Politiker fast aller Fraktionen fordern Aus für die Wehrpflicht. Nun plädiert auch Außenminister Westerwelle für eine Freiwilligenarmee. Unions-Leute wollen das Ganze bremsen.von Karin Schädler
So, so. Herr Westerwelle möchte die Wehrpflicht abschaffen. So behauptet die taz vom 15. Juli auf Seite 1. Auf Seite 6 ist dann nur noch vom „Aussetzen der Wehrpflicht“ die Rede – unklar bleibt, ob das erste Wunschdenken der taz, eine Profilierungsprojekt von Herrn Westerwelle oder gar das Ergebnis einer grundsätzlichen Reflexion über eine freiheitliche Grundordnung in der FDP ist. Oder ob die zweite Variante bereits das realpolitische Zugehen auf den Koalitionspartner und insbesondere auf den Verteidigungsminister ist, der ja schon seit längerem für ein Aussetzen der Wehrpflicht wirbt. Aber das kann uns eigentlich egal sein, weil die Frage eh vollkommen die falsche ist. Es geht nicht darum, ob wir ein Wehrpflichtarmee oder ein Freiwilligenarmee brauchen. Es geht zuallererst immer um die Frage, ob wir überhaupt eine Armee brauchen. Und die ist, nachdem alle wesentlichen positiven Veränderungen der letzten Jahrzehnte (Sturz der Diktaturen in Europa in den Neunzigern des vorigen Jahrhunderts) von zivilen, gewaltfreien Bewegungen durchgesetzt wurden, militärische Apparate sich jedoch als unfähig erwiesen haben, Terroranschläge wie die in New York, Madrid und London zu verhindern, und erst recht daran scheitern, Länder wie den Irak oder Afghanistan zu demokratisieren oder auch nur oberflächlich zu befrieden, eigentlich eindeutig beantwortet: Nein, brauchen wir nicht. Ein besonders dümmliches Argument steuert daher laut taz eine Vertreterin der ehemals pazifistischen „Grünen“ bei: die „zivilen und militärischen Organisationen “ (letztere könnte man auch einfach „Bundeswehr“ nennen, was die Gefahr der Gleichsetzung oder gar Verwechselung mit einer Friedensorganisation doch entschieden verringern würde) sollten „attraktive Angebote“ machen. Etwa so: „Komm zu uns, reise in fremde Länder, triff interessante Menschen…mitten zwischen die Augen!“? Liebe Grüne, man darf ja – wenn man gute Gründe dafür hat - durchaus seine Meinung ändern. Wenn’s sein muss, auch in grundsätzlichen Fragen. Was man nicht darf, ist hinter den bereits einmal gewonnenen Stand der Erkenntnisse zurückfallen. Und das ist das, was Ihr als Organisation getan habt: Ihr seid schlicht hinter den in der Friedensforschung und –bewegung bereits in den achtziger Jahren erreichten Wissensstand zurückgefallen. Ihr ignoriert einfach alle Argumente gegen die Erfolgsmöglichkeiten bewaffneter Interventionen, die ihr damals noch gekannt und vertreten habt – und zwar obwohl es inzwischen deutlich mehr historische Belege für sie gibt. Also: Lasst uns die Bundeswehr abschaffen, nicht die Wehrpflicht. Danach können wir uns gerne darüber unterhalten, ob wir einen verbindlichen sozialen oder ökologischen Dienst für junge Menschen einführen wollen – in zivilen Organisationen und Aufgabenfeldern, wie es taz.de –Nutzer Holger App und andere vorschlagen.
Adam Wacht Ihren Kommentar hier eingeben
15.07.2010 12:15 Uhr
von Frank Nadermann:
Abschaffung der Wehrpflicht; Das hoert sich doch zunaechst sehr gut an. Ein zweiter Blick offenbart, dass damit nicht die Einstellung von Kriegshandlungen gemeint ist.
Grünen-Verteidigungsexpertin Agnieszka Malczak: "Stattdessen solle es eine Freiwilligenarmee geben. "Dann sind zivile und militärische Organisationen in der Pflicht, jungen Menschen ein attraktives Angebot zu machen", sagt Malczak. Die Zeit bei der Bundeswehr dürfe kein "Gammeldienst" mehr sein."
