Die Wahrheit

Tätowier mir! Oder ich stech dir!

Der neueste Trend der Schlichtbilder bei Tattoos schließt den Kreis zu den Anfängen der Körpermalerei.

Die amerikanische Tattoo-Hochspringerin Inika McPherson Foto: Anton Denisov/Sputnik/picture alliance

Ist spontanes Stechen bald ein Verbrechen? Das könnte durchaus demnächst der Fall sein, würden die Forderungen der CDU-Abgeordneten Gitta Connemann umgesetzt werden. Sie verlangt, dass vor jeder Tätowierung ein Beratungsgespräch stattfinden soll und dass der Tätowierer erst nach einer gebührenden Bedenkzeit des Kunden loslegen soll.

Eine ohnehin vernünftige Forderung, bedenkt man, wie viele ästhetische Verbrechen uns unschuldigen Betrachtern misslungener Tattoos erspart blieben. Allein in Berlin wird in 2.000 Studios auf die tätowierfreudige Klientel eingestochen. Zwölf Millionen Menschen sollen in Deutschland tätowiert sein, die Uni Leipzig spricht sogar von sechzehn Millionen. Wahrscheinlich legt sie die Anzahl der Tätowierten in ihrer Mensa zugrunde. Jedenfalls verwundert die Schätzung nicht, denn im Osten sollen 41 Prozent der jungen Leute ein Tattoo spazieren tragen. Da wächst unbemerkt mitten in Deutschland eine piktografische Parallelgesellschaft heran!

Wie gut, dass die Europäische Union dem ungehinderten Spontanstechen jetzt entschlossen entgegentritt. Als erste Maßnahme verfügte sie eine dreiwöchige Rücknahmeverpflichtung für frisch gestochene Tätowierungen. Das bedeutet im Klartext, dass ein Studio-Stecher drei Wochen lang verpflichtet ist, unentgeltlich jegliche neue Tätowierung zurückzunehmen. Aber wie soll das gehen?

Rückwärts stechen

Jede Tätowiermaschine sticht mit 800 bis 7.500 Nadelstichen pro Minute Farbpigmente unter die Haut der unbedarften Kunden. Besinnt sich dieser und verlangt die sofortige Entfernung, müsste der Tätowierer „rückwärts stechen“, wie wir Fachleute sagen. Die Maschine holt dann jedes Pigment wieder dort ab, wo es hingestochen wurde. Das klingt kompliziert, ist in Wirklichkeit aber noch komplizierter und tut – aua, aua – richtig weh. Doch gerade das will der Gestochene offenbar.

Bislang konnte jeder gewöhnliche Mensch Tätowierer werden, es genügte, ein Tätowier-Set im Tätowierbedarfsladen zu kaufen, einen Stuhl ins Fenster zu stellen und auf die Schaufensterscheibe „Studio Scharfer Stecher“ zu pinseln – und fertig war das Tätowierstudio! Das soll jetzt offenbar anders werden, die Brüsseler Behörden verlangen in Zukunft vom professionellen Tätowierer ein mindestens drei Semester langes Psychologie-Studium, einen Gesellenbrief des Malerhandwerks und einen erfolgreich bestandenen Erste-Hilfe-Kurs. Dazu muss das Gutachten eines Orthopäden vorliegen, das nachweist, dass der Aspirant tremor-, aber nicht humorlos ist. Mit diesem Verordnungspaket hofft die EU endlich den Wildwuchs der Tätowierszene in den Griff zu bekommen.

Trivialitäten des Alltags

Bezeichnend dafür sind auch die neuen ästhetischen Verirrungen. Vorneweg der schwer angesagte „Ignorant Style“, der die Trivialitäten des Alltags unbefangen in die Haut tackert. Die Motive wie Teebeutel, Käsereiben, Kleiderbügel, Gurken und fette Fritten sind eher schlicht und sollen geradewegs zu einer neuen Schlichtheit im Denken führen. Das klappt meist auch, nur sieht es scheiße aus.

Mit den neuen einfachen Motiven schließt sich ein Kreis. Schon die grobschlächtigen, mit dem Kugelschreiber ausgeführten Knast-Tätowierungen und die schlichten Herz-Anker-Frauennamen-Sticheleien der Matrosen atmeten den Zauber des Selbstgemachten. Jetzt kommt häufig noch der Zauber des Skurrilen dazu: Die Jeans­tasche mit Reißverschluss auf einer Pobacke etwa. Aber auch das ist nichts Neues.

Als im Jahr 1998 der Mörder Dieter Jahn aus dem Knast ausbrach, wurde nach ihm mit folgenden Angaben gefahndet: Der Gesuchte trägt zwei Tätowierungen – eine Rose auf der Wade und ein Auge auf dem Penis. Jahn soll dann auf der Toi-lette einer Autobahnraststätte erkannt und gefasst worden sein. Da hätte eine Bedenkzeit vor der Tätowierung geholfen!

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