22 Jahre lang war der Schweizer Wehrdienstverweigerer Adam Tellmeister auf der Flucht - und lebte ohne Papiere zuletzt in Berlin. Jetzt erhält er wieder einen Pass.von GEREON ASMUTH

22 Jahre ohne Alphörner: Jetzt kann Tellmeister zurück. Wenn er will. Bild: dpa
Dann ist alles anders. Gerade noch stand Adam Tellmeister vor einer nahezu weißen Leinwand, auf der kaum mehr als die krakeligen Wörtere "Oh Walter" zu lesen sind. Dann schaltet der Maler das Licht in seinem Atelier aus. Und im Metallrahmen versteckte LED-Leuchten an. Der Gast bekommt eine Halbbrille - und ein komplett neues Bild vor Augen. Farbig. Und räumlich. Es scheint, als könne man mindestens einen Meter in das Gemälde hineinfassen. Wie in eine Holografie. Wie in einen 3-D-Film. Eine virtuelle Welt, erschaffen in der Tradition italienischer Freskenmalerei. Das technische Meisterwerk kann nur bewundern, wer das Vertrauen des Künstlers genießt.
Armee: Berufssoldaten machen nur 5 Prozent des Militärs aus, alle übrigen sind wehrpflichtige Bürger. Das sind alle männlichen Schweizer, Frauen können sich freiwillig melden. Wehrdienst: Lange Zeit war es in der Schweiz unmöglich, den Kriegsdienst zu verweigern. Wer trotz Einberufung nicht erschien, musste mit einer Strafe von bis zu acht Monaten Haft rechnen. Zivildienst: Erst seit dem Jahr 1996 ist es möglich, ersatzweise Zivildienst zu leisten. Dieser dauert anderthalbmal so lang wie der Militärdienst. In diesem Jahr beschloss der Schweizer Bundesrat, dass Verweigerer künftig ihre Gewissensnöte schriftlich erklären dürfen. Die bisher übliche persönliche Anhörung entfällt dann.
An seiner Klingel steht ein falscher Name. Der 45-Jährige hat eine Visitenkarte, auf der steht "Schweizer Staatsbürger". Mehr hat er nicht. Keinen Pass, keine Krankenversicherung, kein Konto. Seit achtzehn Jahren lebt er in Berlin, in Prenzlauer Berg, ohne Papiere, weil er in der Schweiz den Kriegsdienst verweigert hat. Und weil er kein Asyl bekommen hat. Nicht in der Bundesrepublik, nicht in Holland. Nicht in der DDR.
Am Anfang der Geschichte steht ein Hund. "Ich musste erleben, wie mein Vater ihn erschossen hat", erzählt Tellmeister. "Kurzer Prozess." Keine Diskussion. Das habe ihn geprägt. Genau wie die Bilder aus Vietnam. "Wie Leute manipuliert werden können. Das können nur Deppen sein, die so anstandslos in diesen Daktari-Club gehen."
Adam hätte gern Zivildienst gemacht. Aber den gab es in der Schweiz nicht. Stattdessen kam 1986 der Einberufungsbescheid. "Darauf stand: Wer nicht erscheint, wird fahnenflüchtig und zur Verhaftung ausgeschrieben." Tellmeister wollte sich nicht kriminalisieren lassen und zog nach Venedig.
Ein Künstler brachte ihm die Freskenmalerei bei. Ein Anwalt brachte ihn auf die Idee, in Deutschland Asyl zu beantragen. Ein Fotograf brachte ihn ins Ruhrgebiet.
Im Essener Rathaus war man nicht vorbereitet auf Asylbewerber aus der Schweiz. "Die haben gefragt, wo ist denn die versteckte Kamera?", erzählt Tellmeister. Erst ein Anwalt setzte durch, dass er als Asylbewerber anerkannt wurde. Und ein Journalist setzte die Geschichte auf die Titelseite der Regionalzeitung WAZ.
In der Schweiz war er fortan eine Unperson. Seine erboste Familie habe ihn gebeten, den Namen nicht mehr zu benutzen. Ein Vertreter des Militärs habe ihn am Telefon als Landesverräter beschimpft. Selbst die Friedensbewegung in Zürich reagierte zornig. "Ich hab mit einem Typen telefoniert, der meinte nur, du Depp, du hast uns die Idee geklaut." Noch 20 Jahre später schüttelt Tellmeister den Kopf.
