Derby in der Dritten Fußball-Liga

Kollektives Stadionverbot

Fußballfans aus Osnabrück und Münster werden wegen Ausschreitungen bei Derbys ausgesperrt. Ultras protestieren gegen den Ausschluss.

Beim Derby zwischen Preußen Münster und dem VfL Osnabrück am 7. Februar 2015 zünden Münsteraner Fans Bengalische Feuer im Fanblock auf der Tribüne.

Randale mit Folgen: Beim den nächsten Derbys zwischen Osnabrück und Münster müssen die Gästefans zu Hause bleiben. Foto: Friso Gentsch/dpa

OSNABRÜCK taz | „Auf den Rängen wird munter gerauft, Bierflaschen fliegen herum, mit einem Satz: Es herrscht eine Prachtstimmung.“ So beschrieb der Münchner Merkur vor 50 Jahren das erste Derby zwischen dem FC Bayern und dem TSV 1860 in der Bundesliga. Doch die Zeiten haben sich geändert. Heute werden drastische Maßnahmen getroffen, um die „Rabauken“, wie sie der Merkur nannte, aus dem Stadion auszuschließen. So sind am Mittwoch beim Derby der Drittligisten VfL Osnabrück und Preußen Münster keine Gästefans im Osnabrücker Stadion an der Bremer Brücke zugelassen. Faktisch sei das ein Stadionverbot, kritisiert der Rostocker Fananwalt Michael Noetzel.

Anfang September hatten der VfL Osnabrück und Preußen Münster zusammen mit der Polizei und dem DFB in einer Art Selbstkasteiung beschlossen, die Gästefans von den Hin- und Rückspielen auszuschließen. In der Vergangenheit hat es bei den Derbys in Osnabrück und Münster immer wieder Ausschreitungen und Verletzte gegeben. Bisheriger Höhepunkt war der Wurf eines Böllers im September 2011, der über 30 Menschen verletzte. Der Münsteraner Ultra, der den gefährlichen Böller im Osnabrücker Stadion warf, wurde zu einer fünfjährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Wegen der Randale bei den Derbys und anderen Spielen wurden beide Vereine zu mehreren Geldstrafen vom DFB verurteilt.

Noetzel ist Mitglied in dem bundesweiten Zusammenschluss „Fananwälte“. „Wir sind zwölf Anwälte, die leidenschaftlich die Interessen von Fans vertreten“, erzählt er. Noetzel sagt, es liege im Ermessen der Vereine, ob sie Tickets für Auswärtsfans anbieten oder nicht. Juristisch gesehen falle dies unter das Zivilrecht, genauer gesagt unter das Hausrecht. „Es ist schwierig, dagegen juristisch vorzugehen“, sagt Noetzel.

Faktisch sei der Ausschluss der Gästefans ein kollektives Stadionverbot, das allerdings zeitlich begrenzt sei, sagt Noetzel. Er merkt an, dass es in diesem Jahr eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts geben soll, ob Stadionverbote rechtens sind oder nicht. Ein Fan habe Verfassungsbeschwerde gegen ein gegen ihn ausgesprochenes Stadionverbot eingelegt. Die Entscheidung werde noch in diesem Jahr erwartet.

Glücklich ist der VfL mit dem Ausschluss der Gästefans nicht, sagt Pressesprecher Sebastian Rüther. Der Verein habe sich zunächst gegen die Kollektivstrafe ausgesprochen, sagt er. Bis Montag seien lediglich 7.500 Tickets verkauft worden. Das über 16.000 Zuschauer fassende VfL-Stadion war bei den Derbys regelmäßig ausverkauft. Nun werden die Tickets lediglich an VfL-Dauerkartenbesitzer, Mitglieder, Crowdfunder und vor dem 1. September 2015 registrierte User im Online-Ticketshop verkauft.

Die Osnabrücker Ultras reagieren mit einem Stimmungsboykott. Für sie ist das Spiel kein Derby mehr. „Zum Fußball, generell und ganz speziell natürlich zu Derbys, gehören Fans – auf beiden Seiten“, sagt ein Sprecher der Osnabrücker Ultra-Gruppe Violet Crew. Am Mittwoch werden die Ultras schweigen, es wird keine Choreographie zu sehen sein und es werden keine Fahnen geschwungen. Münsteraner Fans wollen am Mittwoch in Osnabrück mit einer Kundgebung gegen den Ausschluss protestieren. Die ist jedoch noch nicht genehmigt.

„Um zu zeigen, dass hier etwas im Argen liegt, haben wir uns auf den Stimmungsboykott geeinigt“, so der Ultra-Sprecher weiter. Dem Fußball drohe, das Elementarste zu verlieren, seine Fans. Der Boykott richte sich nicht gegen die Mannschaft, sagt er. Vielmehr wolle die Violet Crew auch in Zukunft das Team unterstützen. Das sei aber nur möglich, „wenn Kollektiv-Ausschlüsse nicht zur Regel werden“, so der Osnabrücker Ultra.

Der Ausschluss vom Derby sei ein „Scheißgefühl“, sagt er. Den DFB nähme in der Szene jedoch niemand mehr ernst „mit seinen Fantasie-Urteilen und kruden Regelungen“.

Zusätzlich zu den Derbys hat der Deutsche Fußball-Verband beschlossen, dass die Ostkurve im Osnabrücker Stadion, Heimstatt der Ultras, auch in den Heimspielen gegen den VfB Stuttgart II und Rot-Weiß Erfurt leer bleiben muss. Dies ist die Konsequenz aus dem nach einem Feuerzeugwurf abgebrochenen Pokalspiel gegen RB Leipzig.

Doch nicht allein den DFB trifft der Zorn der Ultras, sondern auch das niedersächsische Innenministerium. Dass die Behörde „beim Fan-Ausschluss in den Derbys mitspielt, und zudem eine Kollektivstrafe teilt, die eigentlich jedem Demokratieverständnis widerspricht, ist nur noch bedenklich“, sagt der Fußballfan. Die Strafe werde die Gruppe nicht befrieden. „Ultras sind immer auch Rebellion, ein ständiger Kampf mit den Zuständen, in denen wir leben“, sagt er. Repression werde den Widerstand eher befeuern.

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