Dercons Abtritt von der Volksbühne

Kritik und Zermürbung

Chris Dercon, Intendant der Volksbühne in Berlin, muss gehen – noch vor Ende der Spielzeit. Eigene Fehler und Feindschaften führten dazu.

Menschen stehen vor der Berliner Volksbühne

Der Berliner steht mal wieder da und staunt Foto: Steffi Loos

Chris Dercon tritt zurück. Dass der neue Intendant der Volksbühne in Berlin mit sofortiger Wirkung aufhören werde, wurde nicht aus dem Thea­ter gemeldet, sondern am Freitagmorgen vom Berliner Kultursenator Klaus Lederer.

Geahnt hat man das noch nicht am Donnerstagabend bei der Premiere von „What if Women Ruled the World“ von Yael Bartana in der Volksbühne. Die Künstlerin, die oft an den Schnittstellen von bildender Kunst, Performance und Film arbeitet, setzte Schauspielerinnen und sogenannte Expertinnen, die aus politischen Organisationen und Medien kamen, an einen großen runden Tisch, um über die Möglichkeiten der Deeskalation in einem bewaffneten Konflikt nachzudenken. Das Setting war fiktional, aber wies viele Parallelen zur Gegenwart auf. Ein politisch anspruchsvolles Format, das trotz der klugen Köpfe auf der Bühne enttäuschte. Viele vernünftige Argumente, aber keine Emotionen, eine akademische und abstrakte Sprache, aber keine Spannung. Kein Möglichkeitsraum öffnete sich, gerade das wäre aber entscheidend gewesen.

Kein Theater eben, wie schade doch in diesem großen, schönen Saal, dachte man hinterher, im Foyer am Bier nuckelnd. Und weil man dies zu oft gedacht hatte bei den Premieren der ersten Spielzeit von Dercon und seiner Programmdirektorin Marietta Piekenbrock, kam die Meldung des Endes von Chris Dercon nicht überraschend.

Die Kritik am Spielplan von Dercon ist in vielen Teilen berechtigt; zu wenig eigene Premieren gab es, zu oft stand das Haus leer. Das führte auch zu massiven Einnahmeverlusten aus Kartenerlösen, wie eine Recherche von RBB, NDR und SZ ergab. Einige Inszenierungen und Formate überzeugten nicht, aber es gab unter den Arbeiten von Choreografen und Regisseuren auch interessante Projekte. Die Kritik an den ästhetischen Ansätzen wurde aber überstrahlt von Stimmungsmache in der Stadt gegen Dercon, oft mit unfairen Mitteln. Die kritisierte auch Kultursenator Klaus Lederer in seiner Mitteilung und betont, „dass die persönlichen Angriffe und Schmähungen aus Teilen der Stadt gegen Chris Dercon in der Vergangenheit inakzeptabel waren“. Wie er beschimpft wurde, dafür muss sich eine Stadt, die international sein will, auch schämen.

Neues Nachdenken über Identitäten

Noch vor Kurzem hofften Dercon und sein Team, in der zweiten Spielzeit einige ihrer Fehler korrigieren zu können. Es gibt in der Geschichte großer Theaterhäuser in Deutschland einige Beispiele von Intendanten, die ein, zwei Spielzeiten gegen einen konservativen Thea­ter­be­griff kämpfen mussten, bevor sie sich mit ihren Künstlern durchsetzten konnten und dann dafür geschätzt wurden: Frank Baumbauer, der die Kammerspielen München von 2001 bis 2009 leitete, steht dafür. Die Chance einer zweiten Spielzeit erhält Dercon nicht.

Positiv an seinem Projekt Volksbühne konnte man sehen, oder sehe ich, dass er mehr Frauen an das bis dahin von Männern dominierte Haus holte, darunter die Choreografin Mette Ingvartsen oder die Regisseurin Susanne Kennedy. Positiv war auch, dass mit den choreografischen Stücken von Jérôme Bel, Boris Charmatz oder Ingvartsen eine Art Tanz, die nach sinnlichen Reflektionsformen für gesellschaftliche Veränderungen sucht, eine große Bühne in der Stadt erhielt. Positiv war, dass sich mehrere Projekte für eine Beteiligung anderer Kunstszenen der Stadt öffneten.

Ein Ensemble aufzubauen, wie es zum Auftrag gehörte, vertrug sich nicht mit dem Konzept

Auch inhaltlich konnte man zwischen Tanz- und Theaterstücken etwas entstehen sehen, ästhetische Formen des Nachdenkens über das, was mit der Identität geschieht in Zeiten zunehmenden Drucks der Arbeit am Selbst, wenn das Image wichtiger ist als das Sein. Das war nicht unbedingt so neu, wie es Dercon gerne verkauft hätte, aber dennoch ein alternativer Ansatz zu vielen in der Stadt vorhandenen Schauspielweisen.

Womit aber auch einherging, dass diese Theaterformen eher kein Ensemble brauchten, kein attraktives Rollenangebot für SchauspielerInnen hatten. Wieder ein Ensemble aufzubauen gehörte aber zu dem, was die Volksbühne laut ihrem Auftrag hätte tun sollen. Dass sich dies nicht mit den Konzepten vertrug, wurde nicht offen zugegeben. Das war ein großer Fehler, der auch renommierte Theaterleute gegen Dercon aufbrachte.

Mit Vorurteilen operiert

Zu den Theatermachern, die Dercon unterstützten, gehört Matthias Lilienthal. Der ist an den Münchner Kammerspielen noch bis 2020 Intendant und ein oft genannter Kandidat, wenn es um den nächsten Volksbühne-Intendanten geht. In München machte er in drei Spielzeiten selbst die Erfahrung, mit einem Nebeneinander von Theaterkonzepten Ablehnung zu begegnen. Die CSU-Stadtratsfraktion wollte seinen Vertrag nicht verlängern. Dagegen gibt es Proteste, auch einen offenen Brief, der gestern dem Stadtrat überreicht wurde. Über 300 Theater- und Museumsleiter, Kuratoren, Künstler und Wissenschaftler unterschrieben. Sie sehen einen künstlerischen Aufbruch beendet und fürchten eine neue Rückwärtsgewandtheit in der Kulturpolitik.

tazze (taz-Logo)

Dieser Text stammt aus der taz am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im praktischen Wochenendabo. Und bei Facebook und Twitter.

Die Kritik an Chris Dercon als Volksbühne-Leiter speist sich auch aus hartnäckigen Vorurteile gegen ihn als Vorreiter von Neoliberalismus und Gentrifizierung. Damit operierten auch die Besetzer der Volksbühne, von denen ein Teil weiter gegen ihn intrigierte, dem Haus Künstler abspenstig machen wollte, eine politische Front konstruierte, die es so nie gab. An ihre offene und als politisch verkaufte Gegnerschaft dockten wiederum andere Kritiker an, die vor allem keine Ausweitung des Theaterbegriffs wollen und dafür ausgerechnet Frank Castorf zu ihrem Schutzheiligen erkoren. Dass diese Seite nun ihren Sieg feiert, ist traurig und spricht nicht für Offenheit.

Die Volksbühne hatte gerade einen neuen geschäftsführenden Direktor bekommen, Klaus Dörr. Er soll, so die Ansage des Kultursenators Klaus Lederer, kommissarisch die Geschäfte des Intendanten übernehmen. In Stuttgart und zuvor am Maxim Gorki Theater in Berlin hat er mit Armin Petras gearbeitet, der Stuttgart nach dieser Spielzeit verlassen will. So gilt auch Petras als möglicher Kandidat.

.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de