Unter den Friedensbewegten im Ruhrgebiet hingegen war er ein kleiner Star. Sie boten ihm Ausstellungsmöglichkeiten. Sie organisierten mit ihm die nicht ganz legale Umwidmung eines Kriegerdenkmals in Recklinghausen in ein "noch mal" für Deserteure. Tellmeister landete für einen Tag im Knast. Als er dann noch erwischt wurde, wie er Graffiti für die Asylbewerber ans Marler Rathaus sprühen wollte, war der Ofen aus. Sein Anwalt kündigte ihm. Sein Asylantrag fiel vor Gericht durch. Tellmeister setzte sich ab, über die grüne Grenze nach Holland.
Dort wiederholte sich das Spiel. Er beantragte Asyl in den Niederlanden und bekam einen entsprechenden Ausweis. Auf dem Foto prangten die Wörter "G. P. Adam". Das Kürzel steht für Gemeindepolizei Amsterdam. Er nutzte es fortan als Künstlernamen. Die holländischen Beamten nannten ihn stets "Swiss-Tell". Er kombinierte es mit seinem verlorenen Familiennamen und bastelte sich so seine neue private Identität: Adam Tellmeister.
Und er plante eine neue Ausstellung. "Über vier Ecken gab es Kontakt zu jemandem von der Schweizer Luftwaffe. Der hatte sich über die Bereifung der ,Mirage 2000' in einer Fachzeitschrift geäußert und musste wegen Landesverrat ins Gefängnis", erzählt Tellmeister. "Da kam die Idee, malerisch Schweizer Militärgeheimnisse umzusetzen." Er wollte den Mann treffen. In Zürich. Eine Freundin schmuggelte ihn im Wohnmobil über die Grenze.
Vor Ort sprayte er Graffiti ans Schwurgericht. "Freiheit für die Kriegsdienstverweigerer". Solche Sachen. Er wurde ertappt und von einem Militärgericht wegen Fahnenflucht verurteilt. Ein Zivilgericht klagte ihn zudem wegen Sachbeschädigung an. "Da gab es eine Pinkelpause", erzählt Adam. "Das Klo war in der Nähe des Ausgangs. Dann hab ich kurz überlegt, im Prinzip könnte ich rausgehen." Ein Freund habe ihn zurück nach Deutschland gebracht, im Kofferraum.
Der Deserteur floh weiter. "In der Besenkammer des Wohnmobils durch die DDR nach Berlin", erzählt Adam. "Wäre etwas passiert, hätte ich mich sofort dem Osten an den Hals geschmissen." Das setzt er erst ein paar Monate später um, weil er sich in Westberlin nicht wohlfühlte. "Ich war fest entschlossen, in die DDR zu gehen. Das war etwas naiv, aber ich dachte, du wirst dort ein ruhiges Malerleben führen." Als er zum Checkpoint Charlie gehen wollte, um seinen Asylantrag abzugeben, kamen ihm die Massen entgegen. November 1989. "Da bin ich richtig gefrustet wieder abgegangen". Erst als es das Gerücht gab, die Mauer könnte wieder geschlossen werden, ging er doch noch rüber.
Es gibt wenige Dokumente, die die Geschichten von Adam Tellmeister belegen. Eins davon ist ein Schreiben vom "Zentralen Aufnahmeheim des Ministerium des Innern" der DDR vom 25. Juli 1990. Es bestätigt dem werten Herrn G. P. Adam den Eingang seines Asylantrags. Er wurde nicht mehr bearbeitet.
Tellmeister ging in den Bezirk Prenzlauer Berg. Für den Schweizer ist das zwar nur ein "Idiotenhügel", aber in der Nachwendezeit gab es dort leere Wohnungen, in die man mit einem Dietrich einziehen konnte. Es gab Menschen, die wie er selbst gerade ihre staatliche Identität verloren hatten.
Die damalige Berliner Ausländerbeauftragte Barbara John finanzierte ein Projekt, bei dem Tellmeister Ostschüler Wessis und Westschüler Ossis zeichnen ließ. Gregor Gysi eröffnete eine Ausstellung. Mit anderen Prenzlauer-Berg-Künstlern initiierte G.P. Adam 1993 die Parallelwährung "Knochen", mit der man in lokalen Kneipen und Geschäften zahlen konnte. Die schaffte es in die "Tagesschau".
