Die Hedonistische Internationale erweitert das Bewusstsein der darbenden Linken. Sie löscht, wenn es brennt. Und peppt Demos mit Spaß und Techno-Musik auf.von Martin Kaul & Miguel Lopes
Das ist doch ganz ausgezeichnet. Bleibt noch darauf hinzuweisen, dass die Linie Lukrez, Spinoza, Nietzsche, Deleuze/Guattari und die indischen und griechischen Hedonisten jeden Anflug eines Verdachtes auf mangelnde Tiefgründigkeit, genauso wie mangelnde Oberflächlichkeit im Keim ersticken. Als "moralinsauer" ist die sprachliche Oberfläche, an der sich das Scheitern des religös-ökologischen, insbesondere von den GRÜNEN institutionalisierten, Diskurses und Dispositiv zeigt. Leider muss man dringend zu starker Vorsicht vor giftigen Gegenmaßnahmen von dort aus raten.
03.07.2010 07:06 Uhr
von Rolf:
Raoul Marcuse! Nur fuer Dich und in Kuerze: Natuerlich kann man sagen, dass der Kapitalismus auch das Glueck reguliert und die Lueste diszipliniert. Genauso wie man auch sagen kann, dass der Kapitalismus das Unglueck reguliert, zu Luesten anstachelt, das Kuchen-Essen reguliert, die Bildung diszipliniert, den Fussball reguliert, das Autofahren diszipliniert, die Haustierhaltung reguliert, den Drogenkonsum foerdert und diszipliniert, etc. etc. Fuer eine solide Gesellschaftsanalyse hat man damit aber nicht viel gewonnen, denn eigentlich sagt man mit so einem Satz nur: "Der Kapitalismus hat Auswirkungen auf (die Lueste, die Bildung, das Kuchenessen, den Fussball, ...)." Das ist offensichtlich keine sehr weit reichende Aussage, denn man kann sie - trivialerweise! - fuer alle gesellschaftlichen Phaenomene mit grosser Reichweite treffen. Man kann z.B. sagen: "Die Wissenschaft hat Auswirkungen auf (die Lueste, die Bildung, das Kuchenessen, den Fussball, ...)", "Die Religion hat Auswirkungen auf ...", "Die Politik hat Auswirkungen auf ...", etc. Soll heissen: Deine Bemerkung ueber den Kapitalismus sagt praktisch nichts, naemlich nur die (neunmalklug formulierte) Binsenweisheit, dass der Kapitalismus (wie viele andere soziale Phaenomene) viele Auswirkungen auf vieles andere hat." Wenn man den Kapitalismus verstehen will, dann kann man nicht einfach mal so bei der Disziplinierung der Lueste stehen bleiben, man muss auch beruecksichtigen, dass es sich bei dem sozialen Phaenomen der Hedonistischen Internationale vermutlich um glueckliche Menschen handelt. Eine attraktive Form des Linksseins ist das allemal, und vieleicht kann das mehr veraendern als alle diejenigen, die daran Tiefgang vermissen und nur eine neue Form der Disziplinierung und Regulierung darin sehen. Denn das ist eigentlich nur oberflaechlicher Theorie-Hedonismus.
natuerlich ist der begirff hedonismus schwierig, das liegt aber an einer jahrtausende alten polemik, welche den menschen einzutrichtern versucht, dass man fuer das morgen/jenseits leben sollte.
im manifest der HI steht, dass sie sich auf die lehren des Epikur bezieht. wer sich mit seinen schriften auskennt, weiss dass sein hedonismus weder assozial, verschwenderisch oder ganz und gar egoistisch ist. es ist ein lebensweg, welcher das jenseits verneint aber eine ethik lehrt, welche meiner meinung nach sehr vorbildlich und tugendhaft ist.
dass diese gedanken gefaehrlich fur das system sind...naja das wuerde den raum hier sprengen.
und wenn wir einmal bei der systemkritik sind: http://www.uni-muenster.de/PeaCon/wemgehoertdieeu/eu-krys-sept-06.pdf
14.06.2010 13:14 Uhr
von Raoul Marcuse:
Jakob! Nur für Dich, und in Kürze: Der Kapitalismus und seine Arbeitsdisziplin lebt nicht nur von einer Regulierung des Lebensnotwendigen - sondern auch von einer Regulierung des Glücks und von der Disziplinierung der Lüste.
14.06.2010 11:41 Uhr
von Hugo Hurtig:
Da hast Du aber etwas wichtiges übersehen. Freude, Lust und Genuss für alle, so wie es das Manifest der Hedonistischen Internationale fordert, bedeutet eben auch, dass mein Spass aufhört, wo er anderen ihren Spass verdirbt. Das ist weder asozial noch egoistisch.