Im Gegenteil. "Menschenjagd" im Staatsauftrag als attraktives Angebot an junge Menschen, ohne bezahlte Feuerpausen und nachfolgende Versorgungsansprueche des waffenfuehrenden Personals. Da kommt man auch bei den Gruenen ins Schwaermen. Schluss mit der Gammelei; Fuer die blosse Anwesendheit waehrend des Wehrdienstes wird nicht mehr gezahlt!! Statt Gammelei zu finanzieren wird hier der Einsatz von Steuermitteln gereadzu vorbildlich von den Ergebnissen her betrachtet. Und gerecht ist es auch noch, wenn die in staatlichem Auftrag vollzogene Waffengewalt fuer die "Soeldner" nicht die deren Karriere behindert.
Dann ist ja alles in bester Ordnung. Knoecheltief im Blut stehend ist von Krieg nichts mehr zu sehen. Ein Traum fuer Regierungen. Ein Albtraum fuer die Opfer.
15.07.2010 02:18 Uhr
von Edelweiss:
Die Wehrplicht ist überholt, "die Russen sind nicht mehr an der Elbe". Als Ersatz für den Zivildienst wurde von dieser geliebten Bundesregierung die sog. "Bürgerarbeit" erfunden.
Freiwillige lassen sich leicher überrall hinschicken....wozu haben wir schließlich die vielen neuen A400M gekauft?
14.07.2010 22:59 Uhr
von Horst:
Die Wehrpflicht war schon immer ungerecht, schließlich wird sie in höchst sexisitischer Weise nur von einem Geschlecht abverlangt.
14.07.2010 18:53 Uhr
von El-Watschiri:
Wenn der Staat was will, soll er gefälligst nach Tarifvertrag bezahlen. Das gilt ja in anderen Bereichen auch und fördert den Gleichheitsgrundsatz. Keine zivile Sklavenarmee mehr im sozialen Bereich !
14.07.2010 17:29 Uhr
von jury_DD:
man könnte natürlich auch die eingesparten Mittel aus der Wehrpflicht nehmen und damit richtige Jobs im sozialen Sektor schaffen.
Wieso muss man denn als Sozialstaat darauf bauen, junge Menschen zum Zivildienst zu schicken um Personal für Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen etc. zu akquirieren. Es gibt sicherlich sehr viele Menschen - darunter auch der ein oder andere Erwerbslose - die die Arbeit mit Menschen sehr gerne machen würden. Insbesondere wenn sie damit auch einen sicheren und fair bezahlten Job haben.
Leserkommentare
15.07.2010 14:42 Uhr
von Adam Wacht:
So, so. Herr Westerwelle möchte die Wehrpflicht abschaffen. So behauptet die taz vom 15. Juli auf Seite 1. Auf Seite 6 ist dann nur noch vom „Aussetzen der Wehrpflicht“ die Rede – unklar bleibt, ob das erste Wunschdenken der taz, eine Profilierungsprojekt von Herrn Westerwelle oder gar das Ergebnis einer grundsätzlichen Reflexion über eine freiheitliche Grundordnung in der FDP ist. Oder ob die zweite Variante bereits das realpolitische Zugehen auf den Koalitionspartner und insbesondere auf den Verteidigungsminister ist, der ja schon seit längerem für ein Aussetzen der Wehrpflicht wirbt.
Aber das kann uns eigentlich egal sein, weil die Frage eh vollkommen die falsche ist. Es geht nicht darum, ob wir ein Wehrpflichtarmee oder ein Freiwilligenarmee brauchen. Es geht zuallererst immer um die Frage, ob wir überhaupt eine Armee brauchen. Und die ist, nachdem alle wesentlichen positiven Veränderungen der letzten Jahrzehnte (Sturz der Diktaturen in Europa in den Neunzigern des vorigen Jahrhunderts) von zivilen, gewaltfreien Bewegungen durchgesetzt wurden, militärische Apparate sich jedoch als unfähig erwiesen haben, Terroranschläge wie die in New York, Madrid und London zu verhindern, und erst recht daran scheitern, Länder wie den Irak oder Afghanistan zu demokratisieren oder auch nur oberflächlich zu befrieden, eigentlich eindeutig beantwortet: Nein, brauchen wir nicht.
Ein besonders dümmliches Argument steuert daher laut taz eine Vertreterin der ehemals pazifistischen „Grünen“ bei: die „zivilen und militärischen Organisationen “ (letztere könnte man auch einfach „Bundeswehr“ nennen, was die Gefahr der Gleichsetzung oder gar Verwechselung mit einer Friedensorganisation doch entschieden verringern würde) sollten „attraktive Angebote“ machen. Etwa so: „Komm zu uns, reise in fremde Länder, triff interessante Menschen…mitten zwischen die Augen!“?
