In Hannover gingen palästinensische und jüdische Gemeinden zusammen auf die Straße, um am 1. Mai gegen Neonazis Flagge zu zeigen. Zwei Interviews.Interview: Friederike Gräff

Verstreut: Weil sie in Hannover nicht demonstrieren durften, verteilten sich die Rechtsextremen in Niedersachsen. Hier in Itzehoe. Bild: Markus Scholz
Interview 1
taz: Warum wollten Sie mit den jüdischen Gemeinden demonstrieren, Herr Shammout?
Yazid Shammout: Wir wollten mit den jüdischen Gemeinden ins Gespräch kommen und nach Gemeinsamkeiten statt nach bekannten Differenzen suchen. Wir sind beide Gemeinden, beide Minderheiten in Deutschland, haben ein demokratisches Verständnis auf Basis der Verfassung, die meisten von uns sind deutsche Staatsbürger.
Wie ging es dann weiter?
Der Hannoversche Oberbürgermeister fand die Idee spannend und lud die beiden jüdischen Gemeinden und uns zum Gespräch ein. Auf der Suche nach einem gemeinsamen Punkt ergab sich die Aktion am 1. Mai: Wir wollten gemeinsam Flagge zeigen als Bürger dieser Stadt.
Kamen heute die Gemeinden miteinander ins Gespräch?
Ich war beeindruckt von der Vielfältigkeit der Anwesenden: von den liberalen Juden über die orthodoxen, die entsprechend gekleidet waren, hin zu unseren Reihen, wo auch die Skeptischeren gekommen waren. Es waren eben nicht nur die liberalen Juden und die liberalen Palästinenser. Ich glaube, dass es eine breite Basis für weitere Gespräche gibt.
Hätte man das schon viel früher haben können?
Manche Entwicklungen müssen erst reifen. Ich habe heute den Polizei-Einsatzleiter getroffen, der auch vor Ort war, als wir gegen die Angriffe auf Gaza demonstrierten. Am 1. Mai demonstrierten wir Seite an Seite.
Yazid Shammout, 48, ist Vorsitzender der palästinensischen Gemeinde Hannover
Interview 2
taz: Sehen Sie sich nächstes Jahr wieder gemeinsam mit der palästinensischen Gemeinde demonstrieren, Herr Fürst?
Michael Fürst: Das weiß ich nicht - schließlich hatten wir diesmal mit der Demonstration gegen die Nazis einen besonderen Anlass. Aber wir werden sicherlich weiter Gespräche führen und versuchen, dem anderen zuzuhören und zu verstehen, warum er anders denkt.
Gab es im Vorfeld auch skeptische Stimmen?
Am Anfang gab es vielleicht die Frage, ob es Sinn hat. Aber wenn man begreift, dass man nicht die Maximalforderung stellen kann, dass der andere einen gleich versteht oder von einer politischen Auffassung abrückt, weiß man, dass man miteinander sprechen muss - und dass es lange dauert.
Wie war Ihr Eindruck vor Ort?
Sehr positiv, es gab keinerlei besondere Vorkommnisse.
Gab es Kontakt zwischen den Mitgliedern der jüdischen und palästinensischen Gemeinden?
Das muss erst kommen. Wir können so etwas nicht vorbereiten, indem wir vorher große Gemeindeversammlungen einberufen und fragen: "Wollt ihr das?" Wir müssen als Gemeindevorsitzende sagen: Das machen wir so. Und wenn die Gemeinden das missbilligen, müssen sie uns abwählen - aber davon gehe ich nicht aus.
Michael Fürst, 61, ist der Vorsitzende der der Jüdischen Gemeinde Hannover
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