Die Wahrheit

Kurt und ich

Ein Leben lang war einer neben mir. Ein aufwühlender Bericht von einem für mich unsichtbaren Begleiter, den alle anderen sehen konnten.

Ich muss ungefähr drei Jahre alt gewesen sein, als mein imaginärer Freund plötzlich im Kindergarten auftauchte. Na, das war ein Hallo! Alle anderen Kinder und sogar die Kindergartentanten sprangen aufgeregt auf und ab, klatschten in die Hände und bejubelten einen gewissen Kurt, der sich angeblich in meiner Begleitung befand. Ich war völlig verwirrt, denn ich hatte mir bisher nur ein weißes Pferd namens Pik Bube vorgestellt, von dem ich aber wusste, dass es lediglich in meiner Vorstellung existierte. Dieser Kurt jedoch war mir fremd, und ich konnte ihn auch nicht sehen. Alle anderen aber schon. Ich konnte also alle anderen sehen, und alle anderen konnten Kurt sehen.

Kurt hier, Kurt da – alles drehte sich stets um Kurt. Kurt war der Beste beim Bauklötze stapeln, er konnte singen wie Orpheus, malen wie Picasso (was ich übrigens auch konnte) und er hatte wohl stets ein nettes Wort für unsere Mitkindergartenkinder. Einmal soll er sogar einen Maikäfer gefangen und allen gezeigt haben – nur mir nicht. Ich lernte, den angeblichen Kurt zu ignorieren.

Die Kindergartenjahre gingen vorüber, dann kam ich in die Schule – und schon wurde Kurt wieder präsent. Die Lehrerin begrüßte mich beim Aufzählen der Namen mit „Corinna & Kurt“, was mich nervte, aber ich meckerte nicht gleich herum, weil ich nicht von Anfang an ein Außenseiter sein wollte. Ich hatte Kurt ja noch nie gesehen und glaubte auch nicht an ihn! Aber alle anderen sahen Kurt. Deshalb blieb auch der Platz in der Schulbank neben mir immer frei. Denn dort saß wohl Kurt, der – wenn man den anderen glauben wollte – diesen Platz für sich beanspruchte.

Auch auf dem Schulhof stand ich immer allein herum, weil die übrigen Kinder mich komisch fanden, da ich Kurt verleugnete. Kurt warf derweil lustig mit den anderen Steine auf die Turnhallenlaternen.

Die Jahre vergingen und vergingen, und ich wäre fast durch das Abitur gefallen, weil Kurt irgendwo abgeschrieben haben soll. So genau ließ sich das nie klären. Ich fing jedenfalls an zu überlegen, wie Kurt wohl aussähe. Ich stellte mir eine Mischung aus Georg Gänswein und Johnny Depp vor, aber diejenigen, die Kurt sahen, behaupteten, er sähe eher aus wie eine Mischung aus Klaus Kinski und Stephen Hawking.

Aus meinem ersten Bewerbungsgespräch bin ich achtkantig hinausgeflogen. Ich nehme an, dass Kurt dafür verantwortlich war. Der Betriebsleiter redete anschließend kein Wort mehr mit mir. Jetzt wollte ich Kurt endlich auch sehen, es war schon sehr gemein von ihm, dass er sich mir nie zeigte. Aber ich hatte nicht den Hauch einer Idee, wie ich ihm eine Falle stellen könnte. Ich versuchte es mit geheimen Spiegeln, Infrarotkameras und Stolperdrähten, ich versprach sogar einem Geheimdetektiv Geld – alles ohne Erfolg.

Draußen vor der Tür steht gerade ein trommelnder Schützenverein, der einen Fahnenschlag für Kurt machen möchte. Ach, was soll’s? Während er den Fahnenschlag genießt, hau ich einfach ab! Vielleicht findet Kurt mich auf Haiti ja nicht!

Die Wahrheit auf taz.de

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Jahrgang 1966, studierte Germanistik, Geschichte und Politik an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Neben dem Studium jobbte sie in verschiedenen Bereichen am Wolfgang Borchert Theater und war Mitarbeiterin des legendären Fanzines Luke & Trooke. Von 2000 bis 2013 war sie Wahrheit-Redakteurin. Dort schrieb sie 95,73% der Kurzgeschichten im Wetterkasten.

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