Liebe Grüne, man darf ja – wenn man gute Gründe dafür hat - durchaus seine Meinung ändern. Wenn’s sein muss, auch in grundsätzlichen Fragen. Was man nicht darf, ist hinter den bereits einmal gewonnenen Stand der Erkenntnisse zurückfallen. Und das ist das, was Ihr als Organisation getan habt: Ihr seid schlicht hinter den in der Friedensforschung und –bewegung bereits in den achtziger Jahren erreichten Wissensstand zurückgefallen. Ihr ignoriert einfach alle Argumente gegen die Erfolgsmöglichkeiten bewaffneter Interventionen, die ihr damals noch gekannt und vertreten habt – und zwar obwohl es inzwischen deutlich mehr historische Belege für sie gibt.
Also: Lasst uns die Bundeswehr abschaffen, nicht die Wehrpflicht. Danach können wir uns gerne darüber unterhalten, ob wir einen verbindlichen sozialen oder ökologischen Dienst für junge Menschen einführen wollen – in zivilen Organisationen und Aufgabenfeldern, wie es taz.de –Nutzer Holger App und andere vorschlagen.
Adam Wacht
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15.07.2010 12:15 Uhr
von Frank Nadermann:
Abschaffung der Wehrpflicht; Das hoert sich doch zunaechst sehr gut an. Ein zweiter Blick offenbart, dass damit nicht die Einstellung von Kriegshandlungen gemeint ist.
Grünen-Verteidigungsexpertin Agnieszka Malczak: "Stattdessen solle es eine Freiwilligenarmee geben. "Dann sind zivile und militärische Organisationen in der Pflicht, jungen Menschen ein attraktives Angebot zu machen", sagt Malczak. Die Zeit bei der Bundeswehr dürfe kein "Gammeldienst" mehr sein."
Im Gegenteil. "Menschenjagd" im Staatsauftrag als attraktives Angebot an junge Menschen, ohne bezahlte Feuerpausen und nachfolgende Versorgungsansprueche des waffenfuehrenden Personals. Da kommt man auch bei den Gruenen ins Schwaermen.
Schluss mit der Gammelei; Fuer die blosse Anwesendheit waehrend des Wehrdienstes wird nicht mehr gezahlt!!
Statt Gammelei zu finanzieren wird hier der Einsatz von Steuermitteln gereadzu vorbildlich von den Ergebnissen her betrachtet. Und gerecht ist es auch noch, wenn die in staatlichem Auftrag vollzogene Waffengewalt fuer die "Soeldner" nicht die deren Karriere behindert.
Dann ist ja alles in bester Ordnung.
Knoecheltief im Blut stehend ist von Krieg nichts mehr zu sehen. Ein Traum fuer Regierungen. Ein Albtraum fuer die Opfer.
15.07.2010 02:18 Uhr
von Edelweiss:
Die Wehrplicht ist überholt, "die Russen sind nicht mehr an der Elbe". Als Ersatz für den Zivildienst wurde von dieser geliebten Bundesregierung die sog. "Bürgerarbeit" erfunden.
Freiwillige lassen sich leicher überrall hinschicken....wozu haben wir schließlich die vielen neuen A400M gekauft?
14.07.2010 22:59 Uhr
von Horst:
Die Wehrpflicht war schon immer ungerecht, schließlich wird sie in höchst sexisitischer Weise nur von einem Geschlecht abverlangt.
14.07.2010 18:53 Uhr
von El-Watschiri:
Wenn der Staat was will, soll er gefälligst nach Tarifvertrag bezahlen. Das gilt ja in anderen Bereichen auch und fördert den Gleichheitsgrundsatz. Keine zivile Sklavenarmee mehr im sozialen Bereich !
14.07.2010 17:29 Uhr
von jury_DD:
man könnte natürlich auch die eingesparten Mittel aus der Wehrpflicht nehmen und damit richtige Jobs im sozialen Sektor schaffen.
Wieso muss man denn als Sozialstaat darauf bauen, junge Menschen zum Zivildienst zu schicken um Personal für Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen etc. zu akquirieren. Es gibt sicherlich sehr viele Menschen - darunter auch der ein oder andere Erwerbslose - die die Arbeit mit Menschen sehr gerne machen würden. Insbesondere wenn sie damit auch einen sicheren und fair bezahlten Job haben.