vorstellung von den Verspannungen und Schmerzen, die diese Haltung im Nacken und in den Schultern auslöst. Man sieht, was diese Arbeit kostet.
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