Dialogwerkstatt fürs RAW-Gelände

Weichen für die Zukunft

Partymeile, Kulturstandort, Investorenträume: auf dem RAW-Gelände in Friedrichshain werden die unterschiedlichen Interessen neu geordnet.

Partymenschen In der Nacht unterwegs

Beliebt bei vielen: Nachtleben auf dem RAW-Gelände Foto: Sebastian Wells

Zwischen all den mit Graffiti bemalten Gebäuden und halb verfallenem Gemäuer auf dem Friedrichshainer RAW-Gelände steht Lauritz Kurth und erscheint in dieser Umgebung wie ein Alien.

Kurth ist Investor. Wenn es mal wieder um Gentrifizierung und Verdrängung geht, ist daran meist irgendein Investor schuld, so geht eine Dauererzählung in Berlin. Investoren sind unsichtbare Mächte, sie sitzen in London oder Luxemburg, und sie erhöhen Mieten und verdrängen Clubs, ohne dass man jemals einen von ihnen zu Gesicht bekommt. Ein Investor ist so etwas wie Darth Vader. Doch Lauritz Kurth lebt inzwischen in Berlin. Und er zeigt sich.

Der dreißgjährige Immobilienunternehmer trägt einen perfekt geschnittenen Anzug, schwarze Slipper und hat die gegelten Haare nach hinten gekämmt. Er riecht gut. Da es morgens um 9 Uhr schon richtig warm ist, zieht er sein Sakko aus und auf seinem blütenweißen Hemd erkennt man ein eingesticktes LK für Lauritz Kurth.

Als Ballermann, Partystrich und Dealer-Rummelplatz ist der Ort, an dem wir uns befinden, inzwischen bekannt und berüchtigt. Vor ein paar Jahren wurde die Sängerin Jennifer Rostock hier ausgeraubt und verletzt, ein Mann wurde erstochen und genervte Nachbarn beschweren sich anhaltend über ständigen Lärm auf dem Gelände. Das ehemalige Reichsbahnausbesserungswerk „Franz Stenzer“, das nach der Wende verfiel und dann von einer Initiative als unkommerzieller und selbstverwalteter Alternativ- und Kulturort instandgesetzt und genutzt wurde, hatte sich zu einem Berliner Brennpunkt gewandelt.

Die Interessen der Investoren

Eine isländische und eine deutsche Investorengruppe kauften 2007 das Gelände von der ehemals zur Deutschen Bahn gehörenden Vivico. Die neuen Besitzer wollten das Areal mit Wohnungen bebauen, mit einem Hotel, einem Einkaufszentrum. Bei Nichts davon stimmte der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg zu. Die Investoren gingen vor Gericht und verloren.

In der Zwischenzeit holten sie alle möglichen Clubs und Locations auf das Gelände, die zwar nicht so recht zu den bisherigen Nutzern, den Künstlern, Vereinen und Kinderzirkusmachern passen wollten, aber anders als diese wenigstens anständige Mieten zahlten.

2015 verkauften die beiden Investorengruppen das Gelände und ließen den ganzen Schlamassel, den sie mit angerichtet hatten, hinter sich. Der Großteil des Areals, gut zwei Drittel der insgesamt 73.000 Quadratmeter großen Fläche, ging an die Firmengruppe Kurth, ein Familienunternehmen aus Göttingen unter der Leitung von Lauritz Kurths Vater, Hans-Rudolf, das inzwischen auch in Berlin investiert. Das ganze RAW-Gelände teilt Kurth sich mit zwei weiteren Investoren, mit Mast und Trenkle, sowie der International Campus AG.

Seit Kurth Eigentümer ist, sagen seine Mieter auf dem RAW-Gelände, mit denen man sich unterhält, habe sich vieles zum Besseren gewandelt. Nun gäbe es wieder einen echten Ansprechpartner, der sich um Probleme kümmere, und die Kriminalität sei spürbar zurückgegangen. Dafür, so sagt Lauritz Kurth im Gespräch, habe man auch eine Zeit lang Kosten von 70.000 Euro im Monat für einen Wachschutz gehabt. Aktuell mache man sowieso Monat für Monat Miese. „Es muss sich möglichst bald etwas ändern hier“, sagt er.

