Die taz-Wertung zum Eurovision Song Contest

May We Have Your Votes, Please!

Samstag um 21 Uhr beginnt in Oslo der 55. Eurovision Song Contest. 25 Länder haben das Finale erreicht. Wer gewinnt? Die Tipps unserer Experten.von IVOR LYTTLE & JAN FEDDERSEN

Lena Meyer-Landrut hat das Finale in der Telenor-Arena von Baerum bei Oslo nicht live verfolgt - sie wollte sich ein wenig Schlaf gönnen.  Bild:  dpa

Aserbaidschan – Safura: Drip Drop. Hymne auf die Foltermethoden, die in diesem Ölscheichtum beliebt waren – gern exekutiert an ArmenierInnen. Tragödische Ballade einer siegesbereiten Dame. Unfassbar blöde, dieses Lied. 4 Punkte.

Spanien – Daniel Diges: Algo pequenito. Ein Walzerlein, Roncallipop, eine Niedlichkeit mit zirzensischem Personal und einem Sänger, der einen der feinsten Ohrwürmer des Abends serviert. Erschliesst sich leider erst beim dritten Hören, deshalb landet er wohl nur im Mittelfeld. 3 Punkte.

Norwegen – Didrik Solli-Tango: My Heart Is Yours. Was hat der für eine Stimme – irgendwie operntauglich, auf jeden Fall brettert er eine Schnulze hin, die mächtiger kaum zu röhren ist. Paul Potts wirkt gegen ihn wie ästhetischer Hänfling. Das endet ganz weit oben! 7 Punkte.

Moldawien – Sun Stroke Project & Olia Tira: Runaway. Hysterisches Geschnatter einer Weltmusikkapelle mit einer bewährten Schlagerkraft des Landes. Das Lied geht schon nach massvollen 21 Sekunden auf die Nerven: Sie singen sich alle an, und man weiss nicht, warum sie sich so aufregen. Hinteres Mittelfeld. 2 Punkte.

Zypern – Jon Lilygreen & The Islanders: Life Looks Better in Spring. Sanftes Liedermachertum eines Walisers, den es nach Nikosia verschlagen hat. Feine Nummer, konservativ in der Performativ, besinnlich als solches. Könnte ein vorderer Platz werden. 6 Punkte.

Bosnien & Herzegowina – Vukasin Brajic: Thunder and Lightning. Pompöser Act, der sich wie Erbschleicherei in Sachen U2 ausnimmt. Hübsch das Arrangement, wuchtig der Auftritt des Sängers. Einziger Balkanbeitrag, der sich  auf slawisches Hop-Hop-Hop-Gefiedel nicht verlassen möchte. 5 Punkte.

Belgien – Tom Dice: Me & My Guitar. Steht auf der Bühne, keine Choristinnen im Hintergrund, eine Gitarre nur in der Hand – und war prompt ins Finale gewæhlt. Geheimtipp fuer das ganz grosse Ding. Belgien hat mit ihm erstmals seit einem halben Jahrzehnt den Sprung ins Finale gepackt. 9 Punkte.

Serbien – Milan Stankovic: Ove je Balkan. Eine männliche Barbie, die einen blonden Schnitt mit Guillotinenponz wie Sue Ellen trägt – sehr schwungvolles Liedlein aus der Feder Goran Bregovic. Kann sich sehr weit nach vorn hoppeln. 8 Punkte.

Weissrussland – 3 + 2: Butterflies. Klingt wie aus der Massenkonfektion Ralph Siegels, stammt aber nicht vom Münchner Tonsetzer. Eine stille Wir-wollen-Frieden-haben-Hymne einer Formation, die leicht an eine Schultheatergruppe erinnert – der Schmetterlinge wegen, die die Damen auf ihren Rücken entfalten. Unverschämtheit! 4 Punkte.

Irland – Niamh Kavanagh: It's For You. Die Siegerin des Jahres 1993 in einem violetten Traumkleid – sie hat das Performen einfach drauf. Titanic-Soundtrack reloaded! Prima Platz darf erwartet werden. 8 Punkte.

Griechenland – Giorgos Alkaios & Friends: OPA. Das Lied zur Krise in der Gefolgschaft von Alexis Zorbas – ein trillerndes, rhythmisch aus den Fugen geratenes Stück, als müsste die Staatskrise mit manischen Aufschreien beantwortet werden. 6 Punkte.

Grossbritannien – Josh Dubovie: That Sounds Good To Me. Stock und Aitkan ohne Waterman, das Trio, das Rick Astley zu Hits verhalf, ist hier am Werk gewesen. Er singt prima, aber man merkt ihm an, dass er sein Handwerk auf Kaufhausrolltreppen mit Haarbürste mit innerem Karaoke gelernt hat. Aspirant auf den allerletzten Platz. 3 Punkte.

Georgien – Sofia Nizharadze: Shine. Kreischige Nummer, bei der die Chanteuse mit ihren BühnenpartnerInnen turnt und stöckelt, dass es nur so wie Revuekunst aussieht. Langt für Plätze im höchsten Bereich. 8 Punkte.

Türkei – maNga: We Could Be The Same. Die Herren baden in grellen Computer- und Monstereffekten. Werden sie die Lordis dieser Saison? Dürfen sich natürlich sowieso auf türkische Migrationsvoten verlassen. 6 Punkte.

Albanien – Juliana Pasha: It's All About You. Die Dancing Queen dieser Eurovisionsspielzeit, eine Chanteuse, die mit Fug und Recht angibt, in Rihanna und Britney Spears Vorbilder erkannt zu haben. Könnte dank migrantischer Voten im vorderen Teil landen. 4 Punkte.