Doch mit den anderen Künstlern geriet er in Streit. "Man hat mir gedroht, dass man mich verpfeift", erzählt Tellmeister. "Ein Scheißgefühl. Du wirst äußerst vorsichtig." Doch nicht vorsichtig genug. Bei einer Schlägerei brach er sich die Hand. In ein Krankenhaus konnte er ohne Papiere nicht gehen. Er geriet an einen Bulgaren. Der entpuppte sich als Tierarzt. Ein echter Chirurg musste später retten, was noch zu retten war. Tellmeister bezahlte ihn mit Zeichnungen - und fiel ganz nach oben.
Der Chirurg kannte eine Anwältin. Sagt Tellmeister. Die Anwältin kannte einen engen Mitarbeiter von Außenminister Joschka Fischer. Sagt Tellmeister. Fischer überreichte die Deserteursakte im Herbst 2001 bei einer Bootsfahrt auf der Spree an seinen Schweizer Kollegen Joseph Deiss. Sagt Tellmeister. Der gab sie weiter an den Schweizer Botschafter in Berlin, Thomas Borer. "Da dachte ich, wenn es jetzt nicht klappt mit der Rehabilitation, weiß ich auch nicht". Sagt Tellmeister.
Borer musste kurz darauf wegen eines angeblichen Sexskandals abtreten. Später habe ihn das Auswärtige Amt telefonisch gebeten, stillzuhalten. Es war die Zeit der Visaaffäre. Fischer musste vor einem Untersuchungsausschuss aussagen. "Da war ich platt", erzählt Tellmeister, "jetzt pfeifen die alles wieder ab."
Sein einziger Weg zurück in die Schweiz blieb die Kunst. Der virtuelle Raum. Als in den 90er-Jahren in Prenzlauer Berg reihenweise die Altbauten saniert wurden, hat er dort Treppenhäuser verputzt. Und seine Freskentechnik so verfeinert, bis es ihm mithilfe von Chemikalien und speziellen Farben gelang, dreidimensionale Bilder auf die Leinwand zu bringen. Doch Tellmeister möchte nicht als Bastler abgestempelt werden. Es geht ihm um die Malerei. Schweizer Berge, Schweizer Mythen.
Das Gemälde in seinem Atelier zeigt Walter Tell. Es ist der Junge mit dem Apfel auf dem Kopf, auf den laut Schweizer Sage sein Vater Wilhelm mit der Armbrust zielte. Hier steht Walter in eindeutiger Position hinter einer Art Kuh. "Das ist das Sennentuntschi", erklärt Tellmeister. Ein weiterer Alpenmythos. Danach sollen Hirten sich aus Fellen eine Puppe gebastelt haben, um sie mit ins Bett zu nehmen. Später wird die Puppe lebendig und rächt sich für die Schandtat.
Im Blumenkasten vor Tellmeisters Fenster stecken Schweizer Fähnchen. Im vergangenen Jahr hat ihm die Schweizer Botschaft bestätigt, dass die Militärstrafverfahren verjährt sind. Dass er sofort einen Pass bekommen könne auf seinen Geburtsnamen. Aber er will Adam Tellmeister bleiben. "Ich leb doch nicht 21 Jahre so ein Scheißleben, immer in einer gewissen Angst, nur um dann zu sagen, es ist alles okay, komm wir vergessen das." Das jahrelange Ausharren hat sich gelohnt. Für das Fest der Schweizer Botschaft am heutigen Nationalfeiertag hat "Adam Tellmeister" eine Einladung bekommen. Der Pass mit dem gleichen Namen soll folgen.
Er wird noch einmal seine Identität verlieren. Die des illegalen Kriegsdienstverweigerers aus der Schweiz. Doch diesmal will er alles unter Kontrolle haben. Auf einer Kommode im Flur liegen akkurat drapiert gut zwanzig Visitenkarten von Menschen, die ihn besucht haben. Journalisten. Kulturkritiker. Galeristen. Solche Leute. Er sucht nach einem Prominenten, der ihm den Pass überreichen soll. Er lässt sich Heimatpakete von Freunden aus der Schweiz schicken, in denen er lesen will von einer Schweiz, die er nicht mehr kennt. Er plant eine Ausstellung in Luzern. Er will Anzeige erstatten gegen Wilhelm Tell, wegen Kindesmisshandlung. Er wird über die Grenze gehen. Dann ist alles anders.
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Leserkommentare
04.12.2008 19:49 | Daniel Neuhaus
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