Wahrscheinlich wird sich sogar gewaltig etwas ändern.

Ein Mann mit Charme

Unterhält man sich mit Leuten, die in irgendeiner Weise etwas mit Lauritz Kurth zu tun haben, entweder als Mieter oder in einer Initiative, die sich um die Geschicke des Geländes kümmert, sprechen alle von diesem mit einer Mischung aus Respekt und Verachtung. Man müsse sich hüten vor seinem Charme, mit dem er jeden einwickeln könne, sagen sie, er sei nett und freundlich, aber genau wisse man einfach nie, woran man bei ihm sei. Er parke sein Porsche-Cabriolet bewusst immer ein paar Straßen weiter und nie direkt vor dem RAW-Gelände, erzählt jemand. Vielleicht stimmt die Geschichte gar nicht, aber sie klingt halt gut.

1867 Die „Königlich Preußische Eisenbahnwerkstatt Berlin II“ geht in Betrieb. Für über 100 Jahre ist das Gelände eine Werkstatt: Lokomotiven, Personen- und Postwagen werden repariert.

1895 Rund 1.200 Menschen arbeiten auf dem Gelände.

1920 Mit Gründung der Reichsbahn bekommt das Gelände seinen heutigen Namen: Reichsbahnausbesserungswerk Berlin Revaler Straße (RAW).

1967 Zum 100-jährigen Jubiläum bekommt das Gelände den zusätzlichen Namen „Franz Stenzer“. Der kommunistische Reichtagsabgeordnete und Eisenbahner wurde 1933 in Dachau ermordet. Heute steht auf dem Gelände ein Gedenkstein.

1995 Sechs Jahre nach dem Fall der Mauer wird das Werk stillgelegt.

1998 Das Areal liegt im Dornröschenschlaf. Etliche Jahre nach Stilllegung des Werkes treffen sich AnwohnerInnen, Kunst- und Kulturschaffende. Sie wollen die Brache, die rund sieben Fußballfelder groß ist, wiederbeleben. Der Verein RAW-Tempel gründet sich.

1999 30 soziale und kulturelle Projekte ziehen ein – Ateliers, Handwerk, Jugendprojekte und ein Zirkusbetrieb entstehen in den vier denkmalgeschützten Gebäuden. Der RAW-Tempel verhandelt einen Zwischennutzungsvertrag zunächst für drei Jahre mit dem Bezirk und dem Eigentümer, der Deutschen Bahn, aus. Die Mieten sind günstig, sie decken lediglich die Betriebskosten.

2001 Die Deutsche Bahn als Eigentümer will Neubau: Hotels, Wohnungen, Restaurants sollen entstehen. Dem RAW-Tempel soll fristlos gekündigt werden. Der Bezirk und viele Menschen aus dem Kiez treten für den Erhalt ein.

2004 Die Schmiedehalle wird zur Skaterhalle.

2005 Aus einer Industriehalle wird der erste Club, das Cassiopeia.

2004/2005 Die Gentrifizierung der Simon-Dach-Straße zieht zunehmend TouristInnen in den Kiez.

2006 Der RAW-Tempel will mehrere Häuser kaufen. Der Eigentümer, die Vivico, Tochter der Deutschen Bahn, ignoriert das Kaufangebot.

2007 Das Gelände wird verkauft. Für lediglich rund 4 Millionen Euro geht das Areal an eine deutsch-isländische Investorengesellschaft, die RED. Mehr Clubs entstehen und heizen den Partytourismus auf dem Gelände an. Jahrelange Streitereien unter den Eigentümern beginnen.

