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Wenn beim Poptheoretiker ...

... das Telefon klingelt: „Schatz, das Telefon klingelt!“

„Schatz, das Telefon klingelt!“

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Ja, ich höre es auch, ich lausche! Ein elektronisch generierter Klang, sequenziell und präfiguriert durch die serielle Arbeit eines Steve Reich oder Conlon Nancarrow, würde ich sagen. Eine Abkehr vom Logozentrismus, die aufs Viszerale zielt, wobei die Unmöglichkeit der Tanzbarkeit dieser akustischen Sequenz die zeitgemäße Popkritik auf sich selbst zurückwirft.

Die Kritik müsste eben nicht immanent und kabbalistisch, sondern wieder so verblasen sein, dass sie sich ihrer eigenen Desophistication widersetzt, indem sie Locken auf Glatzen dreht. Der Scheiß-drauf-Faktor sollte beim Darüberschreiben besonders hoch sein, weshalb die Kritik aus einem Reservoir einschüchternder Fachbegriffe schöpfen muss, Schwafelschwurbel, für den es in der Soziologie keine Verwendung mehr gibt.

„Gehst du vielleicht mal ran?“

Gegenfrage: Läutet das Telefon? Klingelt es? Wozu ruft es mich auf, wenn nicht zum Tanzen? Welchen Beitrag leistet dies Klingeln zum diskursiven Wirklichkeitsbegriff? Hinterfragt das klingelnde Telefon womöglich sogar Illusionen, die ich mir hinsichtlich der dehierarchisierenden Wirkung des Pop gemacht habe? Oder affirmiert es vielmehr Verblendungszusammenhänge, die einst Horkheimer …

„Es klingelt immer noch!“

Gewiss, denn es ist doch gerade diese insistierende Dringlichkeit, die dem Pop seinen appellativen Charakter verleiht. Haben nicht Abba schon 1973 in „Ring Ring“ eben jener Dringlichkeit ein akustisches Denkmal gesetzt, das, lässt man einmal Gilles Deleuzes luzide Einlassungen zu diesem Thema beiseite, heute noch als subversiv bezeichnet werden kann? Die Subversion besteht hier nicht einfach nur in einer aus antiessentialistischer Kritik gespeisten Deterritorialisierung, die Gender, Subjekt und Haltung des Angerufenen den Boden entzieht.

Gerade mein Staunen über die sublimen Emergenzeffekte dieses Klingelns verhindert, dass ich zum Telefon eile und, wie Michel Foucault sagen würde, meiner inhärenten Dissidenz den Vorzug gebe. Andes gesagt: Dieses Klingeln ist demodé, es beruht auf einem überkommenen Geniegedanken und fördert eine Ästhetik des Alles-um-sich-rum-Plattmachens. Das Telefon als Dandy, der die Machtfrage stellt: Wer ist Gott? Wer geht ran?

„Herrje, nun geh schon ran!“

Wer aber bin ich, wenn ich es höre? Welche Haltung – die feministische Philosophin Linda Zerilli würde von Politik, wenn nicht sogar von Politiken sprechen – nehme ich gegenüber dem hegemonialen Klang ein? Kann dieser poststrukturalistische Minimalismus überhaupt die Deutungshoheit darüber erlangen, was ich als Subjekt durchautomatisierter Arbeitsprozesse in meiner Freizeit anstelle?

Liegt im Fordernden des Klingelns nicht eine patriarchale Penetranz, der sich entziehen muss, wer noch an eine bessere Welt glauben will? Oder ist dieser eskapistische Glaube selbst nur eine idiosynkratische, ja eklektizistische Stimme im, wie Paul Virilio sagen würde, ewigen Chor amphibischer Unkenrufer …

„Schon gut, Arschloch, ich gehe selbst ran.“

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