Der Schriftsteller Solschenizyn beschrieb die Demütigungen und Grausamkeiten des sowjetischen Lagersystems in seinen Romanen eher beiläufig. Das ist ihre Stärke.von BARBARA KERNECK

Solschenizyn (li.) und Böll, 1974. Bild: dpa
BERLIN taz "Es war ein guter Tag im Leben des Iwan Denissowitsch", so endet Alexander Solschenizyns im November 1962 in der Zeitschrift Nowij Mir erschienene Erzählung, die sich die Leser auf den Straßen Moskaus damals aus den Händen rissen.
Das Gute an diesem Tag, einem von 3 356 in einem sowjetischen Straflager, zu denen der Bauer Iwan verurteilt wurde, besteht darin, dass er sich am Abend nicht mehr so krank fühlt wie am Morgen. Dass er nicht in den Karzer muss, nicht auf die zugige Baustelle "Sozgorod" und last not least eine etwas größere Ration und etwas mehr Tabak ergattert als üblich. Die Aufzählung zeigt, worin die Stärke dieser Erzählung liegt: Grausamkeiten und Demütigungen des Lageralltags werden eher beiläufig erwähnt, und es fehlt jegliche Anklage. Iwan Denissowitschs Denken und Trachten kreist um die nächste Mahlzeit und damit ums Überleben.
Die Distanz des Lesers und Autors zum Helden verringert sich durch die lakonischen Beschreibungen, durch den Verzicht auf Metaphern und emotionale Wertungen, wodurch das Beschriebene nur umso authentischer wirkt. Diese Erzählung scheint gleichermaßen dem russischen Realismus des 19. Jahrhunderts und dem in der späteren Sowjetzeit verpönten Formalismus der Zwanzigerjahre verpflichtet. Die verknappte Form hat der "Iwan Denissowitsch" mit anderen frühen Solschenizyn-Erzählungen gemeinsam. Sie hat nicht zuletzt ihren Ursprung in der Lagerhaft des Autors selbst. Er schrieb dort zwanzig bis dreißig Zeilen täglich, die er anschließend auswendig lernte und wieder verbrannte.
Mit den Romanen änderte sich vieles. "Der Erste Kreis der Hölle" und "Krebsstation" spielen unter Intellektuellen und geben deren philosophische Überlegungen wieder. Der Untertitel, den er seinem Mammutwerk, dem "Archipel Gulag", gegeben hat, trifft schon hier zu: "Versuch einer künstlerischen Untersuchung".
Der Schriftsteller fungiert nun als außenstehender Chronist. Dabei geht er auf ästhetische Distanz zum Dargestellten, die ihm gleichzeitig erlaubt, sich moralisch zu entrüsten. Sein einziges Verfremdungsmittel ist jetzt die Ironie. Alle Kunstgriffe, die dem Durchschnittsleser das Verständnis erschweren könnten, meidet er sorgfältig.
Wieder muss eine umständliche Entstehungsgeschichte die Form geprägt haben. Jelena Tschukowskaja, auf deren Datscha ein großer Teil des "Archipel" entstand, erinnert sich: "Das ganze Manuskript des ,Archipel Gulag' hat niemals vor ihm auf dem Tisch gelegen. Und wenn er irgendeine neue Tatsache erfuhr, musste er weit fahren, um sie in das Manuskript einzuarbeiten." Solschenizyn hatte mehrere Kopien bei Freunden versteckt. Als 1973 das KGB eine davon konfiszierte, stellte sich heraus, dass er bereits das ganze Werk auch auf Mikrofilmen im Ausland geschmuggelt hatte. Sofort am Tage der Entdeckung in Russland gab er grünes Licht für die Veröffentlichung in Paris.
In Russland wurde er wegen seines Sinns für Vermarktung oft als "Geschäftemacher" beschimpft. Er selbst kommentierte die eigenen Aktivitäten: "Ich erhebe mich nicht über die, mit denen ich gesessen habe. Nur dass ich verpflichtet bin, sehr viel darüber zu reden."
Dieser Verpflichtung ist Solschenizyn in seiner Mammuthinterlassenschaft von über zwanzig Bänden nachgekommen. Zunehmend waren seine Bücher durchdrungen von dem Bemühen, der russischen Geschichte einen höheren Sinn abzuringen. Dass die Literatur das Leben formt, daran glauben auch in Russland heute nicht mehr allzu viele Leute. Das Land hat sich von seinen epischen realistischen Romanen verabschiedet. Ihr Untergang in Solschenizyns Werk hatte großes Format.
BARBARA KERNECK
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