13.06.2010 23:50 Uhr
von aldi biades:
an Jakob A: na, dann machen wir weiter Latschdemo. Hat man ja am Samstag gesehen: schön jeder in sein' block, die flyer und die schilder kann man ja nächstes mal auch noch mal nehmen, es ist ja alles ganz furchtbar gründlich durchdacht. Laaaangweilig. dass dann irgendein trottel mit feuerwerkskörper der einzige inhalt ist, der es in die medien schafft, is dann auch irgendwie kein wunder, nä? vielleicht wäre "spass" ja auch mal eine verbesserung und eine bewegung. das schliesst doch nicht die inhalte aus!
13.06.2010 23:04 Uhr
von Aloha:
Ich kann Jakobs Kommentar nur zustimmen. Auch moechte ich zu dem Anlass passend den Film "Idioten" von Lars von Trier empfehlen.
mfG Aloha
13.06.2010 22:32 Uhr
von der lukas:
Die HI setzt einen neuen Begriff des Hedonismus, der sich von dem alten kapitalistischen distanziert.
Im Manifest der HI (http://hedonist-international.org/?q=de/manifest) steht gleich im ersten Punkt: "Freude, Lust, Genuss und ein selbst bestimmtes Leben in Freiheit für alle Menschen!" Damit ist dieser ganze Egoismus-Vorwurf eigentlich schon widerlegt.
Die Hedonistische Internationale ist eine großartige neue Idee für die linke und linksradikale Szene! Dieses zwanghafte, starre, theoriehafte, ernste, das der Szene nunmal anhaftet, wird von der HI durch Spaß und Freude ersetzt mit denselben Zielen: Der Befreiung des Menschen. Natürlich kann man auch weiter Karl Marx zitieren und so versuchen, die Masse für sich zu gewinnen, aber die Vorgehensweise der HI ist da doch schon wesentlich ausgeklügelter.
13.06.2010 18:33 Uhr
von hl.Pius-X:
Jene armen triebhaften Sünder, deren Verhalten vorwiegend von der Suche nach Lustgewinn, Sinnengenuss bestimmt ist, sind bemitleidenswerte Kreaturen ohne Selbstachtung. Sie glauben and die Selbsterlösung im jetzt und hier und unterliegen revolutionären Bestrebungen, die nicht ihrem freien Willen entspringen. Denn Revolution ist das Mittel zur Verbreitung der Ideen des Bösen! Die Entfesselung der Leidenschaften ist immer Werkzeug der Finsternis. Luzifer kann die Menschen nicht aus Liebe bewegen, er muss ihre Triebe verwenden, die letztendlich nichts anderes als Selbstsucht sind.
Nun aber auch mit Weinen sage ich, dass sie die Feinde des Kreuzes Christi sind: deren Ende Verderben, deren Gott der Bauch und deren Ehre in ihrer Schande ist, die auf das Irdische sinnt.
Nicht Irdischem, sondern Christus gilt unsere Erwartung. amen
13.06.2010 17:01 Uhr
von Jakob A.:
Inwiefern diese Menschen als Hedonisten zu bezeichnen sind, ist fraglich, vor allem, da sich die hier beschriebenen Gruppierungen bunt zusammensetzen. Allerdings trägt der Artikel eine unreflektierte Lobpreisung auf etwas, dass schwerlich gutzuheißen ist und für viele Missstände unserer Gesellschaft verantwortlich ist. Hedonismus ist die Einstellung, Lust über alles zu stellen. Das ist egoistisch und damit asozial, und stark rückwärtsorientiert. Sich von seinen Hormonen leiten zu lassen steht im Kontrast zu dem, was sich der Mensch aufgebaut hat, was den Menschen auszeichnet. Hedonismus ist das Credo der Kapitalisten. Scheiß auf Morgen, scheiß auf andere, hauptsache mir geht es gut. Links sein ist das genaue Gegenteil, das Verantwortungsbewusste. Dass viele Anhänger dieser Hedonistischen Internationalen sich der Theorie verweigern lässt auch die Frage aufkommen: Wissen die überhaupt, was sie wieso da tun? Es geht gar nicht um das Demonstrieren, darum, etwas zu bewegen oder zu verbessern, sondern nur um die Selbstdarstellung; eben nur um "Party, Party, Party", da ist einem einfach jeder Anlass recht. Dieser Aspekt wird im Artikel schlichtweg ignoriert.