2009 Das Astra Kulturhaus und der Suicide Circus eröffnen.

2012 Die Investoren zerren sich gegenseitig vor Gericht. Die isländischen Investoren trennen sich von der RED.

2013 Das Gelände wird geteilt. NutzerInnen und das Bezirksparlament sprechen sich gegen Wohnungsbau auf dem Gelände aus. Die Initiative RAW Kulturensemble sammelt Unterschriften für einen Einwohnerantrag, den das Bezirksparlament anschließend beschließt.

März 2015 Der Großteil des Geländes wird verkauft (5,2 von rund 7 Hektar). Die Göttinger Kurth-Immobilien-Gruppe kauft den westlichen Teil des Geländes hin zur Warschauer Straße für 25 Millionen Euro. Das Soziokulturelle L soll erhalten werden. Neubau ist geplant.

Oktober 2015 Auch der östliche Teil des Geländes wird verkauft, an die Münchner International Campus, deren Kerngebiet Studierendenwohnheime sind.

2018 Die Karten werden neu gemischt – die Zukunft des Geländes verhandelt. Eigentümer und Bezirk setzen auf Dialog: NutzerInnen, AnwohnerInnen und die Öffentlichkeit sollen bei der Entwicklung des Geländes mit drei Dialogwerkstätten beteiligt werden. Bis zum Herbst sollen die Pläne stehen.

2022: Die neue Bebauung soll beginnen.

Vorbei an der Skaterhalle auf dem Gelände spaziert man nun mit Lauritz Kurth, vorbei am Partybad Haubentaucher, das von außen aussieht wie eine Ruine, zum Club Astra. Das ist sein Reich hier, in dem er sich bewegt, auch wenn er hier wirkt wie der Papst im Bordell.

Einer der Betreiber des Clubs Suicide Circus, der sich auch auf dem Kurth-Teil des Geländes befindet, fährt auf seinem Fahrrad in Richtung Arbeit und nickt Lauritz Kurth zu. Eine leicht benommen wirkende Gestalt wankt vorbei und putzt sich gerade die Zähne. Ansonsten ist es hier an einem Morgen mitten unter der Woche weitgehend menschenleer. „Sehen Sie“, sagt Lauritz Kurth, „es ist nichts los hier. Das ist doch beschämend für so einen Ort mitten in der Stadt, der auch schon tagsüber so lebendig sein könnte.“

Die Kurths zahlten 25 Millionen Euro für ihren Anteil am RAW-Gelände, mehr als sechsmal so viel wie die 4 Millionen, für die davor das gesamte Gelände von der Vivico an die deutsche und an die isländische Investorengruppe verramscht wurde. Wenn man daran denkt, dass sich für dieses Geld auch das Land Berlin oder der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg das Gelände hätte sichern können, kommen einem immer noch die Tränen.

Warten auf die heiße Phase

Alles offen An diesem Samstag sagt man auf dem RAW-Gelände „Kiek ma rin! und lädt mit einem Tag der offenen Häuser zum Schauen, was dort an der Revaler Straße 99 „eher im Verborgenen“ und im Schatten des Nachtlebens so alles an soziokultureller Arbeit passiert.

Viel zu tun Ab 13 Uhr darf man dabei im Soziokulturellen L in Ateliers und Werkstätten schauen, es gibt Geländeführungen, Ausstellungen und Workshops, im Cassiopeia kann man kickern, und vor der Bar zum schmutzigen Hobby findet sich eine Bühne mit Musik- und Theaterprogramm.

25 Millionen Euro sind viel Geld, wahrscheinlich auch für Kurth. Langsam sollte sich dieses Investment nun mal lohnen. Deswegen soll der bereits angelaufene Prozess, der über die Zukunft des Geländes entscheidet und an dessen Ende ein Bebauungsplan stehen soll, endlich in seine heiße Phase gehen.

