"Musik wird oft nicht schön gefunden, weil stets mit Geräusch verbunden", reimte Wilhelm Busch, als es das Wort "Lärmemission" noch nicht gab. Heute gibt es beides - und jede Menge Bürgerwehren.von HELMUT HÖGE
Man sagt, der Hannoveraner Philosoph Theodor Lessing habe hierzulande die erste Bürgerinitiative gegen den Lärm gegründet, noch einige Jahrebevor Kurt Tucholsky 1927 sein "Traktat über den Hund sowie über Lärm und Geräusch" veröffentlichte. Spätestens seit den Siebzigerjahren, da der französische Philosoph Gilles Deleuze das Hundebellen zu den schrecklichsten Geräuschen zählte, gibt es jede Menge Bürgerinitiativen gegen den Lärm, insbesondere von Flugzeugen und Autos. Sie erwirkten Nachtflugverbote auf Flughäfen, Lärmschutzwände an Autobahnen und geräuschdämmende Straßenbeläge. Dazu wurden die Häuser mit schallschluckenden Doppelglasfenstern und ebensolchen Fußbodenbelägen ausgestattet und Verordnungen zur Einschränkung von ruhestörendem Lärm in Wohngebäuden und ganzen Wohngebieten erlassen. Einzelne klagen darüber hinaus immer mal wieder vor Gericht gegen Kinderlärm und sogar Froschquaken im Nachbargarten, allerdings bisher mit wenig Erfolg.
Die vermehrten Anstrengungen zur Lärmbekämpfung haben anscheinend zu einer größeren Lärmempfindlichkeit geführt. "Denn der Lärm entsteht - einmal abgesehen von zur Not in Dezibel fassbaren Dauer- oder Spitzenbelastungen - tatsächlich im Kopf," heißt es in einer Rezension der sozialgeschichtlichen Studie über den Lärm und die Sehnsucht nach Stille von Sieglinde Geisel, "Nur im Weltall ist es wirklich still".
Auf immer mehr Arbeitsplätzen tragen die Leute heute schalldämpfende Ohrenschützer. Auch die Bauern kapseln sich damit gegen den Motorlärm auf ihren Motoren ab. Nicht zu reden von all den Millionen meist jungen Leuten, die sich mit Kopfhörern oder Ohrstöpseln gegen den Lärm oder auch die Stille wappnen, indem sie es mit Musik aus ihrem Walkman, MP3-Player, iPhone oder Handy übertönen. In Einkaufsstraßen dröhnt aus jeder Boutique Popmusik, ähnlich beschallt wird der Kunde auch in vielen Cafés und Kneipen, gar nicht zu reden von Clubs und Diskotheken - manchmal so laut, dass man sich dort kaum noch unterhalten kann.
Auf die Dauer führt das zur Reduzierung des hörbaren Tonspektrums. Die Betroffenen hören mitunter bloß noch ein Rauschen im Ohr und zum Beispiel nur mit großer Anstrengung das Zirpen von Grillen.
Die Popmusik ist längst dabei, den industriellen Lärm zu ersetzen, als "Industrial Music" sogar mimetisch. Noch jedoch überwiegen die vom früheren Maschinenlärm taub gewordenen Arbeiter, weiß der Berliner Hörgeräteakustikmeister Jens Hettwer zu berichten. "14 Millionen Hörgeschädigte gibt es bereits in Deutschland, aber nur 1,5 Millionen tragen ein Hörgerät."
Dass sie sich nicht alle bei nachlassendem Hörvermögen mit diesen Geräten ausstatten, liegt nach Meinung von Hettwer an den ständigen Gesundheitsreformen der Regierung, sodass die Leute "ihr Geld erst einmal noch lieber in der Tasche lassen". Ein zufällig anwesender Kunde in seinem Hörgerätegeschäft im Wedding ergänzte: "Ich hab mir och so ne Lauscher hier jekooft. Aber ick vertrach se nich. Is war, weil meene Olle imma gesacht hat: ,Mensch, musste den Fernseher so laut machen?!'"