Leserkommentare
12.08.2010 14:48 Uhr
von Dr. Harald Wenk:
Das ist doch ganz ausgezeichnet.
Bleibt noch darauf hinzuweisen, dass die Linie Lukrez, Spinoza, Nietzsche, Deleuze/Guattari und die indischen und griechischen Hedonisten jeden Anflug eines Verdachtes auf mangelnde Tiefgründigkeit, genauso wie mangelnde Oberflächlichkeit im Keim ersticken.
Als "moralinsauer" ist die sprachliche Oberfläche,
an der sich das Scheitern des religös-ökologischen, insbesondere von den GRÜNEN institutionalisierten, Diskurses und Dispositiv zeigt.
Leider muss man dringend zu starker Vorsicht vor giftigen Gegenmaßnahmen von dort aus raten.
03.07.2010 07:06 Uhr
von Rolf:
Raoul Marcuse! Nur fuer Dich und in Kuerze:
Natuerlich kann man sagen, dass der Kapitalismus auch das Glueck reguliert und die Lueste diszipliniert. Genauso wie man auch sagen kann, dass der Kapitalismus das Unglueck reguliert, zu Luesten anstachelt, das Kuchen-Essen reguliert, die Bildung diszipliniert, den Fussball reguliert, das Autofahren diszipliniert, die Haustierhaltung reguliert, den Drogenkonsum foerdert und diszipliniert, etc. etc.
Fuer eine solide Gesellschaftsanalyse hat man damit aber nicht viel gewonnen, denn eigentlich sagt man mit so einem Satz nur: "Der Kapitalismus hat Auswirkungen auf (die Lueste, die Bildung, das Kuchenessen, den Fussball, ...)."
Das ist offensichtlich keine sehr weit reichende Aussage, denn man kann sie - trivialerweise! - fuer alle gesellschaftlichen Phaenomene mit grosser Reichweite treffen.
Man kann z.B. sagen: "Die Wissenschaft hat Auswirkungen auf (die Lueste, die Bildung, das Kuchenessen, den Fussball, ...)", "Die Religion hat Auswirkungen auf ...", "Die Politik hat Auswirkungen auf ...", etc.
Soll heissen: Deine Bemerkung ueber den Kapitalismus sagt praktisch nichts, naemlich nur die (neunmalklug formulierte) Binsenweisheit, dass der Kapitalismus (wie viele andere soziale Phaenomene) viele Auswirkungen auf vieles andere hat."
Wenn man den Kapitalismus verstehen will, dann kann man nicht einfach mal so bei der Disziplinierung der Lueste stehen bleiben, man muss auch beruecksichtigen, dass es sich bei dem sozialen Phaenomen der Hedonistischen Internationale vermutlich um glueckliche Menschen handelt.
Eine attraktive Form des Linksseins ist das allemal, und vieleicht kann das mehr veraendern als alle diejenigen, die daran Tiefgang vermissen und nur eine neue Form der Disziplinierung und Regulierung darin sehen. Denn das ist eigentlich nur oberflaechlicher Theorie-Hedonismus.
15.06.2010 16:05 Uhr
von erst denken, dann poebeln:
https://www.uni-rostock.de/fakult/philfak/fkw/iph/strobach/veranst/therapy/epikur.html
natuerlich ist der begirff hedonismus schwierig, das liegt aber an einer jahrtausende alten polemik, welche den menschen einzutrichtern versucht, dass man fuer das morgen/jenseits leben sollte.
im manifest der HI steht, dass sie sich auf die lehren des Epikur bezieht. wer sich mit seinen schriften auskennt, weiss dass sein hedonismus weder assozial, verschwenderisch oder ganz und gar egoistisch ist.
es ist ein lebensweg, welcher das jenseits verneint aber eine ethik lehrt, welche meiner meinung nach sehr vorbildlich und tugendhaft ist.
dass diese gedanken gefaehrlich fur das system sind...naja das wuerde den raum hier sprengen.
und wenn wir einmal bei der systemkritik sind:
http://www.uni-muenster.de/PeaCon/wemgehoertdieeu/eu-krys-sept-06.pdf
14.06.2010 13:14 Uhr
von Raoul Marcuse:
Jakob! Nur für Dich, und in Kürze: Der Kapitalismus und seine Arbeitsdisziplin lebt nicht nur von einer Regulierung des Lebensnotwendigen - sondern auch von einer Regulierung des Glücks und von der Disziplinierung der Lüste.
14.06.2010 11:41 Uhr
von Hugo Hurtig:
Da hast Du aber etwas wichtiges übersehen. Freude, Lust und Genuss für alle, so wie es das Manifest der Hedonistischen Internationale fordert, bedeutet eben auch, dass mein Spass aufhört, wo er anderen ihren Spass verdirbt. Das ist weder asozial noch egoistisch.