Dialogwerkstatt nennt sich das Bürgerbeteiligungsverfahren, das vom Baustadtrat Florian Schmidt auf Bitte einiger RAW-Mieter mit angeschoben wurde. Die Bürger und Bürgerinnen des Bezirks sollen mitgenommen werden bei dem, was nun zur Zukunft des RAW ausgehandelt wird. Klingt gut. Zwei Sitzungen haben bereits stattgefunden, Hunderten von Interessierten wurde das Gefühl vermittelt, auch ihre Meinung sei gefragt.

Die finale Bürgerbeteiligungsrunde hätte nun eigentlich in der nächsten Woche über die Bühne gehen sollen. Doch kurzfristig wurde sie noch einmal verschoben. Was auch daran liegt, dass gerade nicht nur öffentlich über das RAW diskutiert wird, sondern an anderer Stelle Fakten geschaffen werden. So sieht das zumindest die Initiative RAW Kulturensemble, die sich in dem ganzen Dialogverfahren als Vertreter der Anwohner sieht. In einer gerade veröffentlichten Stellungnahme kritisiert sie das ganze Prozedere scharf. Denn die Initiative hat inzwischen mitbekommen, was an Stellen besprochen wurde, wo sie nicht eingeladen wurde und auch sonst kein Bürger von Friedrichshain-Kreuzberg. Nämlich in Besprechungsrunden, die sich „Fachgespräch Städtebau“ und „Lenkungsgruppe“ nennen. In der letzten „Lenkungsgruppe“ ist die Initiative dann dennoch aufgetaucht, hat ihre Kritik geäußert, und es wurde beschlossen, der letzten öffentlichen Dialogwerkstatt mehr Vorbereitungszeit einzuräumen. Ein Termin für sie steht noch nicht fest.

In den nichtöffentlichen Besprechungsrunden sitzen geladene Vertreter der unterschiedlichen RAW-Interessengruppen, nur eben niemand von der Initiative RAW Kulturensemble und auch nicht von den größeren Clubs auf dem Gelände. Dafür jemand von der Anwohner-Initiative „Die Anrainer“, die es in Zukunft gerne möglichst etwas leiser hätte auf dem RAW. Dann noch zwei Vertreter, die sich für die Belange des sogenannten „Soziokulturellen L“ einsetzen, ein Gebäudeensemble, das in der Draufsicht eine L-Form ergibt (siehe Grafik) und das im Wesentlichen soziokulturelle Einrichtungen beherbergt, Ateliers und Werkstätten, aber auch aus Kneipen und Clubs wie dem Crack Bellmer, Zum Schmutzigen Hobby und Cassiopeia besteht. Das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg ist präsent, klar in der Überzahl aber sind die zig Vertreter der drei Eigentümer des Geländes.

Was in diesen Runden bereits besprochen und unter Geheimhaltung so gut wie abgemacht worden sei, habe nur wenig mit dem zu tun, was an die öffentlichen Dialogwerkstätten weitergereicht worden sei, finden Christoph Casper und Jenny Goldberg von der Initiative RAW Kulturensemble. Und erst recht nicht mit dem, was in den letzten Jahren in diversen Bezirksverordnetenversammlungen beschlossen worden sei. Für „eine zusammenhängende, offene Grün- bzw. Freifläche als Naherholungsgebiet“ habe man sich dort ausgesprochen und für den „Erhalt der städtebaulichen Eigenart des Geländes durch behutsame bauliche Ergänzungen“.

Christoph Casper kann es kaum fassen: „behutsame bauliche Ergänzungen?“ Er lädt auf seinem Laptop ein Foto hoch, das auf dem letzten „Fachgespräch Städtebau“ gemacht wurde und das er vielleicht gar nicht haben dürfte. Man sieht darauf ein Modell mit Pappaufstellern, die auf einem Umriss des RAW-Geländes verteilt wurden. Die braunen Aufsteller stellen den Bestand dar, darunter auch ein paar denkmalgeschützte Gebäude, die blauen die gewünschten Neubauten. Vor lauter Blau erkennt man auf dem Bild kaum noch das Braun. „Der Aufschrei wird groß sein, wenn die Leute sehen, wie dicht das Areal bebaut werden soll“, glaubt Jenny Goldberg.

