Die Wahrheit

Seit Jahrzehnten scheinfrei

Ein Deutscher fährt 28 Jahre lang ohne Lappen. In Irland, wo Fahrstunden und Theorie nicht vorgeschrieben sind, macht er seinen Führerschein.

Wolfgang Lummer hat jetzt wieder Führerschein. Er musste mit Mitte 60 eine Fahrprüfung ablegen. In Irland. Dabei hatte er früher einen Schein besessen, aber das ist lange her. Er war damals der Polizei in München aufgefallen, weil er Schlangenlinien gefahren war. Die Beamten nahmen ihn mit aufs Revier.

Dort musste er die üblichen Übungen machen: geradeaus auf einer Linie laufen, mit geschlossenen Augen die Nase berühren und dergleichen. Lummer absolvierte alles mit Bravour, sodass die Polizisten ihm den Führerschein zurückgaben. Aber sie hatten zuvor eine Blutprobe genommen, und die Zeitbombe tickte. Das Ergebnis: 2,2 Promille. Drei Monate konnte er sich vor den Polizisten verstecken, doch eines Tages lauerten sie ihm auf.

Als er den Führerschein nach zwei Jahren wieder abholen wollte, erfuhr er zu seinem Entsetzen, dass die Frist verstrichen war. Die Zeit zählte ab der Verurteilung, und nicht ab dem Tag, an dem ihm die Beamten den Schein weggenommen hatten. So musste er eine neue Prüfung ablegen. Er schaffte eine Doppelstunde Theorie mit 20 pickligen Anwärtern. Danach gab er auf.

So fuhr er 28 Jahre ohne Führerschein, und es gab nur drei brenzlige Situationen. Einmal geriet er auf der Autobahn in eine Kontrolle und reichte den Beamten den Führerschein seiner Frau. Als der Polizist das monierte, beschimpfte Lummer lautstark seine Frau auf dem Beifahrersitz, weil sie den falschen Führerschein eingesteckt hätte. Schließlich bekam der Polizist Mitleid mit der Gattin und ließ Lummer weiterfahren.

Beim nächsten Zwischenfall fuhr ihm jemand hinten ins Auto. Es war ein Polizist in Zivil mit seinem Privatauto, und er drohte, seine Kollegen zu holen, die Lummer sicher die Schuld geben würden. Okay, log Lummer, er habe eine gute Rechtsschutzversicherung, und man werde sich vor Gericht wiedersehen. Der Polizist lenkte daraufhin ein: „Na, lassen wir die Sache auf sich beruhen.“

Vor einigen Jahren, Lummer war inzwischen geschieden, zog er nach Irland um, und auch hier geriet er in eine Verkehrskontrolle. Die Beamten gaben ihm zehn Tage Zeit, den Führerschein auf einem Polizeirevier vorzulegen, genaueres stehe in dem Bescheid, der ihm zugehen werde. Der war jedoch an Wolfgang Ludwig – Lummers zweiten Vornamen – adressiert. Er schickte das Schreiben mit dem Vermerk „Empfänger unbekannt“ zurück und hörte nie wieder etwas von der Sache.

Lummers zweite Frau wollte mit einer Verkehrsdeliktserie aber nichts zu tun haben und ließ ihn nicht mit dem auf ihren Namen zugelassenen Wagen fahren. Er musste notgedrungen eine Fahrprüfung ablegen. In Irland sind dafür keine Fahrstunden und kein Theorieunterricht vorgeschrieben. So bekam er doch noch einen Führerschein. Aber weil er nun als Anfänger gilt, zahlt er eine astronomische Versicherungsprämie. Der Versicherungsmakler riet ihm davon ab, eine eidesstattliche Erklärung abzugeben, dass er 28 Jahre unfallfrei, aber ohne Führerschein gefahren sei.

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Geboren 1954 in Berlin. 1976 bis 1977 Aufenthalt in Belfast als Deutschlehrer. 1984 nach 22 Semestern Studium an der Freien Universität Berlin Diplom als Wirtschaftspädagoge ohne Aussicht auf einen Job. Deshalb 1985 Umzug nach Dublin und erste Versuche als Irland-Korrespondent für die taz, zwei Jahre später auch für Großbritannien zuständig. Und dabei ist es bisher geblieben. Verfasser unzähliger Bücher und Reiseführer über Irland, England und Schottland. U.a.: „Irland. Tückische Insel“, „In Schlucken zwei Spechte“ (mit Harry Rowohlt), „Nichts gegen Iren“, „Der gläserne Trinker“, "Türzwerge schlägt man nicht" (alle Edition Tiamat), „Dublin Blues“ (Rotbuch), "Mein Irland" (Mare) etc.

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