Island – Hera Björk: Je ne sais quoi. Wuchtbrumme dieses Abends, die ein zeltförmiges, boudoirrotes Kleid trägt – mit einer Disconummer, die zwar aus der Massenproduktion zu stammen scheint, aber durch diese Isländerin zur Edelware gemacht wird. Man stre sich nicht an ihren harten Gesichtszügen! 4 Punkte.

Ukraine – Aljoscha: Sweet People. Dreiminütiges Trillern und Trallern zugunsten der Menschenrechte und gegen die Ignoranz der westlichen Welt in Sachen Tschernobyl, die Promotexte aus Kiew recht verstanden. Gut gemeint, nur das. 2 Punkte.

Frankreich – Jessy Matador: Allez Olla Ole Tout le Monde! Der erste Afrikaner, der für Frankreich singt – ein Mann aus Kinshasa, der das Schlachtlied zur anstehenden WM formuliert. Manche sagen: Das Ding nervt, andere fangen an zu tanzen. 3 Punkte.

Rumänien – Paula Seling & Ovi: Playing With Fire. Lynsey de Paul & Mike Moran könnten ihre Idole sein – zwei KünstlerInnen an Klavieren, der Schlager des Abends, mit Verve vorgetragen, aber letztlich blutleer. Mittelfeldkandidaten. 4 Punkte.

Russland - Peter Nalitsch & Friends:Lost and Forgotton. Er wird von Neonazis in seiner Heimat gehasst, weil er Jude ist. Das allein ist noch kein Grund, ihn zu wertschätzen. Allein: Seine Komposition, wie er selbst Favorit der Internetcommunity, entstammt bester russischer Liedermachertradition. Minuspunkte für die Frisur, Mittelfeldkandidat. 6 Punkte.

Armenien – Eva Rivas: Apricot Stone. Eine berückende Hymne auf die Kunst, aus Aprikosensteinen Marmeladenholzgläser zu basteln. Schwungvoll, körperlich, drastisch. 9 Punkte - Spitzenplatz wahrscheinlich.

Deutschland – Lena: Satellite. Das deutsche Frauenwunder mit Mentor Stefan Raab als Guardian Angel. Die besondere Liedhaftigkeit des Abends. Mitfavorisiert und schillernd. 8 Punkte.

Portugal – Filipa Azevedo: Ha dias assim. Eine junge Portugiesin, die ein Timbre hat, das sich mit denen von Rihanna und Alicia Keys messen lassen kann. Fadomelancholie der gepflegtesten Sorte, und das am Rande eines wuchtigen Flügels. Gäbe es Gerechtigkeit, landete Portugal auf Platz 5 – so gut war das Land nämlich noch nie. 8 Punkte.

Israel – Harel Skaat: Milim. Aufgequalmte Schnulze nach Kibbuzimart. Klingt wie die Vorlage für eine Nationalhymne Palästinas, schön gesungen durch einen makellos jungen Mann. Kann vorne landen. 7 Punkte.

Dänemark – Chanée & N'evergreen: In A Moment Like This. Das ist der Sound, der von Abba gelernt hat, bei Bonnie Tyler vieles abgeguckt hat – und keine Angst vor Windmaschinen hat. Malus: Der Sänger guckt so kalt und desinteressiert – das könnte die Illusion der Zweisamkeit beeinträchtigen. Das Duo wird sich wacker schlagen. 8 Punkte.

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Das Wertungssystem: Die Länder duerfen sich selbst keine Punkte geben. Mitstimmen können alle am Dienstag und Donnerstag in den beiden Halbfinalen ausgeschiedenen ESC-Nationen. Die Länderwertungen setzen sich zur Hälfte aus den Voten einer jeweiligen Fachjury und zur anderen Hälfte aus den Publikumsanrufen und SMS-Mitteilungen im Televoting zusammen. Kommt es in einem Land zu einem Gleichstand, weil Jury und Televoting anders ausfielen, hat das Resultat des Publikums den Vorrang. Haben zwei Länder am Ende des Abends gleich viele Punkte, gewinnt, welches von beiden aus mehr Nationen Punkte erhalten haben. Die Wetten stehen nach wie vor günstig für die Deutsche Lena Meyer-Landrut. Mit ihr hoch gehandelt werden Aserbaidschan und Dänemark. Von den 25 Ländern zählen 14 zu den klassischen Grand-Prix-Ländern, 11 zum ehemaligen Ostblock.

Stilistische Trends: In dieser Saison tragen viele SängerInnen Strass auf ihren Textilien; die Hälfte der Acts arbeitet mit Pyroelementen, in die vor die Bühne installierte Windmaschine stellen sich zwei Drittel der Performenden. Wer Schweden vermisst: Das Land, das der Welt Abba schenkte, ist erstmals in der ESC-Geschichte unfreiwlligerweise nicht Teil des Finales – dessen Interpretin Anna Bergendahl schied im Halbfinale am Donnerstag aus.

Ihr im Alanis-Morissette-Style vorgetragenes Lied "This Is My Life" fand keine Gnade bei den anderen 16 Ländern, die am zweiten Halbfinale teilhatten. Sie schaffte die Qualifikation in die Endrunde ebensowenig wie die Niederländerin Sieneke, die den von Vader Abraham komponierten Song "Ick bin verlieft" vergebens zur gefälligen Abstimmung stellte. Ihr Lied, der Versuch der Renaissance des klassischen holländischen Drehorgelschlagers, scheiterte - ebenso wie Michael von der Heide aus der Schweiz, der im goldenen Anzug und einem Chanson über fallenden Regen zu den Verlierern gehörte.

Lena Meyer-Landrut hat die Halbfinals in der Telenor-Arena von Baerum bei Oslo nicht live verfolgt. Sie wollte sich stets ein wenig Schlaf gönnen und außerdem Auftritte bei Stefan Raabs "TV Total" wahrnehmen.

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