13.06.2010 23:50 Uhr
von aldi biades:
an Jakob A:
na, dann machen wir weiter Latschdemo. Hat man ja am Samstag gesehen: schön jeder in sein' block, die flyer und die schilder kann man ja nächstes mal auch noch mal nehmen, es ist ja alles ganz furchtbar gründlich durchdacht. Laaaangweilig. dass dann irgendein trottel mit feuerwerkskörper der einzige inhalt ist, der es in die medien schafft, is dann auch irgendwie kein wunder, nä? vielleicht wäre "spass" ja auch mal eine verbesserung und eine bewegung. das schliesst doch nicht die inhalte aus!
13.06.2010 23:04 Uhr
von Aloha:
Ich kann Jakobs Kommentar nur zustimmen. Auch moechte ich zu dem Anlass passend den Film "Idioten" von Lars von Trier empfehlen.
mfG Aloha
13.06.2010 22:32 Uhr
von der lukas:
Die HI setzt einen neuen Begriff des Hedonismus, der sich von dem alten kapitalistischen distanziert.
Im Manifest der HI (http://hedonist-international.org/?q=de/manifest) steht gleich im ersten Punkt: "Freude, Lust, Genuss und ein selbst bestimmtes Leben in Freiheit für alle Menschen!"
Damit ist dieser ganze Egoismus-Vorwurf eigentlich schon widerlegt.
Die Hedonistische Internationale ist eine großartige neue Idee für die linke und linksradikale Szene! Dieses zwanghafte, starre, theoriehafte, ernste, das der Szene nunmal anhaftet, wird von der HI durch Spaß und Freude ersetzt mit denselben Zielen: Der Befreiung des Menschen.
Natürlich kann man auch weiter Karl Marx zitieren und so versuchen, die Masse für sich zu gewinnen, aber die Vorgehensweise der HI ist da doch schon wesentlich ausgeklügelter.
13.06.2010 18:33 Uhr
von hl.Pius-X:
Jene armen triebhaften Sünder, deren Verhalten vorwiegend von der Suche nach Lustgewinn, Sinnengenuss bestimmt ist,
sind bemitleidenswerte Kreaturen ohne Selbstachtung.
Sie glauben and die Selbsterlösung im jetzt und hier und unterliegen revolutionären Bestrebungen, die nicht ihrem freien Willen entspringen. Denn
Revolution ist das Mittel zur Verbreitung
der Ideen des Bösen! Die Entfesselung der
Leidenschaften ist immer Werkzeug der
Finsternis. Luzifer kann die Menschen
nicht aus Liebe bewegen, er muss ihre
Triebe verwenden, die letztendlich nichts
anderes als Selbstsucht sind.
Nun aber auch mit Weinen sage ich, dass sie die Feinde des Kreuzes Christi sind: deren Ende Verderben, deren Gott der Bauch und deren Ehre in ihrer Schande ist, die auf das Irdische sinnt.
Nicht Irdischem, sondern Christus gilt unsere Erwartung. amen
13.06.2010 17:01 Uhr
von Jakob A.:
Inwiefern diese Menschen als Hedonisten zu bezeichnen sind, ist fraglich, vor allem, da sich die hier beschriebenen Gruppierungen bunt zusammensetzen.
Allerdings trägt der Artikel eine unreflektierte Lobpreisung auf etwas, dass schwerlich gutzuheißen ist und für viele Missstände unserer Gesellschaft verantwortlich ist.
Hedonismus ist die Einstellung, Lust über alles zu stellen. Das ist egoistisch und damit asozial, und stark rückwärtsorientiert. Sich von seinen Hormonen leiten zu lassen steht im Kontrast zu dem, was sich der Mensch aufgebaut hat, was den Menschen auszeichnet. Hedonismus ist das Credo der Kapitalisten. Scheiß auf Morgen, scheiß auf andere, hauptsache mir geht es gut. Links sein ist das genaue Gegenteil, das Verantwortungsbewusste.
Dass viele Anhänger dieser Hedonistischen Internationalen sich der Theorie verweigern lässt auch die Frage aufkommen: Wissen die überhaupt, was sie wieso da tun?
Es geht gar nicht um das Demonstrieren, darum, etwas zu bewegen oder zu verbessern, sondern nur um die Selbstdarstellung; eben nur um "Party, Party, Party", da ist einem einfach jeder Anlass recht.
Dieser Aspekt wird im Artikel schlichtweg ignoriert.