Die typische Skepsis im Kiez

Baustadtrat Florian Schmidt kennt die Stellungnahme der Initiative. Er spricht von einer „typisch Friedrichshain-Kreuzberger Skepsis“, habe aber auch Verständnis für diese. Er sagt jedoch, die von den Investoren erstellten Studien spielten erst einmal keine Rolle. Die Eigentümer würden hier halt Wünsch-dir-was spielen. Er habe ja auch keine Sprechverbote erteilt. Die International Campus AG aus München würde deswegen auch weiterhin versuchen, auf ihrem etwa 18.000 Quadratmeter großen Anteil des Geländes eine Bebauung von Studentenwohnungen durchzudrücken. „Dabei ist bekannt, dass es einen Bezirksverordnetenversammlungsbeschluss gibt, der Wohnungen auf dem Gelände ausschließt, den ich unterstütze.“

Um was es ihm nun zuvorderst gehe, sagt Schmidt, sei das „Spannungsfeld, innerhalb dessen ein privater Investor sagt, er brauche Bauvolumen, wenn er euch dafür das Soziokulturelle L überlassen soll“. Am Ende müsse es einen „Interessenausgleich“ geben, einen „Kompromiss“. Im Grunde funktioniert das so kompliziert wirkende Gezerre auf dem RAW-Gelände also nach einer simplen Formel: Je kompromissbereiter sich Kurth dabei zeigt, den Erhalt des Soziokulturellen L zu sichern, was dauerhaft niedrige Mieten und Bleibe-Garantien beinhaltet, desto gnädiger wird man sich ihm bei dessen Wünschen nach der Neugestaltung des übrigen Geländes erweisen. Die Begehrlichkeiten der beiden anderen Investoren, die über keine soziokulturelle Verhandlungsmasse verfügen, bleibt freilich ein anderes Thema.

Aber gegen eine Bebauung und eine Umgestaltung des RAW-Geländes habe er auch nichts einzuwenden, lässt Florian Schmidt durchblicken. Er spricht die Lärmbeschwerden aus der RAW-Nachbarschaft an und sagt, er erkenne derzeit auf dem Gelände eine „Mononutzung in Richtung Freizeit“. Eine buntere Mischung würde er sich da wünschen, letztlich solle ein „Kultur-Kreativwirtschaft-Freizeit-Areal mit kommerziellen und nichtkommerziellen Anteilen“ entstehen, auch mit ein paar Büros, zwei bis drei Kitas und ja, auch mit ein paar Grünflächen. Eine „Symbiose des Alten mit dem Neuen“ soll es sein und ein „permanenter Verhandlungsraum einer lebendigen Stadtgesellschaft“ entstehen. So pathetisch hört sich Joest Schmidt von Drop In, einem Verein für interkulturelle und politische Bildung, der sich mit auf dem RAW-Gelände befindet, nicht an. Joest Schmidt gehört zur neugegründeten Genossenschaft Kultur L und darf als einer der beiden Vertreter für die Belange des Soziokulturellen L teilnehmen an den nichtöffentlichen Fachgesprächen. Er sagt erst einmal: „Ich bin chronischer Optimist und ich glaube, wir befinden uns bei den Verhandlungen in der Zielgeraden.“ Allerdings, fügt er hinzu, sei der Weg „zur Zielgeraden noch recht steinig“.