Das geht vielen so, dass sie die Geräusche ihrer Umgebung brauchen, sodass sie ungern, auch bei Lärmarbeiten, Hörschutz oder Kopfhörer benutzen. Die Vogelliebhaber unter ihnen wissen dafür, auf welchen Bäumen Nachtigallen oder Amseln singen. Das Prasseln des Regens, der Wind in den Bäumen, die Wellen am Felsen, Schiffssirenen im Nebel und ächzende Holztreppen sind Gesprächsthemen für sie. An Auto- und Motorradrennen Interessierte schätzen das Aufheulen und Röhren der starken Motoren. Es gibt regelrechte Geräuscheliebhaber und sogar Geräuschesammler. Der Neuköllner Künstler Udo Noll etwa veröffentlicht auf seiner Webpage "Radio Aporee" Töne aus aller Welt, die Freunde ihm schicken. Etwa das Quietschen eines Ochsenkarren aus Burma, wo man die Räder der Karren nicht fettet, weil das Geräusch die Tiger vertreiben soll.
So wie manche Leute über hundert Bands nach ihrer Musik unterscheiden können, ist der Lärm von Graugänsen oder Rhesusaffen, wie Verhaltensforscher herausgefunden haben, derart differenziert, dass er einer Sprache gleichkommt. Höhere Tiere müssen diese regelrecht lernen, weil die einzelnen Laute bestimmte Tierarten (Feinde) bezeichnen, die erst als solche erkannt werden müssen.
Ich kann mich noch erinnern, dass die Kinder auf der Straße spielten - und lärmten. Sie wurden nach und nach von den Autos verdrängt. Und diese vermehrten sich dann derart, dass die vorher beliebten Wohnungen mit Balkon zur Straße hin wegen des Verkehrslärms kaum noch vermietbar waren. Dafür gab es bald Kinder, die alle Autotypen nach dem Geräusch ihrer Motoren unterscheiden konnten. Als sie (also wir) größer wurden, hörten wir auf unseren Zimmern Rockmusik, die von unseren Eltern durchweg als schrecklicher Krach empfunden wurde. Und irgendwann waren wir selbst so alt, dass uns zum Beispiel das unaufhörliche Hupkonzert der Autos - vor allem in südeuropäischen Großstädten - Kopfschmerzen verursachte.
Alter Lärm verschwindet, neuer kommt auf, und die Bürger gehen dagegen vor. Wenn sie entschlossen (also wütend) genug sind und sich durchsetzen, sehen die Politiker Handlungsbedarf. Geräuschbelastungen werden gemessen, Expertisen erstellt und neue Bestimmungen erlassen. Der Lärm wird in Dezibel objektiviert, er subjektiviert sich in gesundheitlichen Folgen, die von Schlafstörungen und Stress-Symptomen über Hörschäden bis zum Herzinfarkt reichen können.
Die Welt informierte im Jahr 2004: "Ab einem Dauerschallpegel von 60 Dezibel treten Stressreaktionen im Schlaf auf, ab 80 Dezibel kann die Gesundheit leiden. Die Schmerzgrenze liegt bei 130 Dezibel, dann hält sich ein Mensch automatisch die Ohren zu. Lärmeinwirkung von 150 Dezibel verursacht in Sekunden irreparable Schäden." Zum Vergleich: 60 Dezibel können Gruppengespräche erreichen, 80 Presslufthämmer, 100 Ghettoblaster, 130 Düsenjäger.
Als man vor einigen Jahren im Obstbaugebiet Altes Land bei Hamburg die Landebahn der dortigen Airbusfabrik wegen eines neuen, größeren Modells erweitern wollte, klagte eine Bürgerinitiative von Obstbauern gegen die zu erwartende Lärmsteigerung. Das Hamburger Oberverwaltungsgericht kam jedoch zu dem Urteil, dass fürderhin auch bei solch "mittelbar gemeinnützigen Vorhaben" (von Unternehmen) die Betroffenen mehr erdulden müssten als "normal". In diesem Fall den Fluglärm, dessen oberster Grenzwert für Wohngebiete bei 55 Dezibel liegt, den das OVG nun jedoch auf 61 bis 62 Dezibel erhöhte. Diese überraschende juristische Wende und der neu erfundene Begriff "mittelbar gemeinnützig" machte die Anwälte der Klägergemeinschaft sprachlos.
In den letzten Jahren häufen sich die Fälle, wo deutsche Gerichte bei Enteignungen und gravierender Beeinträchtigung der Lebensqualität von Anwohnern und Betroffenen deren Klagen auch dann abschmettern, wenn es dabei nicht um nationale Interessen (wie Autobahnbau oder Verteidigungsanlagen) geht, sondern um die von Privatunternehmen. Die hohe Arbeitslosenquote hat nicht nur hier zu einer Umwertung bei der Abwägung von Rechtsgütern geführt.
Einerseits wird der Zusammenhang von Lärmbelästigung und gesundheitlichen Schäden immer klarer erkannt, weswegen Mediziner, Krankenkassen und auch Ökologen auf Lärmreduzierung drängen, auf der anderen Seite plädieren Ökonomen und Unternehmen und damit auch Politik und Justiz zunehmend dafür, auf diesen Zusammenhang "flexibel" zu reagieren. Ende letzten Jahres brachte die rheinland-pfälzische Landesregierung eine Bundesratsinitiative ein, um Klagen gegen Lärmbelästigung - insbesondere Klagen gegen Kinderlärm - zu erschweren.
Anderswo wird sogar die Folter mit Musik erprobt. In Guantánamo reichten die Foltercharts von nervigen Kinderliedern über Christina Aguilera bis zu Metallica. Bereits in früheren Kriegen wurde Musik, der Lärm, als Kampfmittel eingesetzt: Das fängt mit dem "Indianergeheul" an, setzt sich mit den Trommlern und Trompetern der marschierenden Heere fort und endete noch lange nicht mit den Sirenen der deutschen Sturzkampfbomber im Zweiten Weltkrieg.
Zuletzt machte sich ein Gefreiter der US Air Force, Dan Wirtz, der während des Kalten Krieges nahe der DDR-Grenze stationiert war, Gedanken über diese spezielle Waffe, die er in Form eines Projektantrags an seine Vorgesetzten adressierte. Der "Airman" hatte zuvor Kafka gelesen: "Nun haben aber die Sirenen", hieß es da über die homerischen Seejungfrauen, "eine noch schrecklichere Waffe als ihren Gesang. Das ist ihr Schweigen. Ihm kann sich keiner entziehen." Wirtz verstand: Die Sirenen, das sind heute Warngeräte für die Zivilbevölkerung, damit diese sich im Falle eines feindlichen Angriffs rechtzeitig in Sicherheit bringen kann. Wenn man aber nun ein Antiwarngerät entwickelt, das alle Sirenen zum Schweigen bringt, dann heißt das: keine Überlebenden.
Realisiert wurde diese Idee aber erst in jüngster Vergangenheit. Und zwar von Ingenieuren der Hamburger Firma Oticon, die ein Hörgerät entwickelt haben, das den Tinnitus bekämpfen soll - mit Gegenschall.
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Leserkommentare
20.06.2010 08:54 | Rose
Es gibt sie tatsächlich, die Gesetze, die den Bürger vor Lärm schützen sollen. Aber kann man sich mit ihrer Hilfe auch durc ...
17.06.2010 17:50 | Raaaaaaaaa
Warum fehlt eine der übelsten Terrorlärmquellen überhaupt, der Lärm nämlich, der durch Grünarbeiten nicht nur von Ämtern, s ...
05.04.2010 09:31 | Julia Becker
Schreck lass nach! Bei diesem Bild kamen sofort Erinnerungen an eine super taz- Titelseite vor einigen Jahren hervor. Damal ...