Die Wahrheit

Per Achterbahn durchs Reihenhaus

Erkebniswelt Großburgwedel: Bettina und Christian Wulffs Leben und Wirken kann jetzt im ganz privaten Rahmen besichtigt werden.

Foto: Kittihawk

„Was freue ich mich, dass Sie da sind“, lacht Bettina Wulff, deutet einen Knicks und einen Kuss an und macht auf dem Absatz kehrt, um den Postboten in ihr Haus zu führen. Wenig später kommt sie erneut heraus und bittet nun auch uns herein. Zweimal täglich dürfen Journalisten, Fotografen und Katastrophentouristen an einer Führung durch die Wulff-Finca teilnehmen, um das wiedergewonnene Eheglück der Bettina Wulff zu bestaunen. Eine Geste der Zuversicht, der Nähe, der Öffnung in Richtung Zukunft und Richtung Hausflur.

Man kann nicht sagen, dass die beiden bescheidener geworden sind. Fenster lassen Licht in das zum Teil mehrstöckige Gebäude, in vielen Zimmern stehen echte Möbel, fachmännisch verfugte Wände isolieren die Insassen von der Außenwelt. Eine gewisse Volkstümlichkeit haben die Wulffs sich allerdings bewahrt. Wieder ist ihr Domizil ein solide verglastes Reihenmittelhaus, in einem Gewerbegebiet nahe Großburgwedel. Aus Sicherheitsgründen steht es allerdings allein, auf einem mit Stacheldraht umflorten Mehrzweckgrundstück mit angeschlossenem Campingplatz.

Doch Geheimniskrämerei wird bei den Wulffs nicht länger geduldet: Ein großes, beleuchtetes Schild „WULFF-WORLD“ schwebt über dem Eingang; ein Souvenirshop mit Wulff-Merchandise rundet das Bild ab. Hier können Vuvuzelas, Spaß-Handys, Bobby-Cars und handgenähte Jammerlappen mit dem Bettina-Wulff-Logo erworben werden. Auch der härteste Kritiker muss neidlos anerkennen: Hier leben die Wulffs, fürwahr.

Nachdem wir die Security passiert haben und unsere Brieftaschen auf potenziell gefährliche Summen kontrolliert wurden, betreten wir das in festlichen Beigetönen gehaltene Wohnzimmer. Sessel laden zum Verweilen ein, der Kamin blubbert aufgeregt vor sich hin. Eine Hostess serviert Kaffee, Likör und Kaffeelikör, ein Beamer strahlt Fotos aus dem aufregenden Leben Bettina Wulffs an die Wand.

„Das ist die Info-Lounge, beziehungsweise der Lobby-Point unseres Hospitality-Centers“, erklärt Bettina Wulff. „Hier spüren die Gäste, dass noch alles in Ordnung ist und die bürgerlichen Zusammenhänge stimmen. Dadurch wird die wilde Fahrt abwärts nur um so geiler!“

Immer noch festlich gestimmt

Sie verweist auf die Porträtreihe, berühmte Bundespräsidenten aus sieben Jahrzehnten und zwölf Ländern. Die fingerfarbenfrohen Werke sind zum Teil noch feucht. „Malt der Chrissy alle selbst“, fügt sie stolz hinzu, „in der Kunsttherapie.“ Abends wird dieser Teil der Casa Wulff festlich: „Gegen kleines Geld richten wir hier Konferenzen, Kindergeburtstage oder ganze Swinger-Parties aus. Geht nicht, gibt‘s bei uns nicht!“

Wie die beiden nach derschmerzhaften Trennung wieder zusammengefunden haben? Bettina schildert eine romantische Szene in Italien: Sonnenuntergang, Weingeflüster, Fidelio, Feuer und Freimaurerriten, nackte Menschen mit Tiermasken. Branchenkenner vermuten jedoch eher ein zufälliges Wiedersehen per Kontaktanzeige im Fachblatt Flesh World. Wie dem auch sei: Seit die beiden erneut vereint sind, läuft die „WULFF-WORLD“ auf Hochtouren!

Da unser Stundenticket schon zur Hälfte abgelaufen ist, drängt Bettina Wulff zur Eile. Raschen Schrittes führt sie uns aus dem Wohnzimmer zur nächsten Station, dem „Panic Room“. In diesem an ein Büro erinnernden Fahrgeschäft wird der Gast zunächst von unsichtbaren Mächten auf einen Stuhl geschnallt. Allmählich fängt die Temperatur an zu steigen, der Amtssitz wird ordentlich durchgerüttelt, Bild-Titel rotieren als gleißendes Hologramm, halluzinogene Gase mindern die Intelligenz- und Gedächtnisleistung. „Na, fühlen Sie sich schon angemessen präsidial?“, schreit Bettina Wulff fröhlich. Auf dem Höhepunkt des Tohuwabohus spricht der Besucher auf die Mailbox von Kai Diekmann, um eine perfekte Sympathiekampagne zu pitchen.

Dann klappt der Stuhl plötzlich nach hinten weg, und eine spannende AchterbahnfahrtRichtung Keller beginnt. „Keine Angst, ich steige rechtzeitig aus“, frotzelt die neben uns gackernde Bettina Wulff, während die fratzenhaft verzerrten Gesichter von Bettina Schausten und Uli Deppendorf vorbeiziehen. Eine wilde, behaarte Bestie springt über die Schienen: Es ist Heribert Prantl, Kommentarchef der Süddeutschen Zeitung. Man geizt hier nicht mit Schrecken!

Belastet es das neu gefundene Eheglück, dass Bettina zu Hause arbeitet? „Ih wo“, lacht sie. „Alles eine Frage der Organisation. Wichtig ist, dass jeder seine Freiräume hat. Chrissy zum Beispiel hat davon sogar zwei: hier im Keller und einen auf dem Dachboden. Da kann er ungestört toben, wenn ich mal wieder die Investoren im Haus habe.“

Immer noch kein Zaster

Stichwort Geld: Kann sie weiter ihren aufwendigen Lebensstil pflegen, jetzt wo der Mann arbeitslos ist und die Kinder im Pfandhaus sind? Auch für solche Andeutungen hat Bettina Wulff nur Spott: „Viele sagen, dass uns nur das Geld zusammenhält. Das ist falsch. Ich habe zum Beispiel gar keines mehr. Oder glauben Sie, jemand wie ich würde sich sonst für diesen Human-Interest-Mist hergeben?“ Tatsächlich halten die Wulffs jetzt streng haus: „Chrissys Vermögen wurde unter internationale Verwaltung gestellt. Weil seine Kreditkarte so oft gesperrt war, wenn ich damit einkaufen wollte.“

Mittlerweile fährt unsere Gondel durch die authentisch nachgeahmte Katastrophenlandschaft Sylts. Zahnarztehepaare winken mechanisch, aus einem Springbrunnen fließt Cocktailsauce. In Rage kommt Bettina Wulff bei Zweifeln an der Authentizität ihrer Beziehung: „Natürlich sind wir wieder zusammen. Als Ex-Mann und Ex-Frau, unter einem Ex-Dach! Nicht so ungewöhnlich, wie es sich anhört. Denken Sie an die Kessler-Zwillinge. Oder Michael Jackson und seinen Affen Bono!“

Immer für Chrissy

Schließlich hält die Gondel vor einem unheimlichen Märchenschloss. Es handelt sich um die originalgetreue Reproduktion des Verlagsgebäudes von C.H. Beck, im Maßstab 1:1000. Direkt am Eingang kommen wir zum Stehen. Durch ein Guckloch erkennen wir eine schemenhafte, gebeugt wirkende Gestalt. „Das ist er“, flüstert unsere Gastgeberin. Das Schattenwesen, das krächzende Laute ausstößt, ist offenbar auf der Suche nach etwas.

„Mein Schatzzzz“, zischelt es … „Schaaaaaaatz! Bist du da? Hast du die FAZ gesehen? Da schreibt der Steltzner wieder was über Amt und Würde!“ – „Ja, mein Törtchen“, ruft Bettina, und schiebt einen vergilbten Zeitungsausschnitt unter der Tür durch. „Er kriegt Trümmer seines früheren Lebens, zum Spielen. Sonst hat er ja nur mich!“

Es ist klar, dass Bettina Wulff um ihre Verantwortung weiß, geht es darum, die Überreste ihres Mannes zu verwalten. „Er muss gewartet, enteist und zugefüttert werden“, erklärt sie auf dem Weg ins Tageslicht, „sonst fallen dem Piepmatz die Federn aus. Er ist ja schon dünnhäutig!“

Doch trotz der Härten – hier erfüllt sich ein Traum, den andere Paare vergebens träumen. Die Wulffs haben ihre Ehe aus eigener Kraft gerettet, engagieren sich für das kleine Bündel Leben von Christian Wulff. Und am wichtigsten: Jeder kann dieses Glück teilen. Ein Tagesticket für die WULFF-WORLD kostet 59 Euro, ermäßigt 29 Euro.

Die Wahrheit auf taz.de

.

ist die einzige Satire- und Humorseite einer Tageszeitung weltweit. Sie hat den ©Tom. Und drei Grundsätze.

Wenn Sie bei der taz anrufen, bekommen Sie keine gewöhnliche Warteschleife zu hören. Bei uns liest die Wahrheit ihre Gedichte vor!

Die Kommentarfunktion verabschiedet sich über die Feiertage und wünscht allen Kommune-User*innen ein tolles Osterwochenende in der analogen Welt!

-

Genießt die Sonne,
Eure Kommune