Bereitschaft zur Gefügigkeit

Wenn man sich mit ihm unterhält, wird einem erst klar, in welch kurioser Situation sich er und seine Mitstreiter befinden. Eigentlich wollen auch sie möglichst wenige Zugeständnisse für die Investoren, sie halten auf dem Gelände schließlich die Fahne hoch für eine unkommerzielle Nutzung. Andererseits möchten sie aber ihre eigene Verdrängung verhindern, was nur möglich zu sein scheint, wenn die Investoren in für sie zufriedenstellender Form außerhalb des Soziokulturellen L bauen dürfen. Und die Zeit läuft ihnen davon. Aktuell muss innerhalb des L nicht mehr als zwei bis drei Euro pro Quadratmeter gezahlt werden. Doch die meisten Mietverträge laufen hier 2019, 2020 aus. Gibt es bis dahin keine Einigung, könnte Kurth seine Mietforderungen verzigfachen. „Die Bereitschaft zur Gefügigkeit nimmt da natürlich zu“, sagt Joest Schmidt.

Seine Zerrissenheit lässt sich auch aus seinen weiteren Aussagen heraushören. „Zwischen uns und die Initative RAW Kultur­ensemble passt kein Blatt“, sagt er, „sowohl menschlich als auch politisch.“ Er sagt aber auch: „Neu muss nicht nur schlecht sein.“ Er findet: „Es gibt Punkte an den Plänen, die sind schwierig.“ Er findet aber auch: „Und es gibt Punkte, die sind gut.“Er beschreibt dann noch recht anschaulich, welchen Druck er spüre, so zwischen den Stühlen, und er findet klare Worte für die Verfahrenheit der Gesamtlage. Er meint dann aber, man solle ihn mit all dem lieber nicht zitieren, was einen negativen Effekt auf die laufenden Gespräche haben könnte, die sich gerade an einem „sehr neuralgischen Punkt“ befänden.

Versucht man nun nach all den geführten Gesprächen und der Interpretation der Protokolle, die zu den Fachgesprächen angefertigt wurden, eine vage Prognose für die Zukunft des RAW-Geländes zu filtern, kommt man im Wesentlichen zu folgendem: Aus dem Haubentaucher wird eine Markthalle, das scheint so gut wie beschlossen. Die Clubs Astra, Urban Spree und Suicide Circus dürfen bleiben oder innerhalb des Geländes umziehen. Das versichert Lauritz Kurth recht glaubwürdig und davon ist auch Baustadtrat Florian Schmidt überzeugt. Die Investorengruppe International Campus AG wird ihre Studentenwohnheime nicht bauen dürfen, dafür aber wahrscheinlich ihre als Kompromiss angestrebten Co-Working-Spaces. Das Badehaus, das dessen Besitzer Mast und Trenkle unbedingt abreißen möchte, („für die Eigentümer ist aus Gründen der Wirtschaftlichkeit Erhalt Badehaus nicht sinnvoll, die Livemusik ist kritisch, da Lärmquelle für Wohnbebauung“, steht im Protokoll eines der Fachgespräche) darf bleiben, weil man durch irgendeinen Kuhhandel dieses Schmuckstück auf dem Gelände erhalten möchte. Grünflächen wird es eher keine geben, Lauritz Kurth warnt im Gespräch davor, dass sich auf diesen nur wieder Kriminalität ausbreiten würde.

Aber man kann sich auch fragen, wie das RAW-Gelände am Ende insgesamt nicht nur aussehen, sondern welchen Charakter es haben wird, wenn, wie geplant, 2022 die Bebauung beginnen wird, die 2030 abgeschlossen sein soll. Möglicherweise wird es ein wenig in Richtung Hackesche Höfe in groß gehen. Schöne Fassaden, bunte Läden, gutes Essen, Kultur, Unterhaltung. Und dazwischen ein wenig Freakshow für die Touristen, die im Bereich des Soziokulturellen L nacherleben können, was für ein verrücktes Quartier sich hier einst befand. Man müsse unbedingt darauf achten, genau nicht zu solch einem „Soziokulturzoo“ im Sektor L zu werden, meint Joest Schmidt.

Aber man vermag sich nur schwer vorzustellen, wie genau der zu verhindern sein soll.

(Mitarbeit Sophie